"Dem Täter eine Bühne geboten"

LKA kritisiert RTL-Kochshow im Knast

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In der Kritik: TV-Koch Steffen Henssler.

Hannover - RTL schickt seinen TV-Koch für ein neues Fernsehformat ins Gefängnis, wo er Häftlingen das Kochen beibringen soll – und präsentiert dabei auch einen Mann, der wegen der Tötung von sieben Menschen in einem China-Restaurant in Sittensen verurteilt wurde. Das LKA übt scharfe Kritik an der Sendung.

Er schnippelt Salat, nimmt Messer in die Hand. Van Hiep V., einer der Haupttäter des Blutbads in einem China-Restaurant in Sittensen 2007, trat am Montagabend erstmals in der RTL-Kochshow „Henssler hinter Gittern“ vor einem Millionenpublikum auf. Beim Landeskriminalamt hat die vierteilige Dokureihe solchen Unmut hervorgerufen, dass LKA-Präsident Uwe Kolmey der Verärgerung über die „Glorifizierung eines verurteilten Straftäters“ öffentlich Luft machte. „Welche Signale wirken auf die Familienangehörigen der Opfer?“, fragt der Polizeichef. „Eine Resozialisierung über Massenmedien dürfte nicht der richtige Weg sein.“

Van Hiep V. hatte im Februar 2007 mit zwei weiteren Vietnamesen das Restaurant „Lin Yue“ in Sittensen im Kreis Rotenburg überfallen. Sieben Menschen wurden getötet, zum Teil mit Kopfschüssen, nachdem sie gefesselt worden waren. Nur die zweijährige Tochter der Restaurantbesitzer verschonten die Räuber, die Bargeld erbeuteten. Die Polizei setzte eine mehr als 100-köpfige Sonderkommission ein und fasste die drei Haupttäter sowie zwei Helfer in Bremen. Van Hiep V. hatte, wie sich vor Gericht herausstellte, nicht selbst geschossen. Er wurde am Ende des rund ein Jahr dauernden Prozesses 2009 zu 14 Jahren Haft wegen Raubes mit Todesfolge verurteilt.

Was meinen Sie? Bei einem Raubüberfall in Sittensen starben 2007 sieben Menschen – nun schickt RTL seinen TV-Koch mit einem der Täter an den Herd. Auf der Quotenjagd übers Ziel hinausgeschossen? Ja. Diese Sendung ist ein Schlag ins Gesicht für die Hinterbliebenen. Nein. Auch das ist eine Form der Resozialisierung. Das Thema ist mir egal. // set a new cookie with expiry ten minutes function setPollCookie() { expiry = new Date(); expiry.setTime(expiry.getTime()+(10*60*1000)); document.cookie = "LastURIPoll=;path=/;expires=" + expiry.toGMTString(); }

In der JVA Bremen-Oslebshausen meldete sich der 39-Jährige im vergangenen Jahr freiwillig, als Fernsehkoch Steffen Henssler Häftlinge für seine vierteilige Kochsendung suchte. Bei RTL habe man keine Bedenken, den Vietnamesen als einen von insgesamt elf beteiligten Häftlingen in die Show aufgenommen zu haben, sagte ein Sprecher des Privatsenders am Dienstag der HAZ und führte zur Begründung an: „Der hat niemanden umgebracht, der war ja nur beteiligt“.

Die Quote sei angesichts des „Fußballumfelds“ sehr zufriedenstellend gewesen: 2,53 Millionen Zuschauer hätten sich um 20.15 Uhr für „Henssler hinter Gittern“ entschieden. Sie wurden Zeugen, wie der Fernsehkoch mit seinen „Lehrlingen“ in der Gefängniskantine Pfannkuchen und Spaghetti zubereitete. Laut RTL sollen die Häftlinge befähigt werden, im Bistro für die JVA-Mitarbeiter leckere Gerichte zu kochen. „Ich war überrascht, wie schnell man die Distanz verliert“, sagt Steffen Henssler. „Ich musste mich oft daran erinnern, dass ich es mit Insassen eines Gefängnisses zu tun hatte.“ RTL gibt an, den Häftlingen „Perspektiven für die Zeit nach der Haftentlassung“aufzeigen zu wollen.

Unter Polizeibeamten herrscht indes Unmut, dass einem brutalen Täter eine „mediale Plattform“ geboten wird. LKA-Sprecher Uwe Schwellnus gehörte vor sieben Jahren selbst zu den Sittensen-Ermittlern. „Die Gefühle von damals kamen jetzt wieder hoch“, sagt er. Er habe die Kochsendung vorzeitig abgeschaltet – und zwar als ein Häftling gefragt wurde, ob er so ein Messer schon mal benutzt habe. Die laut RTL „reale“ Antwort: „Nur zum Stechen.“

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Mehr als geschmacklos

Ein Kommentar vonVolker Goebel

Der Fernsehkoch im Gefängnis und die „schweren Jungs“ am Küchenherd: Der Fernsehsender RTL feiert sich für eine vermeintlich pfiffige Kochshow-Idee und verkauft die Sendung „Henssler hinter Gittern“ gleich noch als Resozialisierungsprojekt. Wenn der Starkoch die Kandidaten aus dem Knast dazu auffordert, ein Team zu bilden, klingt das zunächst unfreiwillig komisch. Wenn dann auch noch mit dem Angstmoment kokettiert wird, dass man hier Schwerverbrechern blitzscharfe Küchenmesser an die Hand gibt, wird es schon geschmacklos.

Ganz nebenbei bekommen die Kochkandidaten Gelegenheit, mehr oder weniger legere Erklärungen abzugeben, warum sie wurden, was sie sind. Den Inhaftierten kann man es nicht übel nehmen, dem Sender schon. Dass unter den Teilnehmern dieser Show auch ein Vietnamese ist, der als einer der Haupttäter der grauenhaften Morde in einem China-Restaurant in Sittensen verurteilt wurde, ist nicht mehr eine Frage des Geschmacks. Es kommt tatsächlich einer Verhöhnung der Opfer gleich.

Nichts gegen Kochkurse für Strafgefangene, nichts gegen ungewöhnliche Wege der Wiedereingliederung – aber die Idee, daraus eine Show fürs Fernsehen zu machen, hilft niemandem. Wahrscheinlich nicht mal der Quote.

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