Konzentrationslager Bergen-Belsen

Klassenfahrt in die Hölle

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Die HAZ begleitet eine Schülergruppe aus Göttingen in der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Bergen-Belsen - Am 15. April vor siebzig Jahren befreiten britische Soldaten das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Von den einstigen Baracken ist nichts mehr zu sehen. Doch die Beklemmung an diesem Ort des Todes ist greifbar. Auch für Jugendliche? Protokoll eines Schulausflugs.

So ähnlich muss man sich die Hölle vorstellen. Als britische Soldaten am Nachmittag des 15. April 1945 das Konzentrationslager Bergen-Belsen betraten, boten sich ihnen Bilder, die viele bis an ihr Lebensende verfolgten: bis auf die Knochen abgemagerte Frauen, Männer und Kinder zwischen herumliegenden Toten und Sterbenden, wimmernd vor Hunger, Durst und Schmerzen oder starr vor Auszehrung und Entsetzen. Verwesungsgeruch hing über dem Lager mit den verlausten Baracken, Typhus und Fleckfieber nisteten zwischen Kot und Unrat.

Siebzig Jahre später ist es sauber und aufgeräumt in diesem südöstlichen Teil der Lüneburger Heide; Birken, Kiefern und Wacholder über Grasland und Besenheide; keine einzige Baracke erinnert am Rande des Truppenübungsplatzes mehr an das Grauen von einst. Die Erinnerung an die Hölle von Bergen-Belsen wird dennoch wachgehalten - besonders eindringlich in dem großen Dokumentationszentrum, das seit 2007 tiefe Einblicke gewährt und das Leiden und Sterben in der Heide durch Namen, Gesichter und Zeitzeugenberichte anschaulich und konkret macht.

Termine zum 70. Jahrestag der Befreiung

Mittwoch, 15. April, 19.30 Uhr: Gedenkveranstaltung „Lichter auf den Schienen“ an der Rampe in Bergen-Belsen. Samstag, 25. April, 19 Uhr: Gedenkkonzert mit der Radiophilharmonie Hannover unter Leitung von Lahav Shani, eine Veranstaltung des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen, im Großen Sendesaal des NDR, Rudolf-von-Bennigsen-Ufer 22. Sonntag, 26. April, 9.30 Uhr: Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Bergen-Belsen; 11 Uhr: Zentrale Gedenkveranstaltung mit Gedenkfeier am Obelisken, Gedenken am Hochkreuz und Gedenken am Jüdischen Mahnmal, eine Veranstaltung des Landes Niedersachsen, des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden von Niedersachsen und der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Sonntag, 26. April, 13.30 Uhr: Gedenkveranstaltung am sowjetischen Mahnmal, veranstaltet vom VVN/BdA und dem DGB Nord-Ost-Niedersachsen, Kriegsgefangenenfriedhof Bergen-Belsen. Sonntag, 26. April 15 Uhr: Gedenkveranstaltung mit der jüdischen Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch an der Rampe in Bergen-Belsen.

Kaum jemand wagt, hier zu lachen

Die Atmosphäre in der grauen, tunnelartigen Betonhalle, die nur durch eine Fensterfront an ihrem äußersten Ende einen Blick auf das frühere Lagergelände gewährt, ist düster und beklemmend. Dies empfinden auch die Zehntklässler des Göttinger Otto-Hahn-Gymnasiums so, die die Gedenkstätte an diesem Tag besuchen. Aber fast alle finden das passend, kaum jemand wagt, hier zu lachen oder gar zu albern. Es ist wie ein Sog, der sie alle hineinzieht. Helen und Svenja, beide fünfzehn, stehen vor dem Foto einer jungen ungarischen Jüdin mit Schnitten im Gesicht - „gezeichnet von den Schlägen eines SS-Mannes“, wie es in der Bildunterschrift heißt, aufgenommen von einem britischen Militärfotografen unmittelbar nach der Befreiung. „Das ist krass, dass man den Leuten hier in die Augen gucken kann - und ihnen ansieht, was sie erlebt haben“, sagt Helen. „Das macht einen schon sehr traurig“, sagt Svenja. „Und sauer“, ergänzt Helen.

