Anonyme Bestattungen

Kein letzter Wille

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Foto: „Entsorgungsmentalität“. Ein Gräberfeld.

Hannover - Ohne Grabstein, ohne Blumen, ohne persönlichen Erinnerungsort: Verstorbene, meist mittellos und ohne Angehörige, werden oft anonym auf Gräberfeldern bestattet. Nun protestiert das Diakonische Werk.

Gelingt es dem zuständigen Ordnungsamt nicht, Verwandte ausfindig zu machen, übernimmt die Behörde Kosten und Durchführung der Bestattung. Die wird aus finanziellen Gründen jedoch überwiegend anonym vollzogen – auch wenn der Wille des Verstorbenen ein anderer sein könnte. Die Toten werden ohne Namen begraben und sind von späteren Trauernden nicht wieder aufzufinden.

Das Diakonische Werk der Landeskirche Hannover protestiert gegen dieses Vorgehen und kritisiert es als Verstoß gegen die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde. „Ohne Einverständnis kann es kein anonymes Begräbnis geben“, sagt der stellvertretende Diakoniedirektor Jörg Antoine. Im niedersächsischen Bestattungsrecht fehle allerdings ein konkretes Verbot der anonymen Bestattung. „Die jetzige Praxis halten wir für rechtswidrig. Wir empfehlen dem Land Niedersachsen deshalb, das Bestattungsgesetz zu konkretisieren“, erklärt Antoine.

Die Ordnungsämter entscheiden sich oftmals für Feuerbestattungen, da sie am kostengünstigsten sind. „Die Verstorbenen werden dann meist fern vom Wohnort begraben, für Trauernde ist der Weg dann zu weit“, sagt Diakonie-Bereichsleiter Jörg Reuter-Raddatz. Seit dem Wegfall des Sterbegeldes hat sich die Zahl der anonymen Bestattungen drastisch erhöht. Im schlimmsten Fall werde der Leichnam von Discountanbietern ins nahegelegende Ausland gebracht, um dort verbrannt und begraben zu werden. „Es ist abstrus, Menschen in Polen oder Tschechien zu verscharren“, ärgert sich Antoine. Dies sei nicht hinnehmbar. „Diese Menschen verschwinden aus dem Leben, sie werden entsorgt“, kritisiert er.

Auch der Bestatterverband Niedersachsen wendet sich gegen anonyme Bestattungen bei ungeklärtem Willen des Betroffenen. „Das ist eine Entsorgungsmentalität, die nicht mit der Menschenwürde zu vereinbaren ist“, sagt Geschäftsführerin Hildegund Mentz. „Es gibt immer wieder Versuche von Kommunen, die billigste Lösung zu finden. Wenn die Öffentlichkeit darauf aufmerksam wird, nehmen sie es dann stillschweigend zurück – nur um sich dann später wieder vorzutasten“, sagt Oliver Wirthmann, Geschäftsführer des Kuratoriums Deutsche Bestattungskultur.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen: In Göttingen weist eine Stele auf die Namen der Verstorbenen hin, in Osnabrück gibt es seit August gar keine anonymen Bestattungen mehr. Die Verstorbenen werden in einem gemeinsamen Trauergottesdienst verabschiedet; und alle Gräber bekommen eine Messingplakette mit Namen.

Eine namentliche Bestattung ist nach Angaben von Reuter-Raddatz nicht wesentlich teurer: „In Osnabrück entstehen durch die Messingplakette Mehrkosten von 30 Euro – das sollte jeder Kommune die Menschenwürde wert sein.“ Die Entscheidung sei demnach keine des Geldes, sondern der Haltung. „Letztlich müssen wir uns fragen: Wie viel ist ein Mensch uns wert?“

Von Sabrina Mazzola

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