HAZ-Interview

Käßmann: „Wir sollten fröhliche Europäer sein“

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„Protestantismus ist sehr lebendig": Margot Käßmann.

Hannover - Die Theologin und Luther-Botschafterin Margot Käßmann über die Freiheit des Christseins, die Deutschen als Gastgeber und den Mut, gut über andere zu reden.

Frau Käßmann, der Spardruck in der evangelischen Kirche ist immens. Wie deprimierend sind die Zukunftsaussichten? Geht es immer nur ums Schrumpfen?

Eine Kirche misst sich nicht wie ein Finanzinstitut oder Wirtschaftsunternehmen an Geldvermehrung, Größe und Zahlen, sondern an Glaubwürdigkeit, Verkündigung und Seelsorge. Aber natürlich ist es schmerzhaft, kleiner zu werden. Allein der demografische Wandel wird dazu führen, dass die großen Kirchen in Deutschland zahlenmäßig kleiner werden. Ich wünsche mir, dass wir das offensiv angehen und uns fragen, wie wir Kirche künftig gestalten wollen. Deshalb ist das Reformationsjubiläum 2017 auch wichtig, weil wir uns nicht nur mit notwendigen, aber auch belastenden Strukturdebatten, sondern ebenso mit inhaltlichen Themen von Glaube, Kirche und Theologie beschäftigen.

Und doch ist es ruhig geworden um den Protestantismus in Deutschland.

Ich empfinde ihn im Gegenteil als sehr lebendig. Gerade in Krisenzeiten ist es doch wichtig, Halt zu finden und sich nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Die letzten Gottesdienste, die ich erlebt habe, waren lebendig und gut besucht, der Hamburger Kirchentag steht vor der Tür, die Diakonie ist gefragt, Kirchenmusik lockt viele in die Gotteshäuser. Die Menschen haben offensichtlich eine Sehnsucht nach Spiritualität, für die die Kirchen sich noch weiter öffnen müssen.

Sie haben das Reformationsjubiläum 2017 bereits angesprochen. Im sogenannten Lutherjahr liegt der Thesenanschlag von Wittenberg genau 500 Jahre zurück. Was wird gefeiert? Und wie wird gefeiert?

Auf jeden Fall wird es keinen Kult um Luther und keinen Hurra-Protestantismus wie bei vorangegangenen Jubiläen geben, sondern ein offenes internationales Fest des Glaubens. Wir sind uns sehr bewusst, dass es das erste Reformationsjubiläum nach hundert Jahren ökumenischer Erfahrung sein wird. Was sich im 16. Jahrhundert so konfliktreich getrennt hat, existiert heute in versöhnter Verschiedenheit. Auch ein Grund zu feiern – ebenso wie die Entdeckung der Freiheit eines Christenmenschen, des individuellen Gewissens.

Sie haben auf der Tourismusmesse für das Jubiläum geworben. Wird das denn eine auch touristisch geprägte Gedenkfeier?

Weltweit gibt es mehr als 400 Millionen Protestanten, die ihre geistlichen Wurzeln mit Wittenberg verbinden. Wer 2017 nach Deutschland kommt, soll spüren: Die Welt ist zu Gast bei Schwestern und Brüdern. Der Deutsche Bundestag hat das Reformationsjubiläum als Ereignis von Weltrang bezeichnet. Und so wollen wir den Zeitraum vom Herbst 2016 bis zum 31. Oktober 2017 auch begehen: bunt, vielfältig, international. Wittenberg wird eine zentrale Rolle spielen mit einer „Weltausstellung der Reformation“.

Papst Benedikt hatte offenbar eine eher kritische Einstellung zur Ökumene – sein Nachfolger Franziskus hat angekündigt, den Weg der Ökumene beschreiten zu wollen. Ein wichtiges Signal?