Es sind viele solcher Fotos, Videos, Filme und Interviews, die die Schüler in den Bann ziehen; chronologisch geordnet nach den unterschiedlichen Phasen der Lagergeschichte: vom Frühjahr 1941, als rund 21 000 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion nach Bergen-Belsen deportiert wurden und zum großen Teil an Hunger, Durst und Seuchen starben, bis zur Endphase des Zweiten Weltkriegs, als die SS endgültig die Regie übernahm und immer mehr Häftlinge aus aufgelösten Konzentrationslagern in Frontnähe in die Heide verfrachtete - aus Auschwitz, Treblinka, Dachau, Ravensbrück oder Buchenwald; vor allem Juden, aber auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Verfolgte, sogenannte Asoziale und Homosexuelle. Im Boden der Ausstellungshalle sind Lichtluken mit den Hinterlassenschaften der Häftlinge eingelassen: Schuhe, Brillen, Knöpfe, Blechnäpfe, Löffel. Die Fundstücke lassen erahnen, was sie ihren Besitzern bedeutet haben, andere Ausstellungsgegenstände führen die Gewalt des Lagerlebens vor Augen, zum Beispiel eine Rolle Stacheldraht.

„Und dann fing das große Sterben in Belsen an“

„Und dann fing das große Sterben in Belsen an“, erinnert sich Anita Lasker-Wallfisch in einem Video. „Es war nicht mehr zu kontrollieren, es gab nichts mehr zu essen. Da war nicht nur eine Leiche, das waren Haufen, die sich da auftürmten. Und dann wartete man, bis man selber dran war, wissen Sie.“ Anita Lasker-Wallfisch ist eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz. Sie war neunzehn, als sie nach Belsen kam. Am 26. April wird die in England lebende Cellistin zu einer Gedenkveranstaltung an den Ort des Grauens zurückkehren.

Von mehr als 120.000 Menschen, die ins KZ von Bergen-Belsen verschleppt wurden, fanden mindestens 52000 den Tod – 14000 waren so geschwächt, dass sie noch nach der Befreiung starben. Die Zahlen sind unvorstellbar, die Berichte erdrückend. Unmöglich, sich auf alle Facetten der Dauerausstellung einzulassen.

Da ist es gut, inmitten der vielen aufwühlenden und verstörenden Lebensschicksale und Dokumente auf ein bekanntes Gesicht zu treffen: das Gesicht von Anne Frank. Ihr Tagebuch, das sie im Hinterhaus der Prinsengracht 262 in Amsterdam schrieb, hat sie weltberühmt gemacht. „Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir wieder Menschen und nicht nur Juden sein“, schrieb sie am 11. April 1944 in dem Versteck. Knapp vier Monate später wurde sie verhaftet und gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer vier Jahre älteren Schwester Margot nach Auschwitz deportiert. Die Mutter starb im Januar 1945 an Hunger und Erschöpfung. Die Töchter waren schon im Oktober 1944 nach Bergen-Belsen verlegt worden.

Anne Frank traf hier ihre Freundinnen Hannah Goslar und Nanette Blitz wieder, die als sogenannte Austauschjüdinnen in einem anderen Lagerkomplex interniert waren und mit gewissen Privilegien (Zivilkleidung, besseres Essen) wie Geiseln gehalten wurden. Ein Zaun trennte sie bei ihren Gesprächen. Die Freundinnen versuchten, Brot und Kleidungsstücke auf die andere Seite zu werfen. Furchtbar abgemagert sei Anne gewesen, berichteten die beiden Frauen später. Wegen Läusebefalls kahl geschoren, untergebracht in einem Zeltlager, auch an Wintertagen nur dünn bekleidet. Anne habe geglaubt, dass ihre Eltern tot seien (in Wirklichkeit hatte ihr Vater überlebt) und sich um ihre Schwester Margot gesorgt. Tatsächlich starb Margot auch im März – vermutlich an Typhus. Die Neunzehnjährige sei vor Entkräftung von der Pritsche gefallen, heißt es. Dadurch verlor auch Anne ihren letzten Lebenswillen und starb wenige Tage später – kurz vor der Befreiung durch die Briten.

Anne Frank war fünfzehn, als sie in Bergen-Belsen starb

Sie war fünfzehn, als sie den Tod in Bergen-Belsen fand, so jung wie die meisten Schüler aus Göttingen. Alle kennen Anne Franks Tagebuch irgendwie – zumindest aus der Schule oder von ihren Eltern. Selbst gelesen haben es aber nur wenige. Jasper hat es gelesen und bedauert, dass er die Medienstation im Dokumentationszentrum übersehen hat. Dafür haben ihn ein Paar Handschuhe beeindruckt – selbst gestrickte Handschuhe, die die elfjährige Yvonne Koch im Winter 1945 von einer älteren Mitgefangenen geschenkt bekam. „Ich trug sie immer“, sagt die Überlebende Jahrzehnte später in einem Interview. „Und ich dachte immer an diese Frau. Sie war der erste Mensch, der gut zu mir war.“ Aber sie habe die Frau nicht wieder gesehen. Nie mehr. Möglicherweise sei sie erschossen worden. „Weil sie sich um mich gekümmert hat.“

