Felipe wird König

Krönung ohne Prunk in Spanien

+

Madrid - Am Donnerstag übernimmt Kronprinz 
Felipe den spanischen Thron. 
Der bescheidene 46-Jährige 
könnte der Monarchie ihr 
verlorenes Prestige zurückgeben.

Felipe de Borbón y Grecia, Kronprinz und ab morgen König der Spanier, bekommt normalerweise nur Komplimente zu hören. Wenn er sich in der Öffentlichkeit zeigt, rufen ihm die Frauen „¡Guapo!“ zu: Schöner! Der groß gewachsene Sohn von König Juan Carlos und Königin Sofía nimmt die Rufe mit bescheidenem Lächeln entgegen. Als er sich am 31. Mai 2011 nach einer Preisverleihung in Pamplona im Nordosten Spaniens einer jungen Frau näherte, die um seine Aufmerksamkeit warb, rechnete er wie immer mit freundlichen Worten. Doch die Frau sagte: „Mit all meinem Respekt: Wenn Sie König sind, werden Sie ein Referendum über Monarchie oder Republik vorschlagen?“

Laura Pérez Ruano erinnert sich noch sehr gut an jenen Tag vor drei Jahren, als sie den Prinzen mit ihrer Frage überrumpelte. „Alles geschah eher zufällig“, erzählt die 33-jährige Anwältin und Baskischlehrerin aus Pamplona. „Spanien erlebte in jenen Tagen das erste Aufbegehren der Empörten. Am 15. Mai waren, aufgerufen über die sozialen Netzwerke, Zehntausende auf die Straße gegangen, um „wahre Demokratie jetzt“ zu fordern – es war die Geburtsstunde der Protestbewegung 15-M. Zu deren Aktivistinnen gehört Pérez Ruano.

„Der 15-M bedeutete, über alles zu reden und alles infrage zu stellen“, erklärt sie. „Und die Monarchie war in Spanien jahrzehntelang ein Tabuthema.“ Deshalb nutzte sie die Gelegenheit des Prinzenbesuches in Pamplona, um mit Felipe ins Gespräch zu kommen. Der Versuch misslang. „Wie du wissen wirst, liegt es nicht an mir, ein Referendum einzuberufen“, antwortete der Kronprinz, der es gewohnt ist, seine Mitbürger zu duzen. Nach einem kurzen Hin und Her verabschiedete sich Felipe mit den Worten: „Auf alle Fälle hattest du eine Minute Ruhm.“ Laura Pérez Ruano nimmt dem Prinzen diese Taktlosigkeit nicht persönlich übel. Sie ahnte nicht, dass sie mit diesem Wortwechsel tatsächlich eine gewisse Berühmtheit erlangen würde: als mutige Streiterin für die Republik. Die Videoaufzeichung der Begegnung zwischen der Monarchiekritikerin und dem künftigen Monarchen ist ein kleiner YouTube-Hit. Zu sehen ist ein gewöhnlich beherrschter Prinz in einem schwachen Moment.

Als König Juan Carlos am 2. Juni überraschend seine Abdankung erklärte, versammelten sich am selben Abend Zehntausende Menschen auf Spaniens Straßen und Plätzen, um – so wie Pérez Ruano – ein Referendum über den Fortbestand der Monarchie zu fordern. Nach einer Umfrage der Tageszeitung „El País“ unterstützen rund zwei Drittel der Spanier diese Forderung. Die meisten wollen am Königtum festhalten – aber sie wollen gefragt werden. Dass Felipe morgen ungefragt seinem Vater auf dem Thron nachfolgen wird, ist den Kritikern ein weiterer Beleg dafür, dass die Mächtigen ihre Angelegenheiten unter sich ausmachen. Der scheidende König Juan Carlos erwarb sich Meriten als einer der Wegbereiter der spanischen Demokratie, doch in der aktuellen Krise verstand er es nicht, sich zum Fürsprecher eines Volkes zu machen, das um seine Zukunft fürchtet – stattdessen ging er mit seiner „innigen Freundin“, der Deutschen Corinna zu Sayn-Wittgenstein, auf Elefantenjagd in Afrika.

Felipe kann nun aus dem Schatten seines Vaters treten. Manche sehen in dem künftigen König gar einen „Retter der spanischen Monarchie“. Felipe selbst sieht seine Aufgabe darin, ein Diener seines Landes zu sein. „Wir (die königliche Familie) sind eine Art öffentlicher Dienst, der an jedem Tag und zu jeder Stunde dem Land zur Verfügung stehen muss“, sagte er. Nach seinem Verständnis müssen der König und die anderen Mitglieder des Königshauses stets mit gutem Beispiel vorangehen und in der Öffentlichkeit ein gutes Bild abgeben. Er hat kein Verständnis für das Verhalten seiner Schwester Cristina und ihres Mannes Iñaki Urdangarin, gegen die die Justiz wegen eines Finanzskandals ermittelt. Der neue König ist ein gewissenhafter und nachdenklicher Mensch. Ihm fehlen der Charme und der Witz seines Vaters, aber er gilt als ein guter Zuhörer. Er bereitet sich gründlich auf seine Termine vor und überlässt nichts der Improvisation.In der Politik wahrt er, wie es sich für einen angehenden König gehört, eine strikte parteipolitische Neutralität. Im Fußball dagegen gab er sich als Anhänger von Atlético Madrid zu erkennen. Dies ist ungewöhnlich, denn der Klub in den Arbeitervierteln im Süden der Hauptstadt gilt eher als Verein der kleinen Leute und Künstler. Der große Lokalrivale Real führt die königliche Krone im Wappen. Anders als sein Vater hält Felipe auch nichts von der Jagd und vom Stierkampf. Der 46-Jährige wird auch nach seinem Amtsantritt mit Letizia sowie den Töchtern Leonor (8) und Sofía (7) in dem kleinen Palast wohnen bleiben, der für ihn auf dem abgeschirmten Gelände des Zarzuela-Palasts in der Nähe der Residenz der Eltern errichtet wurde. Er wird wie bisher morgens zum nahen Palast des Vaters fahren.

Doch ob Bescheidenheit ausreicht, um für die Monarchie zu werben? „Die Herausforderung für Felipe VI. besteht darin, Autorität zu erlangen“, meint der Verfassungsrechtler Francesc de Carreras. „Dazu muss er das Vertrauen der Bürger gewinnen.“ Die Zeitung „El Mundo“ befragte zehn PR-Experten danach, wie der neue König die Monarchie wieder populär machen könnte. Die Fachleute rieten Felipe unter anderem, er solle sich in der Öffentlichkeit auch mal auf Katalanisch, Baskisch oder Galicisch äußern und den Zarzuela-Palast durch einen Tag der offenen Tür einmal im Jahr den Bürgern öffnen.

Martin Dahms 
und Hubert Kahl

3647908

Kommentare