Brauchtum

Landeserntedankfest wird gefeiert

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Oldenburg - Immer mehr Essen landet im Müll - und nur wenige Menschen in Deutschland haben heutzutage noch Sorgen, ob sie satt werden. Das pralle Warensortiment in den Geschäften lässt vergessen, woher das Essen auf dem Tisch kommt. Ist das Erntedankfest da noch zeitgemäß?

Erntekronen aus Getreidegarben, Gemüsekörbe vor Kirchenaltären und Treckerumzüge durch Dörfer: Das Erntedankfest wird als uralter Brauch in den ländlichen Regionen und Kirchengemeinden in Niedersachsen nach wie vor jeden Herbst gefeiert. Angesichts voller Regale in den Supermärkten ist Erntedank in den großen Städten inzwischen aber ein Brauch geworden, der kaum noch populär ist. „Erntedank ist aber absolut noch ein zeitgemäßes Thema“, sagt Elke Sandvoß von der Landwirtschaftskammer Hannover. „Milch kommt eben nicht aus der Tüte. Da ist die Landwirtschaft gefordert, den Verbrauchern die Lebensmittelproduktion wieder näher zu bringen.“

Erstmals feiern am Sonntag (5.) die niedersächsische Land- und Ernährungswirtschaft und die evangelischen Kirchen in Bardowick (Landkreis Lüneburg) ein gemeinsames Landeserntedankfest. Im Mittelpunkt steht dabei die Lebenssituation bäuerlicher Familien und die Zukunft der Landwirtschaft. Unternehmen und Verbände der Ernährungsbranche präsentieren ihre Arbeit. Und für Landvolk-Präsident Werner Hilse bietet das Fest einen guten Anlass, in den Dörfern wieder stärker ins Gespräch zu kommen.

„Erntedank hat für die meisten Menschen noch Bedeutung, auch wenn sie längst nichts mehr direkt mit Landwirtschaft zu tun haben“, sagt Christian Schmidt von der Marketinggesellschaft der Land- und Ernährungswirtschaft.

Elke Sandvoß geht nicht nur die Landwirtschaft und deren Abhängigkeit vom Wetter geht durch den Kopf, wenn sie an das Erntedankfest denkt: „Wir sollten einmal an 365 Tagen Danke sagen für alles, was uns so im Leben widerfährt - von der Gesundheit, dem Miteinander in Familie und Nachbarschaft, über den Freundeskreis bis zum Arbeitsplatz.“

Die Menschen in Deutschland hätten heute keine Sorgen mehr, ob sie satt würden oder nicht, sagt die Wirtschaftsberaterin. Das pralle Warensortiment in den Geschäften, vorgefertigte Mahlzeiten und die Fast-Food-Kultur lasse vergessen, woher genau das Essen auf dem Tisch kommt.

Nachhaltigkeitsforscher Nico Paech von der Uni Oldenburg plädiert für mehr lokale und regionale Versorgung - und für weniger Verschwendung: „50 Prozent der angebauten Lebensmittel in Europa verderben oder werden ungenutzt zu Abfall. Das ist ökonomisch und ökologisch glatter Wahnsinn“, sagt Paech. „Wir müssen wieder genügsam, sorgsam und sparsam mit den Dingen umgehen. Damit könnte das Erntedankfest auch zu einem Signal gegen die Wegwerfgesellschaft genutzt werden.“

Der Wissenschaftler betont, es sei auch im 21. Jahrhundert noch sinnvoll, sich mit Lebensmitteln aus der Region zu versorgen, in der man lebt. „Wir sind sehr waghalsig geworden, weil wir uns auf die industrielle Produktion verlassen haben. Unser Wohlstandsmodell ist jedoch abhängig geworden, etwa vom Rohöl oder von Anbauflächen. Wenn dieses Modell Risse bekommt, kann es einen tiefen Sturz geben.“

lni

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