Urteil

Lenas Mörder ist eine Gefahr für die Allgemeinheit

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Der 19-Jährige Mörder der kleinen Lena aus Emden wird in das Langericht geführt.

Aurich - Der Mörder der elfjährigen Lena aus Emden muss für unbestimmte Zeit in die Psychiatrie. Laut Gericht ist der 19-Jährige entwicklungsgestört und nur vermindert schuldfähig.

Zum wiederholten Male stockt dem Vorsitzenden Richter die Stimme, als er am Ende der Urteilsbegründung die Mutter und den Stiefvater von Lena aus Emden direkt anspricht. „Wir hoffen inniglich, dass die Eltern die Kraft finden, irgendwann am Leben wieder teilzunehmen“, sagt Werner Brederlow. Die Eltern trauern um ihre Tochter, die am 24. März in einem Parkhaus in der Emder Innenstadt von David H. ermordet wurde. Zuvor hatte der damals 18-Jährige noch versucht, das Mädchen zu vergewaltigen. Aber Lena „hat geschrien, gerufen und geweint“, berichtet Brederlow am Mittwoch im Landgericht Aurich. „Da hat der Angeklagte den Beschluss gefasst, sie zum Schweigen zu bringen.“ Dem erfahrenen Richter ist anzusehen, dass die strafrechtliche Aufarbeitung der grausamen Tat auch die Kammer schwer erschüttert hat.

Das Landgericht Aurich hat David H. gestern wegen Mordes und des versuchten sexuellen Missbrauchs auf unbestimmte Zeit in die Psychiatrie eingewiesen - für sehr lange Zeit, wie der Richter betont, mit hoher Wahrscheinlichkeit viel länger, als er im Gefängnis hätte bleiben müssen, wäre er zur Höchststrafe von zehn Jahren nach Jugendstrafrecht verurteilt worden. „Sie können sich sicher sein, das wird ein sehr langer Zeitraum.“ Der blasse und apathisch vor sich hinstarrende David H. ist nach Auffassung des Gerichts in seiner Entwicklung zurückgeblieben und leidet unter einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung. Die Kammer wendet daher Jugendstrafrecht an, obwohl er zum Tatzeitpunkt bereits volljährig war. Außerdem hält sie ihn für vermindert schuldfähig. David H. sei „eine Gefahr für die Allgemeinheit“, konstatiert das Gericht.

Ein letztes Mal mussten gestern Mutter und Stiefvater von Lena dem 19-jährigen Emder gegenübertreten. Gleich mehrfach ringt der Richter während der einstündigen Begründung des Urteils um Worte, etwa als er bedauert, dass die Kammer die Eltern zur „Auffindesituation“ der Leiche vernehmen mussten - „leider“.

Denn es waren die Mutter und der Stiefvater, die das Mädchen in dem Parkhaus fanden, tot und zum Teil entkleidet. Es war der Beginn der Osterferien. Lena wollte gemeinsam mit einem Freund Enten füttern gehen, als David H. die Kinder um kurz nach 18 Uhr auf den Wallanlagen in Emden ansprach. Es war reiner Zufall, so Brederlow, dass es Lena traf. Als das Kind nicht nach Hause zurückkehrte, machten sich die Eltern auf die Suche - und fanden ihre Tochter schließlich in ihrem eigenen Blut liegend im Treppenhaus. Der Täter war es offenbar gelungen, das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen, das zeigen Videoaufnahmen aus dem Parkhaus.

Im dem Treppenhaus habe „das grausame Geschehen“ dann seinen Lauf genommen: David H. habe „dumpfe Gewalt“ gegen den Kopf des Mädchens ausgeübt, einen nicht tödlichen Messerstich zum Hals geführt und damit begonnen, Lena zu entkleiden und sexuelle Handlungen an ihr auszuführen. Wieder stockt der ruhige Vortrag des Richters. „Lena hat dann erkannt, dass der Täter ihr etwas Falsches versprochen hat. Lena hat angefangen sich zu wehren.“ Daraufhin habe David H. sie erwürgt. Die schwere Persönlichkeitsstörung des 19-Jährigen hatte ihn bereits am 24. November 2011 dazu veranlasst, eine Joggerin in den Emder Wallanlagen zu überfallen. Das Gericht verurteilte ihn dafür wegen gefährlicher Körperverletzung - angeklagt war er wegen versuchter Vergewaltigung. Im Lauf der Verhandlung stellte sich jedoch heraus, dass der Übergriff auf die Frau ein Akt der Frustration war. „Er musste etwas aus seinem Seelenleben äußern“, sagt Brederlow, was David H. offenbar nur mit Gewalt gelingt. Er hat die Frau geschlagen, getreten und angeschrien.

Anlass sei H.s Selbstanzeige am Tag zuvor gewesen. Zu den Ungeheuerlichkeiten des Falles zählt, dass H. schon Monate vor der Tat als jemand mit pädophilen Neigungen aktenkundig war. Er hatte sich in Therapie befunden, deren Ende die Selbstanzeige war. Seine Mutter hatte ihn dabei erwischt, wie er ein siebenjähriges Mädchen nackt fotografierte. Während des Klinikaufenthalts hatte der Stiefvater David H. außerdem wegen Besitzes pornografischer Bilder angezeigt. Ein Durchsuchungsbeschluss für seine Wohnung blieb dennoch monatelang unbearbeitet liegen.

Hätte Lenas Tod womöglich verhindert werden können? Gegen acht Polizeibeamte laufen deshalb Disziplinarverfahren. „Niemand hätte die Tat verhindern können“, sagt Richter Brederlow. Die vorangegangenen Taten hätten in Verbindung mit dem jugendlichen Alter H.s nicht ausgereicht, den jungen Mann aus dem Verkehr zu ziehen.

Zumindest juristisch ist seit Mittwoch ein Schlussstrich gezogen. H.s Verteidiger und auch die Anwälte der Joggerin und der Angehörigen Lenas werden wohl keine Revision einlegen. Und selbst wenn David H. eines Tages aus der Psychiatrie entlassen werden sollte: Finanziell wird er schwer wieder auf die Beine kommen. Er muss den Opfern Schadensersatz und Schmerzensgeld in hoher fünfstelliger Summe zahlen.

„Es beschämt ein Gericht, wenn es solche Ereignisse mit Zahlen bewerten muss“, sagt Richter Brederlow.

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