Auf engem Raum zusammengepfercht

Nach dem Besuch der Dauerausstellung geht es mit dem Bus zur sechs Kilometer entfernten Rampe. Manche lösen sich jetzt im Bus aus ihrer Beklemmung, machen Sprüche und lachen. An der Rampe werden die Gesichter wieder ernster. Neben einem Güterzug mit Bundeswehrpanzern steht auf einem symbolischen Gleisstück ein überdachter Güterwaggon aus früheren Zeiten. Die 25 Schüler werden von der Gedenkstätten-Mitarbeiterin Rebekka Wehrs aufgefordert einzusteigen und sich in die Menschen zu versetzen, die bis zu 15 Tage in so einem fensterlosen Waggon unterwegs waren, mit 60 bis 100 anderen Häftlingen auf engem Raum zusammengepfercht, sterbenskrank, ohne ausreichend Wasser und Lebensmittel, mit nur einem einzigen Holzfass für die Notdurft aller und der quälenden Angst, wohin die Reise wohl gehen könnte.

Immer wieder halten die Schüler inne.

Quelle: Rainer Surrey

Nach der Ankunft in Belsen dann schreiende Wachleute, kläffende Schäferhunde und SS-Frauen, die erschöpfte Menschen mit Reitpeitschen aus den Waggons trieben. „Die Toten und Sterbenden aus den Waggons wurden einfach auf einen LKW geworfen“, erzählt die Führerin. „Die übrigen Häftlinge hatten den Weg zum Lager zu Fuß zurückzulegen, egal wie geschwächt sie auch waren.“

Die Studentin lässt einfließen, dass die Anwohner die Märsche der ausgemergelten Häftlinge gesehen haben müssen, mochten sie auch später behaupten, sie hätten von all dem nichts mitbekommen. Bauern seien mit ihren Rüben und Kartoffeln sogar mitten aufs Lagergelände gefahren. René ist beeindruckt. „Das ist schon ein anderes Gefühl, ob man im Unterricht darüber spricht oder in so einem Waggon steht.“

„Das gesamte Gelände ist ein Friedhof“

Mit dem Bus geht es zurück zur Gedenkstätte. Zwischen hohen Mauern mit den künstlerisch gestalteten „Echos der Erinnerung“, einer Soundinstallation mit Interviewauszügen, führt jetzt der Weg auf das Lagergelände. „Das gesamte Gelände ist ein Friedhof“, sagt Rebekka Wehrs den Schülern. „Verhaltet euch also bitte entsprechend und tobt hier nicht rum.“ Doch nach Rumtoben ist hier sowieso niemandem zumute. Die erste Station ist ein Massengrab. „1000 Tote“ steht darauf. „Wahrscheinlich sind es viel mehr“, sagt die Besucherführerin. „Niemand hat die Leichen genau gezählt.“ Wegen der Seuchengefahr sei es nur wichtig gewesen, die vielen Toten nach der Befreiung möglichst schnell unter die Erde zu bringen. Die Seuchengefahr war auch der Grund, warum die Briten alle Lagergebäude abbrannten. Ein Foto zeigt Soldaten und Zivilisten, die zusehen, wie Rauch über den Baracken aufsteigt. Mit den Gebäuden verbrennt symbolisch auch ein großes Hitlerbild, das davor aufgespannt ist.

Da nichts mehr steht, hat die Gedenkstätte eine Simulationstechnik entwickelt, die die nicht mehr vorhandenen Lagergebäude abhängig vom Standort wie graue Schleier auf Flachbildschirme zaubert. Die Schüler erhalten Tablets, die mit Kameras ausgerüstet sind. So können sie sich mit- hilfe einer 3-D-Rekonstruktion visuell in die Vergangenheit versetzen lassen.

Zum Beispiel auf den Appellplatz. Fünf, sechs Stunden hatten die Häftlinge hier manchmal zu stehen – egal ob krank oder kurz vorm Verdursten. Wer einem am Boden Liegenden helfen wollte, musste damit rechnen, erschossen zu werden.

