Interview

„Kein Land steckt so viel Geld in Bildung wie wir“

+
Kultusministerin Frauke Heiligenstadt im Interview.

Hannover - Niedersachsens Pädagogen protestieren,die Schüler gehen mit auf die Straße. Eine Stunde Mehrarbeit für Gymnasiallehrer sorgt für großen Unmut in den Schulen. Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt lässt sich davon nicht beirren. Ein Gespräch.

Frau Ministerin, am Dienstag debattiert der Landtag über die Mehrarbeit der Gymnasiallehrer und die Aussetzung der Altersermäßigung. Warum kommen Sie den Lehrern nicht entgegen? Diese - zugegeben umstrittenen - Maßnahmen sind ein kleiner Teil, um die Zukunftsoffensive Bildung zu finanzieren. Wir wollen schließlich die Zahl der Krippenplätze aufstocken, die Ganztagsschulen endlich besser ausstatten und auch die Lehrerfortbildung und Schulpsychologie ausbauen. Niedersachsen ist das einzige Bundesland, das den Bildungsetat so aufstockt. Andere Länder müssen ihre demografische Rendite, also das Geld, das durch den Rückgang der Schülerzahlen eingespart wird, beim Finanzminister abliefern. Wir hingegen belassen alle Lehrerstellen im Bildungssystem. Und wir packen noch zusätzliches Geld dazu - in den nächsten vier Jahren jeweils rund 250 Millionen Euro. Dadurch, dass Pädagogen an Gymnasien ab nächstem Sommer 24,5 statt 23,5 Wochenstunden und ältere Lehrer ab 55 erst mal nicht weniger unterrichten, kommen noch einmal 80 Millionen Euro hinzu. Das belastet zweifellos auch die Lehrer, aber wir halten diese Entscheidung für vertretbar.

Ist es fair, Gymnasiallehrer besonders zu belasten für Maßnahmen, die dann allen Schulen zugutekommen? Die Gymnasien profitieren auch von der Zukunftsoffensive. Der Ausbau der Ganztagsschulen etwa wird von den Bildungsverbänden gefordert. Fast 70 Prozent aller Gymnasien sind inzwischen Ganztagsschulen. Für keine andere Schulform haben wir ein Zukunftsforum eingerichtet, in dem alle Beteiligten gemeinsam über Entlastungen diskutieren.

Warum geben Sie den Gymnasien nicht einfach ohne lange Diskussion das Abitur nach 13 Jahren zurück? Weil wir keine Reformen mehr von oben überstülpen wollen, Schnellschüsse hatten wir genug. Im Frühjahr wird das Expertenforum seine Resultate vorlegen. Da geht es um die Zahl der Prüfungsfächer im Abitur, der Klassenarbeiten und Klausuren, um die Kurse, die in die Abschlussprüfung eingebracht werden müssen. Ist ein verkürztes Abitur mit weniger Druck möglich oder wollen alle Gymnasien zurück zu G 9? Oder kommt das Abitur im eigenen Takt? Wir prüfen alle drei Möglichkeiten - und zwar ergebnisoffen.

Was halten Sie davon, dass fast jedes zweite Gymnasium die Klassenfahrten streichen will? Ich appelliere an die Lehrer, ihren Boykott noch einmal zu überdenken. Uns berichten Eltern, dass jetzt auch schon Fahrten für nächstes Frühjahr abgesagt werden, dabei greift die eine Stunde mehr Unterricht doch erst ab Sommer. Das ist nicht in Ordnung. In diesem Schuljahr gibt es doch zunächst nur Entlastungen wie etwa kleinere Klassen.

Der Philologenverband wirft Ihnen Halsstarrigkeit vor. Sie sprechen von Dialogbereitschaft, aber bleiben in der Sache hart. Ich bin von dem eingeschlagenen Weg überzeugt. Den Ton in der Debatte verschärfe ich nicht, ich bin stets um Sachlichkeit bemüht. Man darf bei aller verständlichen Emotionalität nicht die positiven Aspekte der Zukunftsoffensive Bildung aus den Augen verlieren.

Die Gewerkschaft wirbt dafür, schon Lehrer ab 55 in die Altersteilzeit zu schicken ... Wir bereiten neue Regelungen zur Altersteilzeit für Gespräche mit den Tarifpartnern vor. Da ist vieles denkbar, auch beim Einstiegsalter. Aber erst mal müssen wir einen vernünftigen Vorschlag aushandeln. Und dann muss auch das Kabinett zustimmen.

Interview: Saskia Döhner

Kommentare