Nach Missbrauch

Klosterinternat in Thuine kämpft um seinen Ruf

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Das Franziskanerkloster in Thuine.dpa

Thuine - Nachdem in der vergangenen Woche zwei Jugendliche verurteilt worden sind, weil sie in ihrer Schule Jüngere missbraucht und vergewaltigt haben, kämpft das Klosterinternat um seinen Ruf. Die unterrichtenden Schwestern und ein ehemaliger Schüler reden über den Schulalltag.

„Hilfe holen ist kein Verrat“, steht auf dem Plakat an der Küchentür. Das bunte Poster im Internatsflur in Thuine (Emsland) stammt vom Verein Zartbitter, einer Initiative gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern. „Seit 2004 nehmen wir und unsere Mitarbeiter an Fortbildung zur Prävention teil“, sagt die Internatsleiterin, Schwester Gisela Heyart. Trotzdem ist es passiert. Und es dauerte Monate, bis jemand Hilfe holte. Am vergangenen Mittwoch verurteilte das Amtsgericht in Lingen zwei heute 16-jährige Jungen, weil sie in dem von katholischen Ordensfrauen geführten Internat über mehrere Monate andere Kinder missbraucht und vergewaltigt hatten.

Vorwürfe in der Öffentlichkeit, von den Übergriffen unter den Jungen im Internat nichts mitbekommen zu haben, wühlen die Franziskanerin auf. „Das tut weh“, sagt Schwester Gisela. Seit 38 Jahren arbeitet die gelernte Erzieherin in dem Internat, vor 17 Jahren hat sie die Leitung der Einrichtung übernommen. Das Internat mit heute 75 Jungen befindet sich auf dem Klostergelände der Franziskanerinnen von Thuine, ebenso wie die Haupt- und Realschule des Ordens, die viele der Jungen aus dem Internat besuchen.

Die Geschichte der Einrichtung beginnt mit einer Thyphus-Epidemie. 1860 nahm die Krankheit in dem Landstrich vielen Kindern ihre Eltern. Die Schwestern gründeten ein Waisenhaus. Heute sind es vor allem Jungen aus schwierigen Familienverhältnissen oder mit großen Schulproblemen, die im Internat leben. „Die Kinder kommen aus ganz Deutschland“, erklärt Schwester Gisela. Krankheit der Eltern, Mobbing unter Schülern, Schulversagen - die Jungen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren könnten viele solcher Geschichten erzählen. Im Internat erfahren sie einen strukturierten Tagesablauf. Die Kinder leben in Wohngruppen mit zehn bis 16 Jungen, die von jeweils zwei Erziehern oder Erzieherinnen betreut werden. Psychologen und Therapeuten unterstützen sie dabei im Einzelfall.

Die Prävention von Missbrauch und Gewalt gehöre zum Erziehungsprogramm. Den Kindern werde eine klare Botschaft vermittelt: „Mein Körper ist mein. Und an den muss ich niemanden heranlassen.“ Trotzdem könnten Augen und Ohren der Betreuer nicht überall sein. „Eine ständige Überwachung ist nicht möglich. Die wollen wir auch nicht.“

Andreas Feyerabend ist Traumatherapeut an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der 36-Jährige engagiert sich unter anderem gegen sexuellen Missbrauch: „Doch mit dem Internat in Thuine hat es die Falschen getroffen“, davon ist Feyerabend fest überzeugt. Sechseinhalb Jahre hat er selbst im Klosterinternat gelebt. Als der damals Neunjährige 1986 zu den Schwestern kam, hatte er „große schulische Schwierigkeiten“. In Thuine habe er dann eine Gemeinschaft wie nirgendwo später erfahren, berichtet Feyerabend. „Alles was ich heute bin, verdanke ich den Schwestern.“ Auch über Sexualität sei immer nur wertschätzend gesprochen worden. Vorwürfe eines Rechtsanwalts, die Verantwortlichen im Kloster seien unaufmerksam für Misshandlungen gewesen, nennt Feyerabend „unverschämt“.

Trotzdem hat es Missbrauch und Vergewaltigung zumindest in den nun vom Gericht festgestellten Fällen gegeben. „Als wir das 2011 erfahren haben, haben wir sofort gehandelt“, sagt Schwester Gisela. Elterngespräche und das Hinzuziehen des Kinderschutzbundes erwähnt die Internatsleiterin. Dann stand auch schon die Polizei vor der Tür und beschlagnahmte Akten.

Ein Sachverständiger hat vor Gericht festgestellt, dass es den damals 14-jährigen Tätern im Internat vor allem darum ging, Macht über Schwächere auszuüben. „Da schauen wir jetzt genauer hin“, verspricht Schwester Gisela.

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