Konsequenzen aus Skandal

Kassen fordern Stopp von Göttinger Transplantationen

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MHH könnte Operationen übernehmen, die bis jetzt in der Klinik in Göttingen durchgeführt wurden.

Hannover/Göttingen - Die Krankenkassen fordern drastische Konsequenzen aus dem Organspendeskandal an der Uni-Klinik Göttingen. „Die Transplantationsmedizin in Göttingen sollte geschlossen werden. Die Medizinische Hochschule Hannover kann die Aufgaben ohne Probleme übernehmen“.

Das sagte der Leiter des Verbandes der Ersatzkassen (VdEK), Jörg Niemann, der HAZ. Es sei an der Zeit, ein „symbolisches Zeichen“ zu setzen, damit sich die Menschen wieder verstärkt zur Organspende bereit erklären.

Niemann spricht von einer „tiefen Verunsicherung“, die mit dem Skandal in Göttingen einhergehe. Dort steht ein Arzt vor Gericht, der in die Organlisten eingegriffen und eigene Patienten besser platziert haben soll. Auf diese Weise waren Kranke, die eher ein Spenderorgan hätten bekommen sollen, nicht oder erst viel später berücksichtigt worden.

Laut Niemann ist die Organspendebereitschaft im vergangenen Jahr bundesweit um 13,6 Prozent eingebrochen. In Bayern und in Niedersachsen, zwei Ländern, in denen Unregelmäßigkeiten bei Transplantationen bekannt geworden waren, sei der Rückgang noch stärker ausgefallen.

Der Vorschlag der Uni-Klinik, einen Verbund mit der MHH zu bilden und so die MHH die Transplantationen in Göttingen überwachen zu lassen, führe nicht weiter. Die Uni-Klinik Göttingen sei bisher bei Transplantationen „nicht erfolgreich“ gewesen. Das Minimum an Leber-Transplantationen sei 2008 unterschritten worden – statt mindestens 20 habe es lediglich neun gegeben. Im gleichen Jahr kam der Arzt an die Klinik, der jetzt als Angeklagter vor Gericht steht. Mit seinem Dienstantritt schnellte die Zahl der Leber-Transplantationen nach oben – auf 53 im Jahr 2009. Erst am Montag hatte eine Zeugin im Göttinger Gerichtsprozess gegen den Arzt ausgesagt; bei dessen Anstellung sei auf eine Mindestanzahl von Transplantationen gedrungen worden – damit Göttingen als Standort hätte gehalten werden können. Ursache sei eine Vorgabe der Kostenträger, also der Kassen, gewesen.

VdEK-Chef Niemann betont, es dürfe bei der Standortfrage jetzt nicht um die Reputation der Uni-Klinik gehen. Maßgeblich müsse es sein, das Vertrauen der Menschen in ordnungsgemäße Organverpflanzungen wiederherzustellen. MHH-Vizepräsident Andreas Tecklenburg erklärte, die MHH könne ohne Schwierigkeiten die bisher in Göttingen geleisteten Transplantationen übernehmen. Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) sagte der HAZ, Überlegungen zu einer Aufgabenteilung der Transplantationsmedizin zwischen Hannover und Göttingen seien „sinnvoll“. Die Göttinger Klinik habe aber ein Modell entwickelt, wie man Manipulationen künftig vermeiden könne.

Von Klaus Wallbaum und Jürgen Gückel

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