Hildesheim

Wie legt man einen Dom tiefer?

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Foto: Der Hildesheimer Mariendom wird für 30 Millionen Euro saniert – für Archäologen ist das Gotteshaus eine Fundgrube.

Hildesheim - Seit der Hildesheimer Dom im Januar 2010 geschlossen wurde, ist hier die größte Kirchenbaustelle Deutschlands. Für rund 30 Millionen Euro wird der Dom saniert. Bund, Land und EU übernehmen den Löwenanteil, aber auch Klosterkammer, diverse Stiftungen und Spender beteiligen sich an den Kosten.

Das Loch in der Erde ist nicht einmal zwei Meter tief. Aber wer hineinsieht, blickt fast 1000 Jahre zurück in die Vergangenheit. „Das Fundament dort ist etwa 1,80 Meter breit“, sagt Karl Bernhard Kruse und zeigt auf die Mauerreste, die im Erdreich vor dem Hildesheimer Dom zum Vorschein gekommen sind. „Da hätte man ein Hochhaus drauf bauen können.“ In der Stimme des Konservators schwingt echte Anerkennung für den mittelalterlichen Bischof Azelin mit. „Der verstand schon was vom Bauen“, sagt Kruse und nickt.

Nachdem eine Feuersbrunst anno 1046 den alten Dom zerstört hatte, schickte sich Azelin an, hier einen neuen zu errichten. Alte Legenden berichten indes, dass seinem Werk der Segen von oben fehlte. Der Bau wurde nie fertig, trotz der soliden Grundmauern. Als Azelin starb, errichtete sein Nachfolger den neuen Dom lieber ein paar Meter weiter, am Platz des abgebrannten. Dort steht er noch heute. Gerade wird er im großen Stil saniert: ein Glücksfall für die Archäologen, die bei Erdarbeiten nicht nur auf Azelins Grundmauern, sondern auch auf alte Fußböden, Gräber und Reste der ersten Kapelle stießen, die hier um 815 n. Chr. stand. Diözesankonservator Kruse hatte einst seine Habilitation über die Domgeschichte verfasst: „Jetzt muss ich das Buch wohl neu schreiben“, sagt er und lacht.

Tatsächlich ist Hildesheims Domhof so geschichtsträchtig wie kaum ein anderer Ort in Niedersachsen. Der Dom ist ja nicht nur eine Art spirituelle Zentralanlaufstelle für die 620.000 Katholiken des Bistums. Er zählt seit 1985 auch zum Unesco-Weltkulturerbe. Glaube und Geschichte, Kunst und Architektur sind hier untrennbar miteinander verwoben. Und seit der Dom im Januar 2010 geschlossen wurde, ist hier die größte Kirchenbaustelle Deutschlands. Für rund 30 Millionen Euro wird der Dom saniert. Bund, Land und EU übernehmen den Löwenanteil, aber auch Klosterkammer, diverse Stiftungen und Spender beteiligen sich an den Kosten. Das Bistum selbst steuert 7,3 Millionen Euro bei.

„Wir konnten nicht länger warten“, sagt Weihbischof Hans-Georg Koitz, der als Domdechant hier der Hausherr ist. „Elektrik und Heizung waren hoffnungslos veraltet – die Baupolizei war kurz davor, uns den ganzen Dom dichtzumachen.“ Koitz steht mitten in dem Gotteshaus, das ohne Orgel, Bilder und Bänke seltsam nackt wirkt. Dichte Staubschleier drehen sich in den Sonnenstrahlen, die durch die hohen romanischen Fenster einfallen. An den kahlen Wänden stehen gewaltige Gerüste, ein Minibagger parkt zwischen uralten Säulen, und laut heult eine Bohrmaschine. Im Altarraum, hoch über den Köpfen der Bauarbeiter, prangt noch eine lateinische Inschrift: „Renovabis faciem terrae“ – „Du wirst das Antlitz der Erde erneuern“. Wie gemacht für eine sakrale Baustelle.

Ingenieure haben einen „Pixelkopter“, einen kleinen Kamerahubschrauber, an den Innenwänden entlangfliegen lassen. Planquadrat für Planquadrat haben sie so die Wände untersucht. Ergebnis: Der gesamte Innenputz muss erneuert werden. In den vergangenen Monaten haben Arbeiter im Dom schon 16 Kilometer Kabel und Leitungen verlegt, Bausünden aus der Nachkriegszeit wurden beseitigt. Damals, beim Wiederaufbau des zerstörten Doms, hatte man Trümmerschutt kurzerhand auf dem Fußboden festgestampft und Marmor- statt Sandsteinplatten darübergelegt. Dadurch staute sich Feuchtigkeit in den Mauern. Eine 70 Zentimeter tiefe Schicht wurde jetzt weggebaggert. Der gesamte Boden wird jetzt tiefer gelegt, damit die alte Säulenbasen wieder sichtbar werden.

Anfangs waren die Widerstände im Kirchenvolk gegen das Mammutprojekt groß: Muss die Kirchenleitung ihre Zentrale wirklich so teuer herausputzen, während sie zugleich landauf, landab kleine Kirchen schließt? Inzwischen jedoch sind die Bauschäden offenkundig, und die Solidarität ist groß: Allein im Jahr 2011 sammelte der rührige Dombauverein 300 000 Euro für das kirchliche Leuchtturmprojekt. Die Evangelische Landeskirche half ebenso mit Finanzspritzen wie eine jüdische Gemeinde, und kürzlich übergaben auch Muslime von der Hildesheimer Selimiye-Merkez-Moschee dem Bischof 1000 Euro. Den berühmten Kreuzgang des Doms säumt inzwischen ein 70 Meter langes Stahlband. Stifter können auf diesem Zeitstrahl für 180 Euro symbolisch Patenschaften für einzelne Jahre übernehmen und ihre Namen auf einer Kupferplakette verewigen. Viele sind schon vergeben.

