Forschungsprojekt gescheitert

Katholische Kirche stoppt Pfeiffers Missbrauchsstudie

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Foto: Fühlt sich gegängelt: Der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer.

Hannover - Eines der ehrgeizigsten Forschungsprojekte des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) steht vor dem Scheitern – und damit rückt auch eine umfassende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in weite Ferne.

Eine umfassende Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche rückt in weite Ferne. Die Zusammenarbeit mit dem seit anderthalb Jahren mit dem Projekt befassten Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) wurde von der Deutschen Bischofskonferenz gekündigt, wie diese am Mittwoch mitteilte. Mitte 2011 hatte die katholische Bischofskonferenz den hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer beauftragt, das Thema des sexuellen Missbrauchs grundsätzlich aufzubereiten. Die breit angelegte Untersuchung sollte den Missbrauch von Minderjährigen seit 1945 aufklären, das Handeln der Täter analysieren und auch darstellen, wie sich die Katholische Kirche gegenüber Tätern und Opfern verhalten hat.

Doch das KFN ist aus dem Spiel. Pfeiffer sieht in nachträglichen Bedingungen, die die katholische Kirche vertraglich vereinbaren wollte, die Wissenschaftsfreiheit gefährdet. „Die Tatsache, dass der Verband Deutscher Diözesen das Recht beansprucht, unsere Forschungstexte inhaltlich zu kontrollieren und sie notfalls verbieten zu können, wenn er mit ihnen inhaltlich nicht einverstanden ist, ist aus unserer Sicht unakzeptabel“, sagt er.

Nach Informationen der HAZ hat es bis zuletzt Verhandlungen zwischen Pfeiffer und dem Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, gegeben, das Projekt mit dem KFN doch noch zu retten. „Ob mit oder ohne Pfeiffer, das Projekt geht weiter“, sagte Matthias Kopp, Sprecher der Bischofskonferenz am Dienstagabend.

Bereits im Sommer vergangenen Jahres hieß es, dass die Arbeiten am ehrgeizigen Projekt stockten. Die Zeitung „Christ und Welt“ berichtete, dass die Bistümer München, Regensburg und Dresden sich von der Studie verabschiedet hätten. Auch das Netzwerk katholischer Priester, ein Zusammenschluss „besonders romtreuer Geistlicher“ habe rebelliert. Dabei sollte das mit 450.000 Euro ausgestattete Forschungsvorhaben die katholische Kirche auch von dem Vorurteil befreien, einer gründlichen Aufklärung über Missbrauchstaten durch Priester, Diakone und Ordensleute im Wege zu stehen.

Das Erzbistum München und Freising hat die Vorwürfe Pfeiffers derweil zurückgewiesen. Von "Zensurwünschen" der Erzdiözese könne keine Rede sein, sagte ein Bistumssprecher am Mittwoch. Zensurwünsche entsprächen nicht der Wissenschaftsfreiheit, der sich auch das Erzbistum verpflichtet fühle. Es müsse darüber diskutiert werden, "wie der unbedingte Wille zur Aufklärung im Sinne der Opfer von Missbrauch mit der notwendigen Sorgfaltsverpflichtung sowie Fürsorgepflicht gegenüber kirchlichen Mitarbeitern zu vereinbaren ist". Dabei gehe es um Fragen des Datenschutzes und der Anonymisierung.

Der hannoversche Kriminologe hat demgegenüber stets betont, dass die erhobenen Daten anonymisiert werden würden. Das KFN erhalte bei der Erhebung auch keinerlei direkten Einblick in die Personalakten – das hatten Pfeiffer und Pater Langendörfer auch kurz nach dem Beschluss über die Durchführung der Untersuchung betont, nachdem es in der katholischen Kirche erste „Irritationen“ über das Forschungsprojekt gab.

Im Frühjahr vergangenen Jahres kam es nach Informationen der HAZ zu Vertragsverhandlungen, in denen sich Pfeiffer quer legte. So sollte dem Verband der Diözesen sogar ein Mitspracherecht bei der Auswahl wissenschaftlicher Mitarbeiter eingeräumt werden. „Wissenschaftlern kann nicht zu­gemutet werden, beim Schreiben ihrer Doktorarbeit ständig überlegen zu müssen, ob bestimmte Formulierungen oder Daten­interpretationen möglicherweise die Grenzen dessen überschreiten, was der Geldgeber des Projektes akzeptieren wird“, sagt Pfeiffer. Er möchte die ­geplante Opferbefragung noch retten – mit einer freiwilligen Opferbefragung.

(mit Material von dpa/dapd)

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