Grindadráp auf den Färöern

Kampf gegen das Walschlachten

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Klaksvík - Erlaubte Tradition oder Massenschlachterei? Auf den Färöern stehen sich Umweltschützer und Einheimische gegenüber. Unversöhnlich?

Ein paar alte Schuppen, verrostete Bootsschienen, Steine. Viel mehr ist nicht zu sehen am Strand von Klaksvík, kein besonders auffälliger Ort im Norden der Färöern. Für Nils aber ist dieser Strand ein Ort des Schreckens: „Wo wir stehen, ist über die Jahre das Blut von Tausenden von Walen geflossen“, sagt der 27-jährige Hamburger.

Man kennt die Bilder, die Nils im Kopf hat. Sie spielen sich ab auf dieser zu Dänemark zählenden Inselgruppe im Nordatlantik, die zwischen Großbritannien, Island und Norwegen liegt. Färöer heißt übersetzt „Schafsinseln“, das klingt irgendwie harmonisch. Doch die Ereignisse hier sind es nicht. Männer in Neoprenanzügen stehen bis über die Hüfte in blutig-rotem Wasser, bewaffnet mit Seilen, Haken, Messern.

Zwischen ihnen wälzen sich die Leiber von bis zu sieben Meter langen Grindwalen, tote Tiere liegen mit halb abgetrennten Köpfen in Reih und Glied am Ufer. Auf jeden lebenden Wal, der mit einem Metallhaken im Atemloch an Land gezogen wird, sticht einer der Männer mit einem speziellen Messer ein. Er zielt auf eine bestimmte Stelle des Rückenmarks. Trifft er, stirbt der Säuger sofort.

„Grindadráp“ nennen die Färöer die Jagd, die immer wieder einen regelrechten Volksauflauf auslöst. Leicht werden dabei mehr als 100 Tiere an einem Tag getötet. Im Vorjahr starben insgesamt weit mehr als 1000.Damit sich ähnliche Schauspiele nicht wiederholen, will Nils von nun an den ganzen Sommer lang an den Stränden patrouillieren – zusammen mit mehr als 500 anderen Freiwilligen aus insgesamt 27 Nationen. Sie alle tragen schwarze Pullover mit einem martialischen Totenkopflogo plus Dreizack und Hirtenstab, sie alle sind Sea-Shepherd-Aktivisten.

Die Naturschutzorganisation, die weltweit auch mit rigiden Methoden für die Ozeane kämpft, hat die Kampagne „GrindStop 2014“ ausgerufen. Mit einer kleinen Armada von Motorbooten und Wohnwagen zeigen die Meeres-Hirten vier Monate lang Präsenz auf den Inseln. Jeder der mehr als 20 Strände, die die Färöer Behörden für die Waltötungen freigegeben haben, wird von ihnen überwacht.

Millionen Menschen bewundern die Tierschützer für ihren Mut und ihren Einsatz. Die Menschen auf den autonomen, zur dänischen Krone gehörenden Inseln verstehen sie jedoch nicht.Warum lassen die Färöer alles stehen und liegen und springen in ihre Motorboote, sobald sich Wale blicken lassen? Warum riskieren sie es, für ein paar Tonnen dunkles Fleisch international geächtet zu werden – so wie die Japaner, die in der Bucht von Taiji Delfine abschlachten? Anderswo werden gestrandete Wale tagelang gepflegt und ins Meer zurückbugsiert, hier werden sie mit Motorbooten ins seichte Wasser getrieben und in Serie umgebracht.

Was die Umweltschützer als archaisches Abschlachten von intelligenten Lebewesen brandmarken, sehen viele der 50 000 Färöer als traditionelle Form des Nahrungserwerbs. Gewiss sind sie kein Völkchen mit Killerinstinkt. Kriminalität kommt so gut wie nicht vor, Haustüren und Autos bleiben unverschlossen.

