Besuch in Sinti-Siedlung

Junge Sinti gehören zu den Bildungsverlierern

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Schwierig wird es, wenn junge Sinti auf sich allein gestellt sind: Roman (v. l.) , Marcelino mit Sohn und Marzeli von der Münchewiese haben wenig Aussicht auf einen Job.

Hildesheim - Die meisten haben keinen Schulabschluss und keinen Job. Junge Sinti gehören zu den Bildungsverlierern in Deutschland. Ein Besuch in einer Sinti-Siedlung in Hildesheim.

Marzeli ist ein junger Mann, gerade 22 Jahre alt, aber schon seit Kindertagen hat er einen sehr alten Traum: Von Tür zu Tür ziehen, seine Dienste anbieten, wie sein Großvater. Wenn er davon erzählt, klingt es wie die Lösung aller Probleme.

„Du kannst in jeder Stadt alles machen“, sagt er schwärmerisch. „Kein Chef, große Freiheit.“

Es sind nur gerade sehr schlechte Zeiten für Hausierer. Deshalb ist Marzeli arbeitslos. Einen Schulabschluss? Hat er nicht. Im letzten Schuljahr ist er nach ein paar Tagen nicht mehr zum Unterricht gegangen. Ausbildung? „Ich hatte nie im Kopf, eine zu machen.“

Wird schon klappen mit dem alten Traum, dachte Marzeli. Was dann ein Irrtum war.

Marzeli ist Sinto, und eigentlich müsste er eine große Ausnahme sein. Jedenfalls dann, wenn man der Bundesregierung glaubt. Vor gut zwei Wochen hat Angela Merkel in Berlin ein Denkmal für die während der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma eröffnet. Im Gedenken liege auch „ein Auftrag für heute“, sagte sie. „Die in Deutschland lebenden Sinti und Roma sind gut integriert“, steht in einem Bericht der Regierung an die EU-Kommission. Wenn jedoch Bildung ein Maßstab für Integration ist, dann enthält dieser Satz wenig Wahres. Das Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung in Mannheim hat von 2007 bis 2011 eine aufwendige Studie zur Bildung der Sinti und Roma in Deutschland erstellt. Demnach haben mindestens 44 Prozent der Befragten keinen Schulabschluss. Nicht mal jeder Fünfte hat eine Berufsausbildung.

Die Münchewiese in Hildesheim ist eines der Zentren der Sinti in Niedersachsen. Früher lebten sie hier in Baracken und Wagen, es war ein Viertel am äußersten Rand der Stadt. Inzwischen ist es von einem Gewerbegebiet umwachsen. In den neun einfachen Häusern, die die Stadt in den neunziger Jahren anstelle der verfallenden Baracken bauen ließ, wohnen nach wie vor ausschließlich Sinti, mehr als 30 Familien mit rund 250 Personen. Es gibt hier viele, denen es ähnlich geht wie Marzeli.

Da ist Marcelino, 22 Jahre alt auch er. Anders als Marzeli hat er den Hauptschulabschluss, hat ein Berufsvorbereitungsjahr absolviert, hat sogar ein Praktikum in einem Kaufhaus machen dürfen. Und dann? Kein Ausbildungsplatz. Da kam auch er wieder auf die alte Idee, wollte sich selbständig machen, aber zum Leben reichte es nicht, für ihn und seine kleine Familie. Oder Jana, 19, die sogar schon eine Lehrstelle hatte, für einige Tage jedenfalls, wie sie erzählt, als Verkäuferin. Dann war ihre alte Chefin weg, und die neue schickte sie fort. „Ich verstehe nicht, aus welchem Grund.“ Hausfrau werden, wie ihre Mutter, will sie nicht.

So klingen die Geschichten hier häufig. Die alten Muster funktionieren nicht mehr, und in der neuen Berufswelt kommen viele nicht an. Einer von der Münchewiese hat im Sommer Wirtschaftsabitur gemacht. Aber das ist die Ausnahme.

Marzeli, Marcelino und Jana sind Teilnehmer von „Mer Zikrales“, einem Projekt der Caritas und des Jobcenters. 18 arbeitslose Sinti lernen hier Hauswirtschaft oder arbeiten in einer Werkstatt. Das Projekt, 2007 begründet, ist eine Reaktion auf die Bildungsprobleme der Sinti - und auf ihre Skepsis gegenüber allen Institutionen.

Zu den Terminen im Jobcenter erschienen viele nicht. „Da ist immer noch viel Angst, dass man ihnen nichts Gutes will“, sagt die Sozialarbeiterin Sabine Jensen. Eine Vermittlungsstatistik gibt es nicht, sie fiele sicher nicht gut aus. Aber es muss wohl als großer Erfolg gelten, dass sie es geschafft hat, das Vertrauen der Sinti zu erringen und „Mer Zikrales“ zu einer akzeptierten Größe auf der Münchewiese zu machen.

Wer nach den Ursachen der Bildungsmisere sucht, der findet einige Hinweise zumindest auch hier, auf der Münchewiese, in den Biografien. Am Rand des Platzes steht ein alter Wagen. Angelika, genannt Mausi, Weiss, Jahrgang 1943, hat ihn restauriert. Es ist der alte Wagen ihrer Familie. Ihr Vater, von den Nazis ins KZ gesteckt, konnte großartige Geigen bauen, aber nicht lesen und schreiben. In den fünfziger Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Hildesheim. Sie war 14, man steckte sie in die zweite Klasse. „Ich war mehr Aufpasserin für die Kleinen als Schülerin.“

Bald ging sie nicht mehr hin. Lesen und Schreiben lernte sie dann erst viel später. Mit fast 50 ging sie zur Abendschule. „Ich dachte: Besser spät als nie.“ Nicht jeder brachte diese Energie auf. Ihre Schwester kann bis heute nicht lesen.

So kommt vieles zusammen: Eine lange Geschichte der Verfolgung, Vorurteile auf beiden Seiten und Familien, in denen Bildung oft ein fernes Gut war. „Die Schwierigkeiten beginnen immer dann, wenn junge Sinti auf sich allein gestellt sind“, sagt Sabine Jensen. Wenn sie also in schulische Höhen vorstoßen müssten, in denen es wenig Vorbilder in ihrer Umgebung und keinen Schutz der ihnen so wichtigen Gruppe gibt.

„Mer Zikrales“, sagt Jensen, sei da ein erster Schritt. Einer von vielen, die beide Seiten machen müssten. Marzeli hat einen wichtigen vor sich. Er will sich von seinem alten Traum verabschieden, sein Gewerbe abmelden. „Bringt ja nichts“, sagt er. Nur was danach kommt, weiß er nicht.

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