Neues Charter

Kehren die Hells Angels zurück?

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Foto: Kommen sie wieder? Die Bremer Ortsgruppe „Westside" der Hells Angels meldete sich am Montag zumindest zurück.

Hannover - Das Problem schien sich von selbst zu erledigen. Im Sommer vergangenen Jahres hatte es den Anschein, als würden die Hells Angels allerorten ihre Kutten ablegen und ihre Motorräder nur noch zum Spaß aufheulen lassen. Als der hannoversche Präsident Frank Hanebuth im Juni 2012 die Auflösung seines mächtigen Charters in der Landeshauptstadt bekannt gab, ging ein Aufatmen durchs Land.

Doch der Eindruck war offenkundig falsch. Denn mittlerweile formieren sich die Hells Angels wieder neu. Erst vor wenigen Tagen meldete sich die Bremer Ortsgruppe „Westside“ zurück, die sich erst im Juni unter dem Druck der Polizeibehörden selbst aufgelöst hatte – wie in Hannover.„Das Charter existiert wieder“, bestätigt Hells-Angels-Sprecher Rudolf Triller alias „Django“, der die Neugründung als „Beleg für Flexibilität“ wertet. „Django“ verrät, dass der künftige Schwerpunkt der Ortsgruppe „Westside“ nicht in Bremen, sondern im niedersächsischen Umland liegen werde – in „Bremen um zu“, wie es der deutsche Sprecher der weltweit organisierten Rockerorganisation ausdrückt.

Das Charter „Westside“ ist kein Einzelfall. Die Hells Angels melden sich auch in Niedersachsen zurück. In Wilhemshaven gründete sich erst vor wenigen Wochen eine Ortsgruppe namens „Jade Bay“. Weitere Charter entstanden in Wolfsburg und Göttingen, wie „Django“ bestätigt. Darüber hinaus habe auch in Magdeburg eine neue Gruppe der Höllenengel Stellung bezogen, die nach Niedersachsen ausstrahle, berichtet der Sprecher des Landeskriminalamts (LKA) Niedersachsen, Frank Federau. „Rockergruppen machen nicht vor Ländergrenzen halt.“Die Auflösung von Hells-Angels-Charters in Hannover und anderswo wird nach den Erkenntnissen des LKA ohnehin schon seit geraumer Zeit von einem gegenteiligen Trend überlagert. „Wir haben bereits darauf hingewiesen, dass die Hells Angels expandieren“, sagt Federau. „Dabei geht es immer um Machtstreben.“ Nach wie vor sei die Rockerorganisation eng mit der organisierten Kriminalität verwoben.

Aus Sicht des LKA-Sprechers ist zu beobachten, dass die Hells Angels auch Verstärkung aus anderen Rockergruppierungen erhalten. Mitglieder der Red Devils, die als Hilfstruppe gelten, sollen zum Beispiel zu „Full-Members“ des gewaltbereiten Elitetrupps der Kuttenträger ernannt worden sein. Auch der Hells-Angels-Sprecher berichtet von vielen neuen Gesichtern in den Reihen seiner Kameraden. „Je stärker wir verfolgt werden, desto größer ist der Zulauf, den wir haben“, sagt Triller. „Im Moment müssen wir regelrecht die Tür zuhalten.“ Darüber hinaus seien „unzählige Streetgangs“ entstanden, „die uns kopieren“. Besorgniserregend dabei sei, dass solche Gangs auch vor Verbrechen nicht zurückschreckten. Die Hells Angels dagegen werden nach Darstellung Trillers von Polizei und Politikern zu Unrecht kriminalisiert. „Das sind alles unhaltbare Unterstellungen.

Diese Aussage darf bezweifelt werden, denn die Realität sieht anders aus. So standen zahlreiche Mitglieder der Hells Angels in den vergangenen Jahren wegen etlicher Tötungsdelikte, Körperverletzung, Drogenhandels, Schutzgelderpressung und Rotlichtkriminalität vor Gericht. In Pforzheim etwa begann gestern ein Prozess gegen zehn Mitglieder und Sympathisanten des inzwischen verbotenen Hells-Angels-Klubs „Borderland“. Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung, Landfriedensbruch und Bildung bewaffneter Gruppen.

Die innenpolitische Sprecherin der Landtagsgrünen, Meta Janssen-Kucz, spricht mit Blick auf die Neugründungen von einem „Warnsignal“. Jetzt sei Innenminister Uwe Schünemann (CDU) gefordert, konsequent gegen die kriminelle Rockerszene vorzugehen. Nicht nachvollziehbar sei die Äußerung des hannoverschen Polizeipräsidenten Axel Brockmann, dass die Neugründungen „kein Grund zur Beunruhigung“ seien.

Dass die Hells Angels nicht bereit sind, dem Druck der Justiz nachzugeben, demonstrierten sie erst am vergangenen Sonnabend bei der Beisetzung ihres Bielefelder Rockerpräsdidenten Jörg M., der Heiligabend im Alter von 44 Jahren an Krebs gestorben war. Rund 1000 Kuttenträger aus ganz Europa und den USA versammelten sich bei der Trauerfeier und geleiteten den Verstorbenen wie bei einem Staatsbegräbnis in einem Motorradkonvoi zum Friedhof. Den Sarg zierten die Buchstaben „AFFA“: „Angels Forever, Forever Angels“. Neben den Abgesandten der neuen Rockerklubs in Bremen oder Wilhelmshaven zeigte sich auch der hannoversche Ex-Präsident Frank Hanebuth.

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