Prozess gegen „Todespfleger“

Lebenslange Haft für Patientenmorde

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Foto: Der Angeklagte muss lebenslang in Haft.

Oldenburg - Der frühere Krankenpfleger Niels H. muss wegen Mordes an Patienten lebenslang ins Gefängnis. Das Landgericht Oldenburg verurteilte den 38 Jahre Mann am Donnerstag wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung. Er gestand den Tod von bis zu 30 Patienten.

Als Kathrin Lohmann am Nachmittag um kurz vor halb vier den Gerichtssaal verlässt, rinnen ihr Tränen über die Wangen. „Das sind Tränen der Erleichterung“, sagt die zierliche Frau, die mit ihrer Hartnäckigkeit den Prozess und das Urteil vor dem Landgericht Oldenburg, dessentwegen sie nun weint, erst möglich gemacht hat. Es ist der Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels H., der gestern zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

„Wir haben jetzt das Urteil, das wir uns erhofft haben“, betont Lohmann, die als Nebenklägerin auftrat. Nach Abschluss des Verfahrens weiß sie nun mit letzter Sicherheit, warum ihre Mutter im Februar 2003 so plötzlich im Klinikum Delmenhorst starb: Niels H. hatte ihr ein Herzmedikament gespritzt, um sie hinterher wiederbeleben zu können. Das versuchte H. in seiner Zeit als Pfleger auf der Intensivstation immer wieder, um nach eigener Aussage die Anerkennung von Ärzten und Kollegen zu gewinnen, die er so dringend benötigte. Mal konnte er den Patienten retten, mal nicht. Bei Lohmanns Mutter gelang es ihm nicht. Für diese Tat und vier weitere stand H. in Oldenburg seit rund fünf Monaten vor Gericht. Ermittelt wird aber mittlerweile in weitaus mehr Fällen.

Um 13.58 Uhr hatte Niels H. den Gerichtssaal gestern in Handschellen betreten. Keine fünf Minuten später verlas der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann das Urteil: Der 38-Jährige wird wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs in Tateinheit mit Körperverletzung sowie gefährlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall zu lebenslanger Haft verurteilt. Zudem stellte das Gericht, wie von der Staatsanwaltschaft beantragt, eine besondere Schwere der Schuld fest. Somit ist eine Entlassung nach 15 Jahren ausgeschlossen. Bei seiner Urteilsbegründung wendet sich Richter Bührmann direkt an den Angeklagten, beginnt mit persönlichen Daten. „Herr H., Sie sind 1976 geboren und in Wilhelmshaven aufgewachsen.“ Niels H. nickt. „Sie haben uns hier signalisiert, dass Sie eine ganz normale Kindheit hatten.“ Niels H. nickt. „1999 sind Sie dann Rettungssanitäter geworden, und hier ist deutlich geworden, dass Sie das aus vollem Herzen, mit Leib und Seele gewesen sind.“ Niels H. nickt heftiger. Der ehemalige Pfleger der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst hört dem Urteilsverkünder aufmerksam zu, er schaut ihn an, interessiert – und wenn Bührmann wieder etwas aus seiner Sicht Richtiges sagt, dann nickt Niels H kurz. Bührmann sagt viel Richtiges.Niels H. stimmt ihm auch zu, als der Richter zu der Situation im Klinikum Delmenhorst kommt, zu den Morden. „Es hat bei Ihnen eine Entmenschlichung stattgefunden. Da lagen für Sie nicht mehr Menschen, sondern Fälle“, sagt Bührmann. Er habe Menschen zu Objekten degradiert, die „zur Befriedigung Ihrer Eitelkeit dienten und dafür, dass Sie sich besser fühlten“, so der Richter weiter. H. gehöre augenscheinlich zu den Menschen, die die schwierige Situation auf einer Intensivstation nicht verarbeiten können. „Sie sind emotional immer mehr abgestumpft“, betont Bührmann. „Sie waren an der fatal falschen Stelle.“

