Ebola-Seuche flaut ab

Klinik ohne Kranke in Liberia

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Foto: „Wir hätten loslegen können, sofort“: Am 23. Dezember ist die DRK-Klinik in Monrovia eröffnet worden – bis heute wurde dort kein Patient behandelt.

Berlin/Monrovia - Späte Hilfe: Ein deutsches Ebola-Zentrum in Liberia muss drei Wochen nach Eröffnung neue Aufgaben suchen – weil die Seuche abflaut.

Es war alles perfekt vorbereitet. Sehr sorgfältig, sehr korrekt. Vielleicht zu perfekt, zu gründlich. Denn als endlich alles fertig war und Doktor Schad mit seinem Team hätte loslegen können, war es zu spät. Am Tag vor Weihnachten hat Johannes Schad die Leitung der modernsten Ebola-Klinik im westafrikanischen Liberia übernommen. Bis heute hat der Deutsche keinen einzigen Ebola-Kranken darin behandelt.

Ein Skandal? Eine Verschwendung internationaler Hilfsgelder? Oder am Ende ein unverhoffter Glücksfall? Es gibt in diesen Tagen gute Nachrichten aus einer Region, aus der monatelang nur Schreckensbotschaften drangen. Zum Beispiel diese: Mali ist frei. Im ganzen Land lässt es die Regierung am Montag verkünden: „Mali ist frei von Ebola.“ Das große Land im Westen Afrikas hat die mörderische Epidemie besiegt.

Es ist nicht die einzige Nachricht, die Hoffnung macht, dass die Macht des Virus gebrochen ist. In Liberia, in Guinea und in Sierra Leone, wo die Seuche so fürchterlich gewütet hat wie nirgendwo sonst, geht die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurück. Auch und vor allem dank massiver internationaler Hilfe. Entwarnung also?

Die Helfer im Westen Afrikas fürchten nichts mehr als das. Sie fürchten, dass Geld und Unterstützung allzu schnell wieder abgezogen werden, wenn das Schlimmste überstanden ist. Dabei „werden wir noch Monate hier bleiben müssen. Täglich sterben Menschen einen zu frühen und qualvollen Tod“, sagt zum Beispiel Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen. Der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, sagt, das DRK sei „auf einen Einsatz in Sierra Leone und Liberia mindestens bis Mitte nächsten Jahres vorbereitet“.

Einer von denen, die bleiben, ist Johannes Schad. Auch wenn er sich seinen Einsatz im Kampf gegen die Krankheit noch vor einem knappen Monat ganz anders vorgestellt hat. Am Tag vor Weihnachten wird im schwül-heißen Monrovia das Ebola-Behandlungszentrum eröffnet. Das Deutsche Rote Kreuz betreibt es mithilfe der Bundeswehr. Die Hauptstadt Liberias liegt mitten im Epizentrum der mörderischsten Ebola-Epidemie, die Afrika je erlebt hat. Die unheimliche Krankheit traumatisiert die Gesellschaft und überfordert den Staat.

Experten schlagen Alarm. Seuchenmediziner sagen voraus: Im Januar 2015 werden im Westen Afrikas eine Million Menschen mit dem tödlichen Virus infiziert sein, mindestens 500 000 werden sterben. Die eltgesundheitsorganisation ruft den globalen Gesundheitsnotstand aus. Private Hilfsorganisationen, traditionell furchtlos, rücken in die Infektionszentren vor, Geschichten voll beeindruckender Selbstlosigkeit werden erzählt. Die staatliche Unterstützung hingegen tut sich anfänglich schwer. Die amtliche Nothilfemaschinerie kommt spät ins Laufen.

Anfang September aber gingen im Berliner Kanzleramt die Alarmleuchten an: „Hilfe, bitte, jetzt, mit deutscher Gründlichkeit und Seriosität.“ So hat Liberias tatkräftige Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf fast flehentlich an Angela Merkel geschrieben. Es war ein herzzerreißender Brief: „Ohne mehr direkte Hilfe von Ihrer Regierung werden wir diese Schlacht gegen Ebola verlieren!“

Die Kanzlerin ist alarmiert, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ist angesichts der Not sichtlich betroffen, der Außenminister macht Druck, der Entwicklungsminister will helfen, der Bundesgesundheitsminister verspricht medizinische Assistenz. Das Deutsche Rote Kreuz vermittelt die dringendsten Hilfeersuchen der Weltgesundheitsorganisation. Im November steht endlich ein Plan.

