Urteil am Mittwoch

Im Lena-Mordfall sind noch viele Fragen offen

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Der damals 18-jährige Täter hat den Mord an Lena gestanden.

Emden - Der Mord an der elfjährigen Lena aus Emden hat im März bundesweit Entsetzen ausgelöst. Mit Spannung wird jetzt das Urteil im Prozess gegen einen geständigen Verdächtigen erwartet. Doch nach Behördenpannen sind noch viele Fragen offen.

Sie wollte zum Entenfüttern in den Park, doch der Start in die Osterferien endet tödlich: Am 24. März wird die elfjährige Lena aus Emden in einem Parkhaus vergewaltigt und erwürgt. Ein dunkel gekleideter Mann auf einem Überwachungsvideo des Parkhauses gerät in Verdacht. Nur schemenhaft halten ihn die Kameras fest, den Tatort im Treppenhaus können sie nicht einsehen. Eine Woche nach der Tat verhaftet die Polizei einen als pädophil bekannten 18-Jährigen. Er gesteht und wird angeklagt. Mit dem Urteil am kommenden Mittwoch (07.) erwarten viele Menschen Antworten auf bohrende Fragen.

Dem heute 19-Jährigen wird neben Mord auch die versuchte Vergewaltigung einer Joggerin vorgeworfen. Doch bisher dringt nichts über die Hintergründe des Verbrechens aus dem Prozess am Landgericht Aurich. Die Öffentlichkeit ist ausgeschlossen.

Über Wochen erschüttert die grausige Tat im März die ostfriesische Stadt mit 52.000 Einwohnern und sorgt bundesweit für Schlagzeilen. „Diese Tage wird hier niemand vergessen“, erinnert sich Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann (SPD), der damals erst wenige Monate im Amt ist. Denn zunächst wird ein Unschuldiger festgenommen und muss mehrere Tage in Untersuchungshaft verbringen. Via Internet erscheinen im sozialen Netzwerk Facebook Aufrufe zur Lynchjustiz gegen den falschen Verdächtigen.

Schließlich nimmt die Polizei einen 18-Jährigen fest, der die Tat gesteht. Die Stadt atmet auf. Dann werden schwere Pannen bekannt: Der Verdächtige ist als Pädophiler bei Polizei und Jugendamt registriert. Bis heute werden Fragen laut: Hätte die Tat verhindert werden können?

Während die Mordkommission noch fieberhaft nach dem Täter sucht, steht der Name des Verdächtigen längst in den Polizeiakten. Er hat sich am 23. November 2011 selbst angezeigt, weil er ein nacktes siebenjähriges Mädchen fotografiert hatte. Ende 2011 lässt er sich stationär in der Jugendpsychiatrie von Aschendorf im Emsland behandeln. Zwischendurch zeigt ihn sein Stiefvater nach dem Fund von Kinderpornos auf dem Computer an.

Gegen den Jugendlichen wird nur wegen des Besitzes von Kinderpornografie ermittelt, nicht aber wegen sexuellen Missbrauchs. Erst nach dem Mord an Lena Ende März 2012 werden Zusammenhänge erkennbar. Eine noch vor der Tat angesetzte Hausdurchsuchung bei dem Verdächtigen ist durch eine Polizeipanne unterblieben. Dabei wären möglicherweise DNA-Spuren gefunden worden, die zum Überfall auf eine Joggerin geführt hätten. Die Frau war nur einen Tag nach der Selbstanzeige des jungen Mannes knapp einer Vergewaltigung entkommen.

„Alles Spekulation“, sagt dazu Andreas Wenk von der Polizeidirektion Osnabrück. Diese führt nach den behördlichen Pannen Disziplinarverfahren gegen acht Polizisten aus Aurich und Emden. „Hatten sie alles auf dem Schirm, hätten die Alarmglocken früher schrillen müssen? Das wird alles untersucht und muss noch bewertet werden“, sagt Wenk. Gegen zwei Polizisten hat die Staatsanwaltschaft Verfahren wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt eingestellt. Gegen Verantwortliche der Kinder- und Jugendpsychiatrie Aschendorf wird dagegen weiter ermittelt.

Der Angeklagte ist inzwischen aus der Untersuchungshaft in eine psychiatrische Einrichtung verlegt worden. Ein Gutachter muss noch beurteilen, ob der Angeklagte als Erwachsener oder Jugendlicher anzusehen ist. Sollte ihn das Gericht für vermindert oder nicht schuldfähig halten, könnte er für lange Zeit in der Psychiatrie bleiben.

dpa

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