Prügeltod eines Dreijährigen

Jugendamt wusste von jahrelangen Misshandlungen

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Foto: Kinderklinik-Chefin Charlotte Niemeyer (re.) und Ute Spiekerkötter, Ärztliche Direktorin der Kinder- und Jugendmedizin, beantworten auf einer Pressekonferenz in Freiburg Fragen zum Tod eines dreijährigen Alessio.

Freiburg - Ein kleiner Junge wird verprügelt – jahrelang. Dann ist er tot. Jugendamt und Uniklinik weisen beide die Schuld von sich. Und viele stellen sich die Frage:Was ist schiefgelaufen?

Seit mehr als zwei Jahren war dem Jugendamt bekannt, dass der kleine Junge von seinem Stiefvater geschlagen wird. Nun ist Alessio tot. Der tragische Tod des Jungen aus Lenzkirch im Schwarzwald ist kein Einzelfall: 2006 hatten Polizisten in Bremen die in Müllsäcke eingewickelte Leiche des zweijährigen Kevin gefunden. Der kleine Körper war mit blauen Flecken übersät, die Knochen zertrümmert. Beide Fälle ähneln sich auf erschreckende Weise. Damals hieß es, die Behörden hätten nicht früh genug eingegriffen und zu sehr auf die Wünsche der Eltern gehört. Und auch beim Fall des drei Jahre alten Alessio steht das Jugendamt in der Kritik.

Man könne solche Fälle nie komplett verhindern, sagte die Chefin des Kinderschutzbundes in Baden-Württemberg, Verena Mohnke. Beide Familien seien vom Jugendamt betreut worden, Kevins Tod hat nach ihren Angaben sogar zum Bundeskinderschutzgesetz geführt. Trotzdem: „Es kann nicht immer jemand hinter der Tür stehen und aufpassen“, sagte Mohnke. Sie frage sich aber, ob alle Parteien nach Einstellung des Verfahrens noch einmal miteinander geredet hätten.

Die Uniklinik Freiburg hatte nach dem zweiten Klinikaufenthalt des Jungen 2014 Anzeige gegen Unbekannt gestellt und zuvor schwere Kindesmisshandlung attestiert. „Es hat zwei Einschätzungen gegeben: Die Uniklinik, die gesagt hat, das Kind muss raus aus der Familie und das Jugendamt, das der Meinung war, die Mittel zur Betreuung sind ausreichend“, sagte Mohnke.

Ob das Jugendamt eine Fehleinschätzung getroffen hat, beschäftigt auch Baden-Württembergs Sozialministerin Katrin Altpeter (SPD). „Der Tod des kleinen Jungen hat mich aufgewühlt“, sagte sie am Freitag in Stuttgart. „Ich kann bisher nicht nachvollziehen, warum das Kreisjugendamt den kleinen Jungen während einer längeren Abwesenheit der Mutter alleine bei dem Stiefvater belassen hat, trotz der zahlreichen Hinweise auf schwerste Misshandlungen.“

Obwohl die Eltern etwa behauptet hatten, das Kind sei von einem Kalb getreten worden, um die Schläge zu verheimlichen, hieß es von Sozialdezernentin des Kreises Breisgau-Hochschwarzwald, Eva-Maria Münzer: Die Tat sei nicht abzusehen gewesen. „Die Eltern waren kooperativ.“ Bei mehr als 200 Kindeswohlgefährdungen pro Jahr, habe es „noch nie einen solchen Fall“ gegeben, so Münzer. Sie selbst hat erst am Todestag des Jungen von dem Fall erfahren. Warum die Cousine des Stiefvaters als Dorfhelferin die Familie betreut habe, weiß Münzer nicht. „Das Jugendamt kooperiert mit dem Dorfhelferinnenwerk. Wir hatten keinen Einfluss darauf, wen das Dorfhelferinnenwerk einsetzt“, sagte sie.

Im Fall Alessio gibt es noch viele Unklarheiten. Der von Sozialministerin Altpeter angeforderte Bericht des Kreisjugendamtes liegt dem Ministerium nach eigenen Angaben inzwischen vor. Am Montag soll darüber beraten werden. Allerdings sei schon jetzt klar, dass noch nicht alle Fragen beantwortet sind.

dpa

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