Weiter zur Hauptlagerstraße. Die Schüler stehen vor den Fundamenten des früheren Löschwasserteiches und erfahren, dass manche Häftlinge nach der Befreiung in ihrem wahnsinnigen Durst das verdreckte Wasser getrunken haben. Auf den Bildschirmen erscheinen die Silhouetten der einstigen Küchenbaracke. Was hier gekocht wurde, reichte immer weniger, den Hunger der Vielen zu stillen. Immer dünner sei die Wassersuppe mit Kohl und Kartoffelschalen geworden, erfahren die Schüler. Fast ohne jeden Nährwert. In Einzelfällen sei es vorgekommen, dass ausgehungerte Häftlinge in ihrer Verzweiflung Leichenteile gegessen hätten. Ob niemand einen Aufstand versucht habe? „Nein, das ließ die strenge Bewachung nicht zu. Die SS-Leute konnten ja auf jeden schießen. Außerdem waren die Menschen hier viel zu geschwächt.“

Die Besucherführerin lenkt den Blick zurück auf die Doppelstockbetten in den Baracken. „Obwohl sie nur 80 Zentimeter breit waren, mussten sich zwei Personen eine Pritsche teilen.“ Und Überlebende berichten, nicht selten sei es vorgekommen, dass man das Bett mit einem Sterbenden oder gar Toten geteilt habe. Die Schüler hören beeindruckt zu, einige sind aber enttäuscht, wie sie später sagen, dass nichts mehr von all dem zu sehen ist, was hier einmal stand.

Die meisten Namen der Getöteten sind bis heute unbekannt

Stattdessen weitere Massengräber, dazwischen rund 100 Holzkreuze und Grabsteine mit Namen – meist nach jüdischem Brauch mit kleinen Steinen geschmückt. Wirkliche Gräber aber sind es nicht. Angehörige haben sie für ihre Toten errichtet, um ihrer persönlichen Trauer einen Ort zu geben. Auf der großen Inschriftenwand hinter dem 1948 errichteten Obelisken stehen nur die Herkunftsstaaten der Häftlinge, die meisten Namen der Getöteten sind bis heute unbekannt. Kurz bevor die Briten kamen, vernichtete die SS sämtliche Akten.

Um dem Vergessen entgegenzuwirken, legen Jugendliche seit 1991 bei jährlichen internationalen Workcamps alte Baureste frei und meißeln in einzelne Steine die Namen der bekannten Toten ein. Mit unterschiedlichen Symbolen haben Überlebende, Staaten oder Volksgruppen wie die Sinti und Roma zum Ausdruck zu bringen versucht, wofür Worte zu schwach sind. Besonders eindrucksvoll ist das Relief auf dem jüdischen Mahnmal. Es zeigt entwurzelte Baumstümpfe.

Ganz in der Nähe befindet sich der Gedenkstein für Margot und Anne Frank, die letzte Station der Führung. Ein Cousin hat den schwarzen Stein mit dem Davidsstern hier 1999 aufstellen lassen. Inzwischen haben viele hier Steine abgelegt, auch Blumen, Ringe, Grablichter. Kuscheltiere. Obwohl ein kalter Wind geht, verweilen die Schüler hier nachdenklich – und schweigen.

Chronik

1940 richtet die Wehrmacht in Bergen-Belsen ein Lager für 600 französische und belgische Soldaten ein. 1941: rund 20 000 sowjetische Kriegsgefangene treffen ein – die meisten sterben an Hunger, Kälte und Krankheiten; April 1943: SS übernimmt Teil des Lagers als „Aufenthaltslager“ für Juden, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollen; August 1944: Einlieferung von weiblichen Häftlingen vor allem aus Auschwitz; Januar 1945: Evakuierung von Zehntausenden Häftlingen aus frontnahen Konzentrationslagern in das KZ Bergen-Belsen. Beginn des Massensterbens. April 1945: Befreiung des Lagers durch britische Truppen; April/Mai 1945: Bestattung von mehr als 20 000 Opfern in Massengräbern, Überführung von 29 000 Überlebenden in Nothospital auf Wehrmachtsgelände, Überlebende erhalten den Status von „Displaced Persons“; 1945–1950: in ehemaligen Wehrmachtskasernen werden „Displaced Persons“ untergebracht; November 1945: polnische Überlebende weihen ein großes Holzkreuz zum Gedenken an die Opfer ein; April 1946: jüdische Überlebende enthüllen Mahnmal; 1946-1952: Teil des Lagergeländes wird zur Gedenkstätte umgestaltet/ Bau des internationalen Mahnmals;Oktober 2007: das neue Dokumentationszentrum mit einer Dauerausstellung wird eröffnet.

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