Hunderte Freiwillige melden sich. Schon in den ersten 24 Stunden nach einem Aufruf der Verteidigungsministerin haben sich bei der Bundeswehr rund 500 Freiwillige für den Einsatz in Westafrika angeboten. Mehr als 3300 Menschen haben sich beim DRK gemeldet, mehr als 1000 Lebensläufe von konkreten Bewerbern müssen geprüft werden. Es wird eine Luftbrücke eingerichtet, Krisenzentren in der Region ausgebaut. Mit viel Engagement und noch mehr gutem Willen wird in Liberias Hauptstadt das Kernstück des Plans, das hochmoderne Ebola-Hospital für 50 hochansteckende Infizierte, von der WHO errichtet und den Deutschen zum Betrieb übergeben.

„Wir hätten loslegen können, sofort.“

Johannes Schad spricht im Konjunktiv: Man hätte helfen können, man wäre bereit gewesen. Nur: Ab Mitte Dezember fällt in Liberia die Zahl der Neuinfektionen rapide. Im Herbst waren es noch 350 pro Woche, in der letzten Dezemberwoche nur noch 31. Die zuständigen Behörden haben der deutschen Klinik keine Patienten mehr zugewiesen.

„Es gibt mehrere Ebola-Behandlungszentren in Monrovia. Sie sind weitgehend leer, obwohl die WHO noch im Oktober/November vorhergesagt hatte, es werde bis zu eine Million Infizierte im Januar geben“, berichtet Schad. Sein Fazit aus ärztlicher Sicht: „Das ist nicht eingetreten, was natürlich toll ist.“

In Monrovia gibt es jetzt mehr Quarantänebetten als gebraucht werden. Andere Institutionen waren schneller fertig, manche haben sich nicht an internationale Absprachen gehalten. „Es gibt mehrere Treatment-Center hier. Die Chinesen haben sich einfach platziert, ohne große Rücksprachen mit irgendwem.“ Der routinierte DRK-Mediziner Schad sagt das ohne Frust. Er wartet auf Rückmeldung aus Berlin, für den Plan B: In Absprache mit lokalen Vertretern überlegt die internationale Gemeinschaft nun, wie man die Ressourcen vor Ort sinnvoll einsetzen kann.

So steht das Millioneninvestment bereit für langfristige Aufgaben - und genau da liegt eine große Chance. Die ohnehin schwachen Gesundheitssysteme in allen von Ebola heimgesuchten Ländern sind zusammengebrochen. Inzwischen sterben deshalb mehr Menschen an Krankheiten wie Malaria oder Cholera. Ein Gedanke ist, Ebola-Patienten aus anderen Kliniken in die deutschen Bungalows zu überführen und damit Kapazitäten frei zu machen für den Wiederaufbau des normalen Betriebs.

Derzeit tun im Hospital ohne Patienten 45 Männer und Frauen Dienst, davon etwa zwei Drittel Angehörige der Bundeswehr, ein Drittel ist entsandt vom DRK. Es fungiert als Trainingszentrum für einheimisches Personal, dient der Vorbereitung auf andere Katastrophenorte, der Einübung des Gebrauchs von Schutzanzügen und der praktischen Überlebenshilfe.

Johannes Schad nimmt die neue Herausforderung gelassen hin. „Es war eine Sondersituation, für die man bisher kein Rezept gehabt hat.“ Die Weltgesundheitsorganisation habe darauf gedrungen, schnelle Hilfe in Monrovia zu leisten. Sicherheit für alle Beteiligten müsse aber oberstes Gebot sein. „Alles andere wäre fahrlässig.“

Während der Suche nach einem neuen Modell für seine Klinik bedauert Schad nur eins: „Dass man so eine Ebola-Treatment-Unit nicht einfach einladen und woandershin tragen kann.“ Denn eigentlich, so lauten die aktuellen Meldungen der WHO, würde das Hospital jetzt in Sierra Leone dringend benötigt.

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