Bremen

Läuse halten Europas einzige Schellackfabrik in Gang

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Stroever Schellack Bremen (SSB) ist die einzige Schellackfabrik in Europa.

Bremen - Eine einzige Schellackfabrik gibt es noch in Europa. Das kleine Unternehmen in Bremen produziert den in der Lebensmittel- und Pharmaindustrie, bei Künstlern und Tischler begehrten Stoff. Nur für Schallplatten wird Schellack heute nicht mehr gebraucht.

Zäh und dunkel wie Tannenhonig fließt warme Masse auf ein Laufband. Schon wenige Meter weiter klimpern kleine, feste, millimeterdünne und bernsteinfarbene Stückchen Schellack in eine Wanne. Ab damit in Säcke und gut gekühlt zum Kunden. „Wenn es zu warm wird, schmilzt alles zu einem großen Klumpen zusammen“, mahnt Burkhard Volbert, der die Geschäfte der SSB Stroever GmbH führt.

In Sichtweite der Bremer Innenstadt, am Rande des Hafens, der sich gerade zu einem angesagten Stadtteil mit Büros, Wohnungen und Restaurants wandelt, steht Europas letzte Schellackfabrik. Nicht groß, nicht schön, eher wie ein lebendes Fossil des Industriezeitalters, duckt sich das Gebäude mit seinen 18 Beschäftigten zwischen Kaffeequartier und Cornflakesfabrik.

Bei Schellack denken die meisten an Schallplatten. Die glatte Oberfläche des spröden Materials war ideal, um die Nadel eines Grammophons zu führen. Die ersten Anstriche von Schiffsrümpfen, die Bewuchs entgegenwirken sollten, waren aus Schellack. Früher wurde es oft in Haarspray eingesetzt.

Man kommt kaum an Schellack vorbei: Tabletten, die sich nicht bereits im Magen auflösen dürfen, sind damit überzogen, genauso wie manche Schokolinsen und Gummibärchen. Ein großer Abnehmer sind Obstproduzenten. In Glühbirnen dient Schellack als Verbindung zwischen Glas und Metall, auch als Lack ist er wegen seiner glatten und glänzenden Oberfläche immer noch gefragt.

Hat die Firma SSB ein Monopol in Europa? Volbert schaut seinen Geschäftsleitungskollegen Bernhard Stroever an, beide lächeln. „Hätten wir gerne“, sagt Volbert. „Aber es gibt einen gut funktionierenden Markt.“ In Indien, von wo der Rohstoff überwiegend kommt, produzieren mehrere Fabriken. Der Markt sei global und trotz der wenigen Anbieter umkämpft.

Was ist Schellack? Volbert holt drei verschlossene Gläser. Im ersten steckt ein Stück Holz, zentimeterdick mit einer festen harzartigen Substanz ummantelt. „So wird Schellack geerntet.“ Es ist die Behausung von Läusen, die sich vom Saft bestimmter subtropischer Bäume ernähren. Ein Stoffwechselprodukt von Millionen winziger Tierchen. Nach Deutschland kommt Körnerlack, das ist ein Granulat von grob gereinigtem Schellack. Rund 100 bis 200 Tonnen in Jutesäcken hat das Unternehmen im obersten Stockwerk des Fabrikgebäudes immer auf Lager. „Es wird ja nicht ständig geerntet“, meint er.

Eine Etage tiefer riecht es wie in einer Schnapsbrennerei. Der Körnerlack kommt zusammen mit Aktivkohle in ein Bad aus Alkohol und wird dann durch Filter gepresst. Nach weiteren Arbeitsschritten fließt die Masse schließlich auf das Laufband zum Aushärten. 300 bis 600 Tonnen setzt SSB pro Jahr ab, an Kunden in aller Welt. Der Preis schwankt derzeit zwischen 18 bis deutlich über 30 Euro pro Kilogramm.

Zukunftssorgen? „Nein“, sagt Volbert. Solange die Läuse ihre Arbeit tun, nicht. Der Klimawandel könnte vielleicht irgendwann zu Veränderungen führen, aber aktuelle Bedrohungen gibt es nicht. Viel konkreter seien die Probleme durch die Entwicklung vor der Haustür. Die Stadt hatte Wohnbebauung direkt neben der Fabrik geplant. Das war keine gute Idee, findet die Geschäftsleitung. „Wir machen Industrie, wir sind seit über 100 Jahren hier, sagt Volbert und schiebt mit einem Lächeln nach: „Wir wollen nur Schellack machen.“

Michael Bross, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie, erklärt, warum Schellack nicht komplett von synthetischen Produkten verdrängt wird. „Es gibt eine sehr schöne Oberfläche, die den Untergrund zur Geltung bringt.“ Wer ein altes Möbelstück restauriere, greife gerne zu Schellack, weil das dem Originalzustand entspreche. Synthetische Lacke seien erst im 20. Jahrhundert auf den Markt gekommen. „Auch in Kirchen wird Schellack noch oft verwendet“, sagt Bross. Allerdings ist die Anwendung wegen zu geringer Witterungsbeständigkeit auf Innenräume beschränkt.

Für die Lebensmittelindustrie ist es der Glanz und die Eigenschaft, Austrocknung zu verhindern, der sie zum Schellack greifen lässt - und die Zulassung für Lebensmittel. „Wenn wir ein natürliches Mittel haben, warum sollten wir dann ein künstliches nehmen?“, sagt Julia Gelbert, die beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde wissenschaftliche Leiterin ist.

dpa

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