Schulreform

Lehrer wollen weg vom Turbo-Abi

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Lange Zeit galt das Abitur nach 13 Jahren. Das neue G8-Modell stößt zunehmend auf Kritik.

Hannover - Vor zwei Jahren absolvierten die ersten niedersächsischen Schüler das Abitur nach acht Jahren, jetzt deutet vieles auf eine erneute Schulreform hin. Selbst der konservative Philologenverband plädiert für eine Rückkehr zum alten Modell.

Der niedersächsische Philologenverband hat sich für die generelle Abschaffung des Turbo-Abiturs an Gymnasien ausgesprochen. Aus Sicht der Lehrer sollte das gewonnene Jahr für die Vertiefung des Stoffes genutzt werden. „Die Chance bei 13 Jahren ist, dass es stressfreier wird“, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. „Wir dürfen aber nicht den Fehler machen, dass wir Leistung abbauen“, warnte er.

Die rot-grüne Landesregierung hat die Beibehaltung des Abiturs nach 13 Jahren an Integrierten Gesamtschulen bereits beschlossen. In einem ergebnisoffenen Dialog will Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) mit den beteiligten Organisationen erörtern, ob es an Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen beim Abitur nach zwölf Jahren bleiben soll. Der erste Termin des Dialogforums „Gymnasien gemeinsam stärken“ ist am kommenden Montag.

„Ein guter Gymnasialschüler schafft das Abitur auch nach zwölf Jahren“, räumte Audritz ein. Die meisten Jungen und Mädchen seien allerdings überfordert. Die Erfahrungen zeigten, dass die Kinder oft entwicklungspsychologisch noch nicht reif genug für den vorgesehenen Stoff seien. „Goethes „Faust“ können Sie noch nicht in der 10. oder 11. Klasse behandeln.“

Eine Wahlmöglichkeit für einzelne Schulen, wie sie in manchen Bundesländern praktiziert wird, hält der Philologenchef für ungünstig. „Wir möchten Klarheit haben, und es soll auch möglich sein, von einem Gymnasium zu einem anderen zu wechseln.“ Der Philologenverband hatte sich nach dem Regierungswechsel überraschend für eine Rückkehr zum G9 ausgesprochen.

Vor zwei Jahren absolvierten die ersten niedersächsischen Schüler ihr Abitur nach verkürzter Schulzeit. Die Einführung des Turbo-Abiturs hatten vor allem Eltern und Schüler kritisiert. Viele Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemburg haben inzwischen wieder die Wahlmöglichkeit zwischen G8 und G9 geschaffen.

Auch die Lehrergewerkschaft GEW plädiert in Niedersachsen für eine Rückkehr zum alten Modell. Dies biete die Möglichkeit, musischen Fächern und Technik wieder mehr Raum zu geben, sagte der niedersächsische GEW-Chef Eberhard Brandt.

Rolle rückwärts?

Das klassische Abitur nach 13 Jahren Schulzeit erlebt im Westen Deutschlands eine Renaissance. Hintergrund ist die weit verbreitete Klage von Schülern und Eltern über die Belastung durch das sogenannte Turbo-Abitur. Im Osten Deutschlands hat das achtjährige Gymnasium Tradition und wird kaum infrage gestellt. Allerdings ist noch kein Land generell zum Abitur nach 13 Jahren zurückgekehrt, wie es der Philologenverband und die GEW in Hannover für Niedersachsen fordern.

Im grün-rot regierten Baden-Würtemberg streiten die Regierungsparteien derzeit über das Turbo-Abi. Die Koalition hatte sich auf den Kompromiss geeinigt, nur 44 Modell-Gymnasien mit neun Schuljahren zuzulassen. Die SPD verlangt, dass 120 ganz oder teilweise zum alten Modell zurückdürfen - das wären knapp ein Drittel der Gymnasien. Gemeinschaftsschulen und Berufliche Gymnasien bieten ohnehin das Abitur nach 13 Schuljahren an.

In Schleswig-Holstein hatte die abgewählte schwarz-gelbe Koalition eine Wahlfreiheit für die Schulträger eingeführt. Der neue Ministerpräsident Torsten Albig will aber für die normalen Gymnasien wieder G8, also das Turbo-Abi, einführen und den längeren Weg zum Abitur auf die Gemeinschaftsschulen beschränken.

In Hamburg hat eine Elterninitiative eine Volksinitiative für die längere Schulzeit G9 auf den Weg gebracht. In Nordrhein-Westfalen gibt es neben den Gesamtschulen Modellzüge für G9 an Gymnasien. In Rheinland-Pfalz geht sowohl G8 als auch G9. Das Turbo-Abi ist aber nur in Verbindung mit einer verpflichtenden Ganztagsschule ab der Klassenstufe 7 möglich.

Aber auch in konservativ regierten Ländern gibt es Bewegung: In Hessen gibt es vom nächsten Schuljahr an Wahlfreiheit für Schulen und Eltern. Das CSU-dominierte Bayern plant ein „Flexibilisierungsjahr“ - danach können Gymnasiasten vom kommenden Schuljahr an entscheiden, ob sie in der Mittelstufe ein zusätzliches Schuljahr mit Förderangeboten einlegen. Die Freien Wähler wollen aber per Volksentscheid G9 offiziell als Alternative wieder einführen.

dpa

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