Aus Angst vor Vergewaltigungen

Kein Herz für Inder

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Biocheme-Professorin Annette Beck-Sickinger hat männliche Inder pauschal als Vergewaltiger kritisiert. Eine Entschuldigung gibt es nun im Netz.

- Für einen Aufschrei in den sozialen Netzwerken und den indischen Medien hat die Praktikums-Absage einer Leipziger Professorin gesorgt: Als Grund für die Ablehnung nannte sie Probleme mit Vergewaltigungen in Indien. Eine Entschuldigung der Biochemikerin stellte die Botschaft bereits ins Netz.

Es begann mit einer Routineantwort, der Absage für einen Praktikumsplatz. 100 dieser Anfragen bekommt die Leipziger Biochemie-Professorin Annette Beck-Sickinger im Jahr. Studierende aus aller Welt bewerben sich bei ihr für ein dreimonatiges Praktikum im Labor. Dort können aber nur fünf Nachwuchswissenschaftler gleichzeitig arbeiten. Darunter seien zurzeit auch zwei Inder, sagt die Professorin, sie betont das nach den jüngsten Ereignissen besonders.

Ein Student aus Delhi hat eine Absage aus Leipzig ins Netz gestellt, die für einen Aufschrei in den sozialen Netzwerken und indischen Medien sorgt. Darin scheint Beck-Sickinger Unerhörtes zu schreiben. „Leider habe ich keine Praktikumsplätze für männliche indische Studenten. Wir hören hier viel über das Vergewaltigungsproblem in Indien, das kann ich nicht unterstützen. Ich habe auch viele Frauen in meiner Forschungsgruppe, also kann ich diese Einstellung nicht unterstützen.“ Zusammengefasst hieße das: Inder sind Vergewaltiger.

Indische Medien berichteten über den Brief ausführlich, die Aufregung war groß. Der deutsche Botschafter in Indien, Michael Steiner, schrieb einen geharnischten Brief nach Leipzig, den er via Twitter veröffentlichte – mit vollem Namen der Professorin. Steiner nennt ihre Absage „vereinfachend, diskriminierend und simplistisch“ und verweist darauf, dass es in Indien nach dem Tod einer Studentin durch eine Gruppenvergewaltigung 2012 eine breite Diskussion über die sogenannte Vergewaltigungskultur gebe. Weiter schreibt er: „Lassen Sie mich klarstellen: Indien ist kein Land der Vergewaltiger.“

Nur Stunden später stellte die Botschaft eine Entschuldigung der Professorin ins Netz: „Ich habe einen Fehler gemacht“, wird Beck-Sickinger zitiert. Das soll die heißlaufende Diskussion abkühlen. Schon erinnerten die ersten Kommentatoren an Pegida und Legida.

Doch etwas wirkt merkwürdig: Welche Professorin verschickt eine zweizeilige Absage mit eindeutig rassistischem und sexistischem Statement? „Es gab diese Mail so nicht“, sagt Beck-Sickinger dieser Zeitung. „Da wurden Dinge herausgelöscht und verfälscht.“ Sie habe eine Standardabsage geschickt: Das Labor sei voll, mit freundlichen Grüßen. Der Bewerber schrieb zurück, sie antwortete. Es entspann sich eine Diskussion. „Ich wollte ein Gutmensch sein und mich austauschen“, sagt die Professorin.

In längeren Mailpassagen, die von der indischen Nachrichtenseite „The News Minute“ zitiert werden, schreibt Beck-Sickinger Folgendes: „Es gibt viele Professorinnen in Deutschland, die wegen der Vergewaltigungen keine männlichen indischen Studenten mehr annehmen. Natürlich können wir so die indische Gesellschaft nicht verändern, aber wir können in Europa unsere Konsequenzen ziehen.“ Hat sie das geschrieben? Kann man das im Kontext lesen? Leider habe sie die betreffenden Mails bereits gelöscht, sagt die Professorin.

Von Jan Sternberg

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