Kind und Karriere

Jetzt reden die Väter

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Foto: Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen, ist auch für Väter eine Herausforderung.

- „Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle“: Geht das überhaupt? Kinder, Liebe und Karriere unter einen Hut bringen? Die Väter sagen: Nein! In dem Buch „Geht alles gar nicht“ entlarven sie die große Lüge um Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Vier Stunden Schlaf, mehr war für Stefano mal wieder nicht drin. Wie so oft. Aber das größte Problem ist für den 43-Jährigen nicht die meistens viel zu kurze Nacht, sondern diese halbe Stunde am Nachmittag, an der meistens alles scheitert. Um 17.30 Uhr hat seine Frau Feierabend und eilt nach Hause, um auf die Kinder aufzupassen. Um 18 Uhr beginnt seine Schicht.

Das reicht gerade, wenn alles gut läuft. Aber meistens läuft nicht alles gut. Meistens kommt Stefano trotz aller Eile zu spät. „Ich bin unpünktlich, abgehetzt, immer müde“, sagt er. Das ist sein Normalzustand.Stefano ist Vater zweier Töchter, sieben und drei Jahre alt. Und er ist einer von zehn Vätern, deren Geschichten die „Zeit“-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing in ihrem Buch „Geht alles gar nicht“ erzählen. Es handelt von überforderten Eltern im Allgemeinen und überforderten Vätern im Speziellen, vor allem aber handelt es von einer großen Lüge: Dass man einfach ein paar Kinderkrippen baut, jedem einen Platz garantiert, und schon sind Vollzeitjob und Familie herrlich miteinander kompatibel. „Wir sind ja prima organisiert, im Job und zu Hause, wir sind diszipliniert, wir wollen, dass alles klappt. Also klappt es auch, irgendwie“, schreiben sie. Aber: „Die Wahrheit ist: Es ist die Hölle.“

Endlich reden mal die Väter

An Klagen über die Härten des Familienalltags hat es ja auch bislang nicht gefehlt. Neu ist: Jetzt reden auch mal die Väter. Erzählen, wie es ist, wenn man sonntags mit der Tochter auf dem Spielplatz steht und man nur noch eben kurz mit dem Chef telefonieren muss, weil es da doch etwas so furchtbar Wichtiges zu besprechen gibt. Oder wie man am Abend eben noch schnell eine dienstliche Mail schreibt, während die Kinder schon mal Abendbrot essen. Und am Ende reicht es dann gerade noch für den Gute-Nacht-Kuss. Natürlich, es kann alles klappen. Jedenfalls dann, wenn kein Kind krank wird. Wenn kein Elternteil sich mit Grippe abmeldet. Wenn kein plötzlicher Morgentermin die Abläufe sprengt. „Die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere“, schreiben Brost und Wefing, „ist eine Lüge.“

Spricht daraus nun einfach das Selbstmitleid finanziell sorgenfreier Mittelschichtväter? Leiden jetzt die Herren lautstark an dem, was Frauen bisher im Stillen allein erledigt haben? Es wäre ein unfairer Vorwurf. Denn Brost, Jahrgang 1971, und Wefing, Jahrgang 1965, erzählen von dem, was sich verändert hat. Da ist der Wille, es anders zu machen als die eigenen Erzeuger, die „abwesenden Väter“, wie der dänische Erziehungswissenschaftler Jesper Juul sie nennt, die sich darauf beschränkten, Geld zu verdienen und sich aus allem rauszuhalten, was mit Kindern zu tun hat.

„Die überforderte Generation“

Nein, die Väter heute – jedenfalls viele – wollen da sein, wenn sich ihre Tochter auf dem Spielplatz das Knie aufschrammt. Sie wollen dem Sohn sein Lieblingsessen kochen, wenn er mit 39 Grad Fieber zu Hause bleiben muss. Sie wollen gute, präsente Väter sein, aber zugleich natürlich auch einfühlsame Partner und stets einsatzbereite, karrierebereite Mitarbeiter. Am Ende sind das dann ein paar Ansprüche zu viel. Zumal in einer Arbeitswelt, die die Grenze zum Privaten immer weniger akzeptiert. Mal eben noch die Mail am späten Abend beantworten, die wichtigen Anrufe am Sonnabend erledigen? Muss doch gehen. Aber am Ende geht dann doch nicht alles. „Die überforderte Generation“, so nennt der Soziologe Hans Bertram die heutigen Eltern. „Es gibt keine Familie, die nicht fast permanent am Rande des Wahnsinns operiert“, schreiben Brost und Wefing.

„Jetzt merkt ihr endlich mal, wie das ist“

Warum das alles in der öffentlichen Diskussion kaum eine Rolle spielt? „Männer würden sich tendenziell eher die Zunge abbeißen, als sich einzugestehen: Ich schaffe das nicht“, sagt er. Entsprechend unterschiedlich sind die Reaktionen auf ihr Buch. „Die Männer sagen eher: Jetzt spricht es endlich mal jemand aus“, erzählt Wefing. Kritik komme dagegen eher von Frauen. „Jetzt merkt ihr endlich mal, wie das ist“: Den Satz habe er schon häufiger von ihnen gehört.

Beide wollen nicht zurück zum alten Rollenmodell. Letztlich ist ihr Anliegen politisch: Sie wollen, dass Wirtschaft und Politik die „Rushhour des Lebens“ ein wenig entzerren – zum Beispiel durch Teilzeitmodelle oder die 32-Stunden-Woche für junge Eltern. Wenn das nicht gelingt, würden sich letztlich noch mehr Frauen und Paare gegen Kinder entscheiden. Seine kinderlosen Kollegen, erzählt Stefano, der Vater der beiden Töchter, seien immer entspannt. „Ich glaube nicht, dass sie glücklicher sind. Aber entspannter sind sie auf jeden Fall.“

Buchtipp

Marc Brost, Heinrich Wefing: „Geht alles gar nicht. Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können.“ Rowohlt Verlag. 240 Seiten, 16,95 Euro.

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