Nachstellung der Göhrdeschlacht

Krieg im Norden!

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Foto: Als Soldaten verkleidete Darsteller feuern bei Lüben (Niedersachsen) ihre Waffen ab. Rund 400 Hobby-Soldaten sind 200 Jahre nach der Göhrdeschlacht an den Originalschauplatz gekommen, um das Gefecht von 1813 an den Steinker Höhen zu Lüben im Kreise Lüneburg noch einmal auszufechten.

Dahlenburg - Erst tödlich getroffen offenbarte der Soldat August Renz sein Geheimnis: Renz war eine Frau. Nur als Mann verkleidet konnte sie sich 1813 in der Göhrdeschlacht dem Kampf gegen Napoleon anschließen. 200 Jahre später wurde die Schlacht bei Lüneburg nun nachgestellt.

Kanonen donnern, Kavallerie jagt über das Feld, die Soldaten marschieren in geschlossenen Linien. Schlachtenlärm und Pulverrauch bis weit hinein in den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Doch Gefallene wird es heute nicht geben, nur Regen droht vom bedeckten Himmel. "Leichtes Schauerrisiko" verrät ein Blick auf das Smartphone. Rund 400 Hobby-Soldaten und ihr Tross sind 200 Jahre nach der Göhrdeschlacht an den Originalschauplatz gekommen, um das Gefecht von 1813 an den sanften Hügeln der Steinker Höhen im Kreise Lüneburg noch einmal auszufechten. Sechs Kanonen, 14 Pferde und 280 Musketen haben sie dabei - rund dreitausend Zuschauer verfolgen begeistert das Schlachtenspektakel eine halbe Autostunde östlich von Lüneburg.

"Auch aus Polen, Dänemark, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien sind wieder Teilnehmer gekommen", freut sich Koordinator Marius Franke, der schon an der Nachstellung vieler historischer Schlachten teilgenommen hat. Heute kommandiert der 58-Jährige die Franzosen, im wirklichen Leben ist er Bautechniker. "Für mich ist das eine wunderbare Abwechslung", schwärmt er. "Wir wollen die Schlachten nicht einfach wiederholen, sondern ein lebendiges Bild darstellen und so Geschichte erlebbar machen. Auf keinen Fall wollen wir die Militaristen herauskehren." Franke selbst hat den Dienst an der echten Waffe verweigert und lieber Zivildienst geleistet.

Im Kampf mit der zahlenmäßig weit überlegenen Allianz aus Preußen, Hannoveranern, Engländern und Russen verloren die Franzosen am 16. September 1813 eine wichtige Nachschubverbindung. Nur einen Monat später erlitten die Truppen Napoleons bei Leipzig ihre entscheidende Niederlage. In derGöhrde fielen mehr als tausend Mann - und eine Frau. In dem auch durch ihr Schicksal berühmt gewordenen Gefecht wurde Eleonore Prochaska tödlich verwundet. Die 28-Jährige hatte sich nur als Mann verkleidet dem Lützowschen Freikorps anschließen können. Dichter und Musiker haben der "preußischen Jeanne d'Arc" später gehuldigt, darunter auch Beethoven.

Jeder fünfzehnte Beteiligte hat die Schlacht nicht überlebt, das wissen auch die Freizeit-Soldaten. Am Morgen waren sie in dem Wäldchen am Denkmal, darunter ist ein Massengrab. "Wir zeigen auch die Folgen der Schlachten - die Leiden der Verwundeten und die damals höchst unzureichende Versorgung der Wunden", sagt Franke. "Die gesamte Ausrüstung muss so detailgetreu wie möglich sein", betont er. "Da geht es auch um die Knöpfe. Das kann mit Gewehr und Uniform schon mal mehr als dreitausend Euro kosten." Und so schreiten die Soldaten in ihren prächtigen Uniformen voran, ein bunt zusammengewürfelter Haufen verschiedenster Einheiten und Nationalitäten, alles wohl fast so wie damals.

"Mein Hobby ist schon immer Geschichte gewesen", sagt Jan Bogers. Der ehemalige Fluglotse ist extra aus den Niederlanden gekommen. Frank Hübler war bis vor einem Jahr Soldat bei der Bundeswehr. Auch den Oberstleutnant a.D. hat seine Begeisterung für das Historische hergeführt, an diesem Wochenende führt er die Deutsch-Russen ins Gefecht. "Schon als Kind habe ich Kanonenkugeln gesucht - das hat mich begeistert", schwärmt er. Eine Eleonore Prochaska hat sich in diesem Jahr erst in letzter Sekunde gefunden. Doris Kühn trägt stolz die Uniform der Lützower. "Das ist gelebte Geschichte", sagt die Ärztin aus Lüneburg."Es macht mich stolz, als Frau das Gleiche zu leisten wie die Männer."

Nur ein rundes Dutzend Frauen hat mitgeschossen. Das Soldatentum ist im 21. Jahrhundert zwar keine Domäne der Männer mehr, doch bei der Nachstellung der Schlachten ist das weibliche Geschlecht noch immer Mangelware. Organisator Franke wird nach der Göhrdeschlacht weiter ziehen, erst nach Wartenburg und dann nach Leipzig, wo er im Oktober als General der Franzosen bei der Nachstellung der Völkerschlacht mitmachen wird. Er wird verlieren, doch das ist ihm egal: "Nach einem Sieg werden wir von unseren Frauen gelobt, nach einer Niederlage trösten sie uns. Und das ist es doch, worum es immer geht: die Frauen. Unser Schlachtfeld ist nicht das der Ehre, sondern das der Liebe!"

dpa

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