Die Patienten seien „für Sie Spielfiguren in einem Spiel gewesen, in dem nur Sie gewinnen konnten“, wendet sich der Richter wieder an Niels H. Und resümiert: „Man ist entsetzt und fassungslos ob des Ausmaßes Ihrer Taten.“ Deswegen folgte das Gericht auch nicht den Ausführungen der Verteidigung, die in ihrem Plädoyer am Morgen die Merkmale von Mord nicht gegeben sah. Ob die Verteidigung in Revision geht, steht noch nicht fest. „Das werden wir jetzt in Ruhe prüfen“, sagt Verteidigerin Ulrike Baumann. „Aber wir schließen es nicht aus.“ Auch wenn das Urteil nun gesprochen ist, ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei weiter. Insgesamt prüfen die Ermittler rund 200 Fälle, in denen H. den Tod von Patienten durch das Herzmedikament herbeigeführt haben könnte. In Kürze sollen die ersten acht Leichen exhumiert werden, um zu überprüfen, ob Reste des Herzmedikaments nachzuweisen sind. 30 Tötungsdelikte hat H. während des Verfahrens gestanden.

Ob es zu weiteren Anklagen und einem neuen Gerichtsverfahren kommt, müssten die laufenden Ermittlungen ergeben, sagt Gerichtssprecher Daniel Mönnich. Verteidigerin Ulrike Baumann rechnet damit. „Ich denke, dass ich dann auch wieder an Herrn H.s Seite sitzen werde.“

Stichwort: Lebenslang

In Niedersachsen sitzen nach Angaben des Justizministeriums aktuell 173 Gefangene mit dem Urteil "Lebenslänglich" ein. Wie lange die Haft tatsächlich dauert, ist aber äußerst unterschiedlich und hängt auch davon ab, wie sich der Gefangene führt. Nach einer Untersuchung der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden von 2013 wurden in Niedersachsen Inhaftierte im Durchschnitt nach 16,8 Jahren entlassen. In Hessen lag der Wert bei 22,0 Jahren, in Rheinland-Pfalz bei 20,7 Jahren und in Bayern bei 20,0 Jahren. Thüringen war mit 13,3 Jahren das Schlusslicht. Es gab aber auch deutliche Ausreißer nach oben und nach unten: Die längste Inhaftierung bundesweit verzeichnete Bayern, wo ein zu lebenslanger Haft Verurteilter 48,9 Jahre einsaß. Das Minimum lag bei 1,6 Jahren - Grund dafür war vermutlich der Tod des Häftlings.

Nach Ansicht der Verteidigung hat sich Niels H. dagegen nur des Totschlags schuldig gemacht. DieVerteidigerin ging von zwei Tötungsdelikten und dreifacher gefährlicher Körperverletzung aus. Schon 2008 war Niels H. wegen eines ähnlichen Falls zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt worden.

Bereits damals gab es Hinweise, dass der Pfleger deutlich mehr Patienten getötet haben könnte. Die Staatsanwaltschaft ging dem aber nicht nach. Als Angehörige der Opfer Druck machten, ermittelte die Behörde weiter und klagte den Mann erneut an. Die Staatsanwaltschaft räumt inzwischen Pannen und Verzögerungen bei den Ermittlungen ein. Gegen zwei frühere Mitarbeiter besteht der Verdacht der Strafvereitelung im Amt.

Für die Deutsche Stiftung Patientenschutz bedeutet das Urteil nur den Anfang der Aufarbeitung. „Nichts sehen, nichts hören und nichts sagen - das waren zu oft in Krankenhäusern und in der Justiz die Devisen“, kritisierte Vorstand Eugen Brysch. Das Problembewusstsein der Mitarbeiter müsse gefördert werden. Außerdem forderte er, die Medikamentenabgabe besser zu kontrollieren und eine Sterbestatistik sowie ein anonymes Meldesystem einzuführen.

Von Irena Güttel und Kristian Teetz

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