Einheimische sprechen mit Besuchern offen über die Waljagd. Dem 35-jährigen Andreas, der als Lastwagenfahrer, Nachtwächter und Touristenführer arbeitet, tut schon ein Austernfischer-Küken leid, das die Möwe holt. Genauso aber ist er mit Angelrute und Hasenjagd aufgewachsen. 30, 40 Schafe schlachtet seine Familie jährlich für den Eigenbedarf. Seevögel wie der Basstölpel rangieren bei den Färöern als Spezialität weit oben auf der Speisekarte.

Die Kritik am Walfang kann Andreas nicht nachvollziehen: Jahrhundertelang hätten die Tiere das Überleben seiner Vorfahren gesichert. Bis ins 16. Jahrhundert gehen die Bücher zurück, in denen die Tötungen aufgelistet werden. Die Wale würden nicht gesucht, so Andreas, aber wenn sie sich der Küste näherten, würden sie als „Gottesgeschenk“ betrachtet und angenommen. Das Fleisch werde – anders als in Japan, Island und Norwegen – weder verkauft noch exportiert, sondern an die Bevölkerung verteilt.

Der Walfang war in der Vergangenheit ein Teil des Sozialsystems auf den Inseln. Und wer über das viele Blut erschrecke, sagt Andreas, solle sich in einem Schlachthaus für Schweine oder Puten umschauen. „Da spielen sich die wahren Tierquälereien ab, nur eben hinter hohen Mauern.“ Zu den gefährdeten Arten gehört der Grindwal nicht: Der Bestand im nördlichen Atlantik wird auf mehr als 100 000 Tiere geschätzt.

Den Sea-Shepherd-Aktivisten Nils kann das nicht überzeugen. Mit acht anderen Umweltschützern teilt er sich ein winziges gemietetes Häuschen, kocht für sich und die anderen veganes Essen und ist beinahe rund um die Uhr mit der Kamera unterwegs – demnächst auch mit einer Drohne, um im Fall der Fälle Luftbilder in die ganze Welt zu senden. Nils war auch schon ein paar Wochen im japanischen Taiji dabei, um das Massaker an den Delfinen zu stoppen.Was würde er tun, wenn die Jagd tatsächlich beginnt? „Wenn es sein muss, werde ich mich zwischen die Messer und die Wale stellen“, sagt er. „Ich bin bereit, für diese Tiere zu sterben.“ Nils ist einer von vielen.

Bislang ist es bei zerkratzten Sea-Shepherd-Wagen, zerstochenen Reifen und Stinkefingern hinter Autoscheiben geblieben. So wie Nils die hinausfahrenden Fischerboote fotografiert, fotografieren die Einheimischen ihn. Das könne ein Vorgeschmack auf den Krieg der Bilder sein, der den Färöern in diesem Sommer bevorsteht.

Zumindest offiziell haben die Behörden keinen Fangstopp verkündet. Sea Shepherd war vor drei Jahren schon einmal da. Damals passierte nichts. Entweder sichteten die Inselbewohner tatsächlich während der Saison keine Wale, was vorkommt, oder sie wollten die Eskalation vermeiden. Danach aber griffen die Einheimischen wieder zum „Grindaknívur“, zum Grindwal-Messer. Mitte Mai dieses Jahres ließen bereits 13 Wale ihr Leben. Da war Sea Shepherd noch nicht vor Ort.

Und doch: Könnte es sein, dass auf den Inseln die Erkenntnis dämmert, dass die Zeit des Walschlachtens vorbei ist? Der Jagd auf Großwale trauert ja auch niemand nach, der letzte wurde 1984 getötet, wie im Museum in der Inselhauptstadt Tórshavn nachzulesen ist. Und auch wenn die Selbstversorgung immer noch eine Rolle spielen mag: Die Regale in den Supermärkten sind gefüllt. Niemand muss Hunger leiden auf den von Dänemark subventionierten Färöern. Der Lebensstandard ist hoch, die Arbeitslosigkeit niedrig. Vor allem aber: Die Konzentration von Schwermetallen wie Quecksilber oder Blei im Walfleisch ist so hoch, dass die Ärzte vom regelmäßigen Verzehr abraten.

