Prozess

„Lassen Sie diesen Organspendescheiß!“

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Interne Intrigen: Der angeklagte Leberarzt soll einen Kollegen ausgebootet haben.dpa

Göttingen - Interne Intrigen, telefonische Anweisungen - in dem Prozess um den Göttinger Transplantationsskandal haben zwei Zeugen einen überhebliches Bild von dem angeklagten Leberarzt gezeichnet.

Im Prozess um den Transplantationsskandal an der Göttinger Universitätsmedizin haben am Dienstag zwei Klinikumsmitarbeiter vor dem Landgericht Göttingen auf Merkwürdigkeiten hingewiesen. Sowohl der Leiter der Transplantationskoordination als auch seine Assistentin berichteten, dass ihnen der angeklagte Chirurg wiederholt telefonisch die Anweisung gegeben habe, Patienten bei der Organvermittlungsstelle Eurotransplant als dialysepflichtig zu melden. Diese Eingaben hätten sie ausschließlich auf mündliche Anweisung hin vorgenommen. Schriftliche Unterlagen hätten ihnen indes nie vorgelegen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem früheren Leiter der Transplantationschirurgie vor, die Meldung falscher Daten veranlasst zu haben, um seinen Patienten bevorzugt zu einer Spenderleber zu verhelfen. Dem 46-jährigen ehemaligen Chef wird versuchter Totschlag in elf und Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vergeworfen.

Beide Zeugen schilderten den Angeklagten als einen Mediziner, der Mitarbeiter von oben herab behandelt, sich Diskussionen und Fragen verweigert habe und keinen Wert auf Kommunikation gelegt habe. Der Transplantationskoordinator berichtete, wie er offenbar regelrecht ausgebootet wurde. Wenige Monate, nachdem der Angeklagte die Leitung der Transplantationschirurgie übernommen hatte, habe ihm der damalige Vorstand ohne Angaben von Gründen per E-Mail mitgeteilt, dass die von ihm geleitete Stabsstelle Transplantationskoordination aufgehoben sei. Er sei nun nicht mehr dem Vorstand, sondern dem Chirurgen unterstellt.

Darüber habe er sich sehr gewundert, sagte der Koordinator. Der Angeklagte habe nie ein Gespräch mit ihm geführt, welche Aufgaben und Tätigkeiten er fortan wahrnehmen sollte. Er habe daraufhin Fortbildungsveranstaltungen organisiert und Aufklärungsprogramme für Schulen entwickelt, um für Organspenden zu werben. Der Chirurg habe dazu nur gesagt: „Lassen Sie diesen Organspendescheiß!“

Der Angeklagte habe außerdem über eine Krankenschwester ausrichten lassen, dass sowohl er als auch seine Assistentin von den Transplantationskonferenzen ausgeschlossen seien. Nur Ärzte dürften daran teilnehmen. Auch darüber habe der Chirurg nie mit ihm gesprochen, sagte der Koordinator. Der jetzige Klinikumsvorstand hat diese Beschneidungen wieder zurückgenommen, die Stabsstelle reetabliert und dessen Kompetenzen sogar erweitert. So laufen inzwischen alle Meldungen an Eurotransplant ausschließlich über die Transplantationskoordination, Ärzte haben keinen Zugriff mehr auf das System.

Die Assistentin des Koordinationsbüros schilderte, wie sie der Chirurg einmal regelrecht abgebügelt hatte. Sie hatte ihn angesprochen, weil ihr die angeblichen Dringlichkeitskriterien bei einem Patienten nicht nachvollziehbar erschienen. „Davon verstehen Sie nichts“, habe sie zu hören bekommen.

Bei einem arabischen Transplantationspatienten fiel ihr auf, dass dieser unter der Adresse eines Assistenzarztes aus der Transplantationschirurgie gemeldet worden war.

Am Mittwoch will das Gericht weitere Klinikumsmitarbeiter als Zeugen vernehmen.

Heidi Niemann

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