Ärztemangel

Wie kommt der Arzt in den Harz?

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„Viele junge Leute scheuen den Fulltime-Job auf dem Land“: Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Manfred Eilts sorgt sich in seiner Praxis in Osterode über den fehlenden Nachwuchs.Körner

Osterode - In den kommenden zwölf Jahren gehen in Niedersachsen mehr als 4200 Ärzte in den Ruhestand - wer sie ersetzen soll, ist unklar. Ärzte und Politiker setzen immer häufiger Notrufe ab.

Das Wartezimmer von Manfred Eilts ist fast immer voll besetzt. Nachdenklich guckt der Hals-Nasen-Ohrenarzt aus dem Fenster auf die Söse, die unter dem Praxisfenster herfließt. An Patienten herrscht kein Mangel, aber: „Wo sind die jungen Ärzte eigentlich alle?“, wundert er sich.

Dr. Manfred Eilts, 59 Jahre alt, ist ein Unikum im 23000 Einwohner zählenden Osterode. Er ist der einzige HNO-Arzt in der Harzstadt. Die Zukunftsprognose der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) bringt Ärzte und Kommunalpolitiker im Harz ins Grübeln. Drei von vier Medizinern in der Mittelgebirgsregion gehen voraussichtlich in den nächsten fünf bis sieben Jahren in den Ruhestand. Die jungen Ärzte, die ihre Praxen übernehmen könnten, aber machen sich rar.

Überall im Land ist der Ärztemangel ein Problem, im bevölkerungsschwachen Harz aber macht sich der fehlende Nachwuchs besonders drastisch bemerkbar. Die nächste HNO-Praxis findet sich erst im zehn Kilometer entfernten Herzberg. Noch versorgt Eilts die Patienten in Osterode, aber irgendwann wird auch er in den Ruhestand gehen, auch wenn der 59-Jährige davon jetzt noch nichts wissen will.

An Medizinstudenten mangelt es nicht, sagt Eilts. Doch hielten die meisten jungen Ärzte den Landarztberuf für unattraktiv und zögen es vor, in der Stadt zu arbeiten. „Im Moment herrscht noch kein Mangel“, erklärt Detlef Haffke von der KVN mit Blick auf die aktuelle Bedarfsplanung. Das könne aber in fünf Jahren schon ganz anders aussehen, wenn man den Altersschnitt der Ärzte im Harz bedenke.

„Vielleicht ist es ein Missverständnis“, sagt Eilts. Die junge Leute glaubten, als Landarzt müsse man im Ort 24 Stunden lang ansprechbar sein. Junge Ärzte gingen zuerst in die Großstädte und in die attraktiven Gebiete. Um die Studenten später aufs Land zu locken, versucht auch das Niedersächsische Gesundheitsministerium gegenzusteuern. So verspricht das Land jungen Medizinern sogar finanzielle Unterstützung, wenn sie eine Praxis in einem unterversorgten Gebiet aufmachen.

Dass das so richtig greift, bezweifelt Eilts, der als praktizierender Arzt und Ärztevereinsvorsitzender beide Seiten kennt. Er vermisst den Austausch mit den Studenten. „Wir müssen aus den Praxen raus und Kontakt zu den Universitäten knüpfen“, fordert Eilts. Die Allgemeinmedizin komme im Studium kaum vor, und der Beruf des Landarztes scheine kaum attraktiv: „Viele junge Ärzte scheuen den Fulltime-Job auf dem Land“, meint Eilts und macht ein wenig Werbung für den Beruf: „Dabei wurde die Zahl der Bereitschaftsdienste der anliegenden Ärzte durch einen großen Zusammenschluss deutlich gesenkt, und auch die Jobsicherheit und die berufliche Unabhängigkeit sind weitestgehend gegeben.“

Eilts hofft, dass das negative Image der Landärzte abgebaut werden könne. „Mehr Hospitationen in Praxen auf dem Land ändern vielleicht die Einstellung der Studierenden - wenn sie sehen, wie schön auch der Beruf eines Landarztes sein kann.“

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