Der ehemalige US-Umweltpolizist Scott West leitet die Sea-Shepherd-Kampagne – und entdeckt neue, noch vorsichtige Verbündete unter den Einheimischen. Seit seine Teams ihre Posten bezogen haben, sitzt er viel hinter seinem Laptop und wartet, was passiert. West sagt, dass ihm von jüngeren Färöern insgeheim signalisiert werde, dass sie mit seiner Organisation sympathisierten. Nur traue sich niemand, das offen zu bekunden.

Klar ist aber auch: Es gibt größere Probleme auf den Weltmeeren. Die Überfischung, der Plastikmüll und die Umweltgifte, unter denen die Wale leiden, sind der eigentliche Tod der Ozeane. Und dafür sind zuallererst jene Staaten verantwortlich, die die Färöer am lautesten kritisieren. Von den Europäern wollen sich die Insulaner jedenfalls nicht hereinreden lassen – denn sie gehören nicht zur Europäischen Union und pochen auch gegenüber Dänemark vehement auf ihre Eigenständigkeit.

Umweltschützer Nils will erst im Herbst nach Hamburg zurückkehren. Die Elbe ist der einzige Ort, an dem er bislang einen Meeressäuger gesichtet hat, einen Schweinswal. Für diesen Sommer hat er vor allem einen Wunsch: dass es dabei bleibt.

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Isländer sind wieder auf Walfangtour

Die ersten Wale sind gefangen: Isländische Walfangboote sind seit Sonntag auf dem Atlantik unterwegs, berichtet das Magazin „Icelandic Review“. Laut Quote dürfen die Isländer in dieser Saison 154 Finnwale fangen. Das Fleisch wird nach Japan verkauft. Tierschützer fordern von der Internationalen Walfangkommission und den Regierungen der Mitgliedsstaaten, den kommerziellen Walfang in Island zu stoppen. „Die Entscheidungsträger dürfen nicht länger tatenlos zusehen und zulassen, dass Island weiterhin die Tötung von gefährdeten Finnwalen erlaubt“, sagte Astrid Fuchs von der Whale and Dolphin Conservation. Eigentlich ist der kommerzielle Walfang seit 1986 weltweit per Moratorium verboten. Für Norwegen und Island ist das Übereinkommen allerdings nicht bindend, weil die Länder Einspruch erhoben beziehungsweise Vorbehalt geltend gemacht haben.

Bedrohte Giganten in den Weltmeeren

Welcher Wal ist gefährdet? Auf ihrer „Roten Liste“ hält die Weltnaturschutzorganisation IUCN fest, welche Arten bedroht sind. Dabei sei mitentscheidend, erklärt Volker Homes als Artenschutzexperte des WWF Deutschland, wie die Population einer Art innerhalb einer Generation abgenommen hat. Das könne von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich sein.

  1. Südkaper: Rund 7500 Tiere leben in küstennahen Gebieten im Südpazifik und -atlantik; eine Gefährdung ist laut IUCN anzunehmen. Sein Pendant im Nordpazifik und -atlantik, der Nordkaper, gilt mit 500 Tieren bereits als „stark gefährdet“.
  2. Grönlandwal: Diese Art ist mit 12 000 Walen in den arktischen Gewässern zu finden. Um die norwegische Inselgruppe Spitzbergen gilt der Wal als „vom Aussterben bedroht“.
  3. Blauwal: Das größte Lebewesen der Welt ist „gefährdet“. Weniger als 25 000 Tiere schwimmen heute noch in den Weltmeeren.
  4. Buckelwal: Er ist in allen polaren bis tropischen Meeren verbreitet. Mit 63 000 Tieren ist er „nicht gefährdet“.
  5. Pottwal: Rund 200 000 Tiere leben in den Weltmeeren. Wegen der Bejagung ist der Wal als „gefährdet“ eingestuft.

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