Zu viel Dünger in See

Kampf um den Dümmer

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Foto: Der Dümmer, Niedersachsens zweitgrößter See, ist halb so groß wie das Steinhuder Meer.

Dümmerlohausen - Mit dem zweitgrößten See Niedersachsens soll es wieder aufwärts gehen. Nach Jahren der Überdüngung kämpfen Anlieger für die Wasserqualität im Dümmer und hoffen, dass dadurch auch der Tourismus wieder in Schwung kommt.

Wilhelm Schomaker ist ein Freund des Dümmers. Er ist aufgewachsen in Dümmerlohausen am Westufer, als Gastwirt und Bootsverleiher lebt er vom See. Der 64-Jährige will die Touristen nicht abschrecken, im Gegenteil. Gerade deshalb erzählt er von Mückenschwärmen, Blaualgen und toten Fischen – vor allem im vergangenen Jahr machten Bilder davon die Runde. Lange genug habe man zugesehen, wie aus einem gesunden Flachsee der überdüngte „Patient“ Dümmer wurde. „Jetzt muss endlich was passieren“, sagt Schomaker und blickt auf seinen Steg. Viele Hafenliegeplätze sind frei, weil Segler enttäuscht an andere Seen umzogen.

So wie dem Gastwirt geht es vielen Bewohnern und Besuchern am Dümmer: Es wird ihnen wehmütig zumute, wenn sie an früher denken. Zwar liegt Niedersachsens zweitgrößter See nach wie vor recht idyllisch in der Moorniederung südlich von Diepholz, mit Strandbädern, Segelbooten, einem 18 Kilometer langen wassernahen Deichweg für Radfahrer und Wanderer rund um das Gewässer. Doch seit der Eindeichung in den fünfziger Jahren hat sich der Dümmer stetig verändert, und leider eher nicht zum Guten.

„Früher gab es hier Fische“, erzählt mit Trauer in der Stimme Walter Kammerahl, der einst sein Geld mit Barsch, Hecht und Zander aus dem See verdiente. Als Naturschutzwart lernte der jetzt 79-Jährige auch die Vogelwelt intensiv kennen. Er erinnert sich gut an die Dümmer-typischen Binseninseln, in denen Rohrdommeln brüteten. „Die Inseln sind komplett verschwunden.“ Die in den letzten Jahren ausgewiesenen Naturschutzgebiete, wo der Naturliebhaber etwa Fischadler beobachten kann, reichen ihm nicht als Ersatz.

Algen verdrängen Wasserpflanzen

Es war ein schleichender Prozess, und er ist eng mit der intensiven Landwirtschaft verbunden. Erst schuf die Eindeichung den Bauern zusätzliche Flächen, verhinderte aber gleichzeitig, dass der See überschüssige Nährstoffe an angrenzende Wiesen abgeben konnte. Dann gelangten bis heute aus den Einzugsgebieten des Sees vor allem im Landkreis Osnabrück Düngemittel über den Zufluss Hunte in den Dümmer. Die Folgen: Algen nehmen zeitweise überhand, während eine Vielzahl von Wasserpflanzen verschwinden. In einzelnen Sommern, auch 2011, plagten sogar große Mengen Blaualgen, die krank machen können, und ans Ufer geschwemmte Schwärme toter Fische die Besucher. Zudem breiteten sich kleine Mücken aus, die sonst von Fischen gefressen würden.

Fremdenverkehrsverbände verfassten eine Petition, und Segelvereine drohten dem Land als Eigentümer des Dümmers mit einer Klage. Sie konnten sich auf die Europäische Wasserrahmenrichtlinie berufen. Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann (CDU) setzte schließlich im Herbst den Dümmer-Beirat ein.

Seitdem passiert Vielversprechendes, jetzt wo es höchste Zeit ist. Die Wasserwirtschafter, Naturschützer und andere Fachleute und „Freunde des Dümmers“ sollen bis Ende des Jahres Möglichkeiten erarbeiten, den See nachhaltig zu verbessern. Die Beteiligten, darunter Kommunen, Touristik-, Sportfischer- und Seglerverbände, zeigen sich zufrieden mit den Diskussionen und Zwischenergebnissen – nach jahrelangem Zögern und Zoff auch für viele Außenstehende überraschend.

Lob für Dümmer-Beirat

„Jahrzehntelang drehte sich alles im Kreis“, meint etwa Segelklubchef Cornels Latsch. Der neue Beirat habe die Vereine, Verbände und „Dümmer-Urgesteine“ erfolgreich zusammengeführt: „Die lassen den Dümmer nicht sterben.“ So wird ein schon Anfang der achtziger Jahre von Gutachtern für nötig erklärter Großschilfpolder nun konkret geplant. Er soll als eine Art Naturfilter die Phosphatbelastung verringern. Richtig wirken wird es erst nach etwa zehn Jahren. Gewässerberatung für Landwirte und schärfere Düngekontrollen sollen ein Übriges tun.

Zu Sommerbeginn sieht es bisher vergleichsweise gut aus am Dümmer, das Wasser ist ziemlich klar. Doch die Berichte aus dem vergangenen Jahr zeigen Folgen. Der Jugendzeltplatz am Westufer etwa verzeichnet seit den letztjährigen Horrorberichten über Blaualgen einen Nachfragerückgang von weit über einem Drittel. Auch der Bootsverkehr lässt weiter nach, wie Hermann Dannhus von der Werft in Lembruch berichtet. „Es fehlen mindestens 600 Boote“, sagt er, 2000 seien offiziell zugelassen.

Beim „Strandhaus Schomaker“ hält ein Reisebus mit Senioren. Den Tagesausflüglern gefällt der Dümmer. Bloß kommen nicht mehr genug. „Es muss schnell etwas passieren“, bekräftigt der Wirt. Sein Sohn, Koch auf der Aida, würde das Gasthaus gern übernehmen.

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Zu viel Schlamm – wie am Steinhuder Meer

Der Dümmer ist, wie Niedersachsens größter See, das Steinhuder Meer, ein natürlich verlandender Flachsee. Bodenpartikel aus den Zuflüssen setzen sich bei der geringen Fließgeschwindigkeit am Boden der nur gut einen Meter tiefen Seen ab und bilden im Zusammenwirken mit abgestorbenen Algen dort Schlamm. Überdüngung verstärkt die Schlammbildung. Um die Gewässer als Naherholungsgebiete unter anderem für Segler zu erhalten, werden sie regelmäßig ausgebaggert, der Schlamm wird auf Deponien verfrachtet.

Wie Hans-Heinrich Schuster vom Landesamt für Wasserwirtschaft erläutert, unterscheiden sich die beiden Seen beim Wasseraustausch. Während sich das Steinhuder Meer alle zwei Jahre „erneuert“, wechselt das Wasser im halb so großen Dümmer etwa fünfmal im Jahr. Man könne sich den Dümmer wie eine breite Stelle des stark phosphorbelasteten Flusses Hunte vorstellen, sagt Marcel Holy von der Naturschutzstation am Südufer in Hüde.

Über die Hunte habe der See ein viel größeres, überwiegend landwirtschaftlich geprägtes Einzugsgebiet und leide an deutlich mehr Nährstoffeinträgen. Doch so wie sich bereits die Wasserqualität des Steinhuder Meers erheblich verbessert hat, gibt es laut Schuster auch für den Dümmer Hoffnung: „Es deutet alles darauf hin, dass es dieses Jahr deutlich weniger Blaualgenprobleme gibt.“

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