Mord von Sarstadt

Lebenslange Haft für 38-Jährigen

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Foto: Männer drohen, Frauen weinen: Die aufgebrachten Angehörigen des verurteilten Angeklagten wurden mit einem Großaufgebot an Polizei aus dem Gerichtsgebäude gebracht.

Hildesheim - Eine verbotene Liebe endet mit einem Blutbad: Der betrogene Ehemann erschießt gemeinsam mit einem Komplizen seinen Nebenbuhler an einer Ampel in Sarstedt. Dafür wurde er jetzt zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Im Gericht kommt es zu Tumulten, die Polizei muss eingreifen.

Im sogenannten Sarstedter Ampel-Mord-Prozess hat das Landgericht Hildesheim den Angeklagten Mohamad O. am Mittwoch aufgrund von Indizien wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach der Urteilsbegründung kam es zu Tumulten im Gerichtssaal. Die Familie des Verurteilten beschimpfte und bedrohte den Vorsitzenden Richter wüst, er musste mit großem Wachtmeister- und Polizeiaufgebot aus dem Gebäude gebracht werden. Weil sich die Situation auch vor dem Justizgebäude nicht beruhigte, rückte sogar eine Polizeihundertschaft an.

Es gab kein Geständnis, keinen Augenzeugen, keinen Beweis, der für sich allein genommen den 38-jährigen Deutsch-Libanesen überführt hätte. Und doch ist sich das Schwurgericht nach 14 Prozesstagen sicher: O. hat am späten Abend des Neujahrstages mit einem seitdem untergetauchten Komplizen in Sarstedt den Syrer Abdelkader D. erschossen, als dieser vor einer roten Ampel wartete. Das Opfer hatte eine Affäre mit der Frau des Angeklagten – den beiden Todesschützen sei es darum gegangen, ihr Ansehen und die „Familienehre“ wiederherzustellen. „Das war eine Exekution, nichts anderes“, sagt der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl.

Anderthalb Stunden lang hören ihm Mohamad O.s Angehörige überwiegend gefasst zu, aber damit ist es schlagartig vorbei, als einer aus der Familie am Ende aufspringt und brüllt: „Mein Bruder ist unschuldig!“ Wie in einer Kettenreaktion erheben sich immer mehr männliche Familienmitglieder von ihren Sitzen, zeigen auf die Richterbank, schreien wütend. Einer droht dem Vorsitzenden Richter, er werde noch Besuch vom flüchtigen zweiten Todesschützen bekommen. Mehrere Frauen der Familie heben ein lautes Wehklagen und Schluchzen an. Die Mutter des Angeklagten versucht, die Absperrung zwischen Zuschauerraum und Pressebänken zu überwinden, wird von Justizbeamten aufgehalten. „Alle Deutschen sind Schweine“, brüllt sie außer sich, später schreit sie wieder und wieder vor laufenden Fernsehkamera ihr Urteil über den Vorsitzenden Richter heraus: „Dieser Mann ist Hitler!“

So verstörend endet ein Prozess, der mit seinen Einblicken in die Welt eines deutsch-libanesischen Familienclans zumindest im Landgerichtsbezirk Hildesheim bisher ohne Beispiel ist. Das macht auch der Vorsitzende Richter ganz ungeschminkt deutlich. Es ist der Beginn der Urteilsbegründung, Pohl hat bislang nur den Schuldspruch verkündet, als er ein paar einleitende Worte ankündigt. Vor zwei Jahren habe er „Das Ende der Geduld“ gelesen, jenes Buch der Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig. Von libanesischen Großfamilien sei darin die Rede, die sich auch nach mehr als 20 Jahren in Deutschland nicht eingliedern wollten und in parallelen, aufs Kriminelle ausgerichteten Strukturen lebten. „Ich habe das damals durchaus für übertrieben gehalten“, sagt Pohl: „In Berlin vielleicht, in Hildesheim sicher nicht.“

Der von höchsten Sicherheitsvorkehrungen begleitete Prozess hat den erfahrenen Richter eines Besseren belehrt. Auch in Hildesheim gebe es eine libanesische Großfamilie, die den Rechtsstaat nicht akzeptiere, die Justiz verhöhne und bedenkenlos im Zeugenstand lüge. Auch auf andere Zeugen sei Einfluss genommen worden: In gut 37 Jahren als Richter sei er noch nie von so vielen verängstigten Zeugen angerufen worden, die lieber nicht vor Gericht erscheinen wollten.

Christian Wolters

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