Auch Elisabeth Eicke, Diözesanratsvorsitzende des Bistums, unterstützt die Sanierung: „Dieser sehr alte Dom ist ja ein Zeichen für das Unveränderliche – gerade deshalb ist es gut, wenn seine Innenarchitektur zeitgemäß ausfällt.“ Tatsächlich wird diese ganz aus dem Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils neu erschaffen: Die Altarstufen werden abgesenkt, Priester und Gläubige rücken näher zusammen. Das Taufbecken kommt in den Mittelpunkt der Kirche, und die Bibelreliefs der berühmten Bernwardstüren werden – wie schon vor dem Krieg – wieder von außen zu sehen sein, also doppelsinnig in die Welt hinein wirken.

„Wir sind ja nicht die Elbphilharmonie“

„Wir liegen bislang voll im Finanzplan – und im Zeitraster“, sagt Domdechant Koitz. „Wir sind ja nicht die Elbphilharmonie.“ Der 77-Jährige brennt für seinen Dom; auf der Baustelle klettert er flink über Gerüste, begrüßt Arbeiter mit Namen und Handschlag. „Hier, die frühere Sakristei wird zur Kapelle für Werktagsmessen“, sagt er. Dafür wird die profanierte und umgebaute Antoniuskirche neben dem Dom Teil des neuen Dommuseums. Dessen mittelalterliche Schätze suchen in Deutschland ihresgleichen – doch bislang wurden sie in einem verwinkelten Seitenbau präsentiert: „Jetzt können wir sie endlich in angemessener Form zeigen“, sagt Koitz. Kürzlich hatte das 1000 Quadratmeter große Museum Richtfest.

Auch die neue Gruft ist schon geweiht. Über Jahrhunderte hatten die Hildesheimer ihre Bischöfe planlos an immer neuen Plätzen irgendwo im Dom begraben. Im Zuge der Bauarbeiten hat man jetzt neben der Krypta die Gräber der Bischöfe Josef Godehard Machens (1886–1956) und Heinrich Maria Janssen (1907–1988) geöffnet und die Gebeine in neue Särge gelegt. Vor einigen Wochen wurden diese zwischen den Baugerüsten im Kerzenschein beigesetzt: Es gab eine Zeremonie mit Angehörigen und dem Domkapitel, dann folgte eine Prozession zu den Gräbern. Der 2010 verstorbene Bischof Josef Homeyer wird demnächst in die Gruft umgebettet, die für Besucher zugänglich sein soll. „Sie hat Grabnischen für 24 Bischöfe“, sagt Koitz. „Das reicht für etwa 300 Jahre.“ Kirchenleute denken da über den Tag hinaus.

Als Begräbnisort, sagt Helmut Brandorff, habe der Domhügel Tradition. Der Archäologe wiegt einen jener Schädel in den Händen, die bei Ausgrabungen auf dem mittelalterlichen Friedhof zutage kamen. „Dem Zustand der Zähne nach war dieser Mensch höchstens 30 Jahre alt“, sagt der Grabungsleiter. Brandorff sitzt in seiner Werkstatt am Dom. Um ihn herum stapeln sich Plastikschälchen voller Scherben, Knochen und Splitter, fein säuberlich mit Nummern versehen und sortiert wie für die Ewigkeit. Die Gebeine werden von Anthropologen der Uni Hildesheim untersucht: Wie alt wurden die Menschen damals? Welche Krankheiten hatten sie? Wie war ihre Ernährung?

Botaniker beugen sich elektrisiert über 1000 Jahre alte Kirschkerne, die Forscher in einer alten Kloake direkt am Dom entdeckten. Die Bauarbeiter fanden für den wissenschaftlich wertvollen Aushub ihre eigene Bezeichnung: der heilige Stuhl. Gleich daneben machten die Archäologen eine spektakuläre Entdeckung: „Hier lag Hilde“, sagt Brandorff und weist auf eine Stelle südlich des Gotteshauses. „Die junge Frau trug eine bunte Perlenkette, und ihr Grab war in Ost-West-Richtung angelegt – eine christliche Beisetzung.“ Doch „Hilde“ hatte auch ein Messer bei sich – eine vorchristliche Grabbeigabe, noch ganz nach alter Väter Sitte.

Die Unbekannte mit dem lokalpatriotischen Spitznamen starb um 815, also um die Zeit der Bistumsgründung. In gut zwei Jahren feiern Dom, Bistum und Stadt Hildesheim ihr 1200-jähriges Bestehen. Dank „Hilde“ rücken ihre Anfänge jetzt aus dem Reich der Legenden ins Licht der Wissenschaft. Der Dom soll schon vorher fertig sein: „An Mariä Himmelfahrt 2014 begehen wir die Wiedereröffnung mit einem feierlichen Gottesdienst“, sagt Koitz. Er meint den 15. August. Der Bundespräsident soll sich den Tag schon freigehalten haben.

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