Strafvollzug „light“

Jurastudenten gehen freiwillig ins Gefängnis

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Das Experiment: Der angehende Jurist Moritz Rohrbach (27) sitzt in seiner Drei-Mann-Zelle. Das Projekt habe ihm neue Blickwinkel auf den Strafvollzug gegeben, sagt er.

Oldenburg - Vier Tage haben sich Jurastudenten in das alte Oldenbuger Gefängnis einschließen lassen. Sie wollten ein Gefühl dafür bekommen, wie man sich im Knast fühlt. Am meisten störte sie der Verlust der eigenen Freiheit.

Anfangs fühlt es sich noch an, wie ein ganz gewöhnlicher Studienausflug. Aber spätestens, als um 22 Uhr die Zellentür zufällt und der Schlüssel umgedreht wird, schlägt die Stimmung um. Rund 60 angehende Juristen und Professoren sind für vier Tage in die alte Justizvollzugsanstalt in Oldenburg eingezogen. Sinn dieses ungewöhnlichen Seminars: Den Haftalltag im geschlossenen Vollzug hautnah erleben. Haftanstalt statt Hörsaal, Praxis statt Paragrafen.

Möglich wird das Projekt, weil die rund 160 Jahre alte Vollzugsanstalt an der Gerichtsstraße Ende März den Betrieb eingestellt hat. So können die Nachwuchsjuristen aus Göttingen, Münster, Hamburg und Greifswald zwischen Seminaren und Vorträgen auch den Haftalltag unter relativ authentischen Bedingungen kennen lernen. Schlafen in beengten Zellen ohne Radio und Fernsehgerät, Essen wie die Häftlinge und - was vielen schwerfällt - fast vier Tage ohne Handy. Allerdings drücken die Bediensteten für die Gäste hinter Gittern das eine oder andere Auge zu - „Strafvollzug light“, bringt es Moritz Rohrbach (27) von der Uni Greifswald auf den Punkt.

Trotzdem glaubt er, schon nach der ersten Nacht eine Idee davon zu haben, wie es sein könnte, jahrelang auf acht Quadratmetern zu schlafen, ohne Privatsphäre, ohne Freiheit. „Das ist beklemmend“. Neben dem Erlebnisfaktor einer solchen Aktion, denkt der 27-Jährige, dass er von diesem Blick hinter die Gitter auch als Jurist profitieren kann. „Man bekommt einen geschärften Blick.“ Auch Klischees vom „Hotel- oder Kuschelknast“ könne er jetzt umso stärker widersprechen.

Kommilitonin Mina Tuncay (27) geht es ähnlich. Anders als Moritz, der sich ausnahmsweise eine Zelle mit zwei anderen Kollegen teilt, verbringt Mina die Nacht ganz allein. Sie sagt: „Man spürt, wie es sich anfühlt, gar nicht mehr selbstbestimmt zu sein.“

Die Wachleute machen ihre nächste Runde. Gegen 22 Uhr ist Zelleneinschluss. Und selbst wenn man seine Tür nicht verriegeln lassen möchte, ist das Gefühl noch immer bedrückend. So ganz allein zwischen Bett, Tisch, Schrank und Stuhl weiß man nicht so recht, was man mit seiner Zeit anfangen soll. Da bleibt nur lesen und grübeln.

Auf dem Gang klappern die Schlüssel, der Schatten der Gitter fällt auf die Zellenwand, und man bildet sich ein, den Geruch der Inhaftierten aus den vergangenen 160 Gefängnisjahren förmlich riechen zu können. Nach kaltem Rauch, nach Toilette und Seife. Irgendwann schläft man dann doch ein und wird schon wenige Stunden später wieder „zur Lebendkontrolle“ geweckt. Um 6 Uhr früh schauen die Bediensteten in jede Zelle, um zu prüfen, dass alle „Insassen“ noch leben, so wie in einer echten Anstalt. Dann geht es duschen und frühstücken. Wieder allein und in der eigenen Zelle.

Mina findet trotz aller Einschränkungen, dass sich der Mut, beim Projekt mitzumachen, gelohnt hat. Wenn man beruflich mit Strafrecht in Berührung kommt, kenne man einen Fall sonst „nur vom Papier“. Durch den Perspektivwechsel und die Gespräche mit echten Gefangenen lerne man, den Kriminellen auch wieder als Menschen wahrzunehmen, erzählt sie.

Die Studenten für das Thema Strafvollzug zu sensibilisieren, hält Minas Professor Frieder Dünkel für entscheidend. Es gehe darum, den angehenden Juristen zu zeigen: „Du schmeißt als Richter mit Jahren um dich“, erklärt er.

Und was halten die echten Inhaftierten davon, dass sich jemand freiwillig einschließen lässt? Im Gespräch mit zwei Gefangenen der neuen Oldenburger JVA erfahren die Studenten: Sinnvoll sei so ein Blick hinter die Kulissen bestimmt, sagt einer der beiden und vergleicht die Aktion mit der TV-Sendung „Undercover Boss“. Darin schleust sich ein Chef verdeckt als Mitarbeiter in seinen eigenen Betrieb ein. Dennoch sagen beide Gefangenen: „Das wahre Knastleben lässt sich auf diese Weise wohl niemals simulieren.“

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