„Der Herr des Bösen“

Kult um Drogenboss Escobar spaltet Kolumbien

+
Foto: Der „Kokain-Zar“Pablo Escobar lebt: Als TV-Serie, Sammelalbum und als Konterfei auf T-Shirts. Kommerz oder Aufarbeitung der kolumbianischen Vergangenheit?

Bogotá - Aufarbeitung oder Kommerz? Fast 20 Jahre nach seinem Tod erlebt der kolumbianische Kokain-Boss Escobar ein umstrittenes Revival: Es gibt eine TV-Serie, ein Sammelalbum und T-Shirts mit seinem Konterfei.

Beim Namen Pablo Escobar läuft es vielen Kolumbianern noch heute eiskalt über den Rücken. Der Boss des gefürchteten Medellín-Kartells hatte das südamerikanische Land in den 1980er Jahren mit unvorstellbarer Gewalt überzogen und war zeitweise zu einer Bedrohung für den Staat selbst geworden. Rund 10.000 Menschen fielen dem blutigen Drogenterror zum Opfer. Als der „Kokain-Zar“ 1993 auf der Flucht vor der Polizei erschossen wurde, atmeten viele auf, zumal sein Tod eine Wende im Kampf gegen die „Narcos“ (Rauschgiftgangster) einleitete.

Fast 20 Jahre später erlebt der Boss der Bosse nun ein umstrittenes Comeback: Die populäre Telenovela „Escobar, el patrón del mal“ (Escobar, der Herr des Bösen) lockt jeden Abend Millionen Zuschauer in Kolumbien vor die Fernseher, auch bei den Latinos in den USA ist die Serie ein Erfolg. Als Vorlage diente das Buch "La parábola de Pablo" (Pablos Gleichnis), geschrieben vom Journalisten und früheren Bürgermeister Medellíns, Alonso Salazar.

Die Serie zeigt Escobars Aufstieg vom cleveren Jungen, der schon an der Schule mit dem Verkauf von Comic-Heften Geld verdiente, zum mächtigsten Drogenboss der Welt, der Rivalen, Politiker, Polizisten, Richter und Journalisten gnadenlos ermorden ließ. Auf fünf Milliarden Dollar wurde sein Vermögen geschätzt, als er 44-jährig starb.

An der Produktion der Telenovela wirken zwar Angehörige einiger Opfer des Drogenterrors mit. Für andere Hinterbliebene ist sie aber ein Schlag ins Gesicht. Sie verharmlose Escobars Taten und rechtfertige die Gewalt, kritisieren sie. So sieht es auch der Philosoph Jorge Yarce. Die Serie sei nichts weiter als ein Spektakel und ein TV-Geschäft, das die gute Absicht der Serien-Macher, dieses dunkle Kapitel der Geschichte aufzuarbeiten, als Farce erscheinen lasse. „Der Mythos Escobar wird hier nur vergrößert und verewigt.“

Das Fernsehen sei mehr daran interessiert, die Geschichte eines berühmten Verbrechers zu erzählen, als die der anonymen Helden, die ihn gejagt oder unter ihm gelitten hätten, beklagt Yarce. „Die bringen nämlich keine Einschaltquoten.“ So sei es sinnlos, aus der Geschichte lernen zu wollen.

Juan Manuel Galán sieht die Serie dagegen positiv. Er ist der Sohn des damaligen Präsidentschaftskandidaten Luis Carlos Galán, den das Medellín-Kartell 1989 umbrachte. Es müsse an die damalige Zeit erinnert werden, denn nur so könne man verhindern, dass sich die Geschichte wiederhole. „Das Vergessen nützt nur den Kriminellen und ihren Komplizen.“ Er ist überzeugt: „Wenn wir nicht über die blutige Vergangenheit sprechen, werden wir sie nicht mehr los.“

Auch andere wittern nun das große Geschäft mit Escobar. In dessen Heimatstadt Medellín tauchte ein 20-seitiges Sammelalbum auf, für das Kinder Klebebilder mit Szenen aus dem Leben des Kokain-Paten kaufen können. Die Bilder zeigen auch die teuren Autos Escobars, seine Häuser – und einige seiner Opfer.

„Die Gefahr besteht, dass Kinder diesen Mann nachahmen wollen, den sie im Fernsehen als eine Art König und in diesem Album als Held sehen“, warnt Luis Quijano, der mit einer Hilfsorganisation Sozialprojekte in Medellín betreut. In den ärmeren Vierteln der Stadt wird Escobar noch heute verehrt, weil er sich seinerzeit auch für Bedürftige einsetzte und etwa Fußballplätze bauen ließ. Die Stadtverwaltung hatte überlegt, den Verkauf des Sammelalbums zu verbieten, hat aber keine rechtliche Handhabe.

Escobars Sohn Juan Pablo versucht, mit einer anderen Idee Geld zu machen: Er verkauft T-Shirts, die mit dem Personalausweis, den Fingerabdrücken oder dem Fahndungsfoto des Drogenbarons bedruckt sind. Die Marke hat er nach seinem Vater und seiner Mutter benannt: „Escobar Henao“. Er selbst hat den Namen des Drogenbosses schon lange abgelegt, lebt als Sebastián Marroquín in Argentinien. Aus „Respekt vor den Opfern“ werden seine Kreationen nicht in Kolumbien verkauft – sie sind aber im Internet erhältlich.

dpa

Kommentare