Was die Veränderungen in der römisch-katholischen Kirche für die Ökumene und auch für das Reformationsjubiläum bedeuten, das müssen wir abwarten. Vielleicht bringt ein Papst, der nicht aus Deutschland kommt, neue Perspektiven mit in das Amt.

Kann der neue Papst Impulse für eine Belebung des christlichen Glaubens insgesamt geben?

Ich würde nach meinem evangelischen Kirchenverständnis niemals so viel von einer einzelnen Person erwarten. Bei uns werden die Herausforderungen immer auf viele Schultern verteilt. Ein solches Leitungsprinzip zeichnet die Kirchen der Reformation von Anfang an aus, auch dass die Leitung der Kirche durch Ordinierte und Nichtordinierte, Männer und Frauen gemeinsam erfolgt.

Die einen sagen, wir leben in einer reichen Gesellschaft. Die anderen sehen immer stärkere Armut. Hat die Politik den richtigen Blick?

Der Armut- und Reichtumsbericht der Regierung zeigt, dass die Gesellschaft an einigen Stellen auseinandertreibt, ich denke da an die Situation der Alleinerziehenden oder an Familien mit mehreren Kindern. Deshalb ist es gerade für die Kirchen wichtig, Kinder zu fördern. Bildungsgerechtigkeit war schon ein Thema der Reformation, schließlich hat Luther die Schule für alle gefordert. Daraus entstand die Volksschule. 700 000 Kinder und Jugendliche besuchen heutzutage evangelische Bildungseinrichtungen. An solchen Orten wird viel für die Zukunft unseres Landes entschieden. Das sollte die Politik im Blick haben.

Mobbing im Internet hat stark zugenommen – verlieren wir im virtuellen Miteinander den Respekt vor dem Nächsten?

Mein Eindruck ist, dass die Anonymität des Internets Menschen dazu bringt, Dinge über andere zu formulieren, die sie ihnen nie ins Gesicht sagen würden. Luther sagte zum achte Gebot („Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“), es bedeute, dass wir unseren Nächsten nicht verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern Gutes von ihm reden sollen. Dem ist nichts hinzuzufügen!

Das Bild der Deutschen im Ausland verändert sich gerade. 2006 waren wir bei der Weltmeisterschaft die fröhlichen Deutschen, in Griechenland und Zypern werden wir als böse karikiert. Wie sollten wir uns verhalten?

Wir sollten fröhliche Europäer sein. Und aufhören, den Europagedanken schlechtzureden. Ich habe mich immer gefreut, wenn wir als Deutsche und Europäer zugleich agierten. Und ich hoffe, auch das Reformationsjubiläum wird dazu beitragen, als gute Gastgeber die Europäer zu empfangen. Es ist traurig, dass diese Leichtigkeit seit 2006 zurückgegangen ist, denn es war bei der Fußball-WM schön, deutsche Fahnen zu sehen ohne ein Gefühl nationalistischer Entgleisung.

Wie erleben Sie Ihre neue Heimat Berlin?

Berlin ist auf faszinierende Weise international. Eine sehr quirlige, spannende Stadt.

Keine Sehnsucht nach dem Maschsee und der Heimat Hannover?

Ich habe sehr gerne dort gelebt. Hannover als Stadt ist in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung absolut unterschätzt.

Sie sind sehr viel auf Reisen. Bleibt noch Zeit für Freunde und Familie?

Ich stehe intensiv in Kontakt zu meinen vier erwachsenen Töchtern.

Kulturelles Leben in Berlin – können Sie daran teilhaben?

Es gibt ja nahezu ein kulturelles Überangebot, bei dem die Entscheidung oft schwer ist. Vor Kurzem war ich im Deutschen Theater, „Joseph und seine Brüder“ – großartig!

Ihr persönlicher Berlin-Tipp?

Kürzlich war ich zum ersten Mal auf dem Tempelhofer Feld. Das ist schon etwas ganz Besonderes mitten in der Hauptstadt.

Interview: Harald John

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