Bahntester

Die letzte Fahrt

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Anwalt der Reisenden: Bahntester Günter Voß will nach 30 Jahren aussteigen.

Seesen - Er ist wohl Deutschlands bekanntester Bahntester. Nun will Günter Voß den Nebenjob an den Nagel hängen. Der 74-Jährige will nur noch zum Spaß Bahn fahren.

Er kann es einfach nicht lassen. Günter Voß ist wieder Bahn gefahren - nach drei Jahren Pause hat sich der pensionierte Polizist aus Seesen, der seit fast 30 Jahren als freiwilliger und unbezahlter Bahntester auf der Schiene unterwegs ist, wieder auf Testfahrt begeben. Kurz vor seinem 75. Geburtstag ist Voß noch einmal einen Monat lang mit Nah- und Fernverkehrszügen kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Dabei geht es ihm nicht ums Ankommen, sondern ums Reisen. Lange bleibt er eh nicht an seinem Zielort, spätestens nach einer halben Stunde steigt der 74-Jährige in den nächsten Zug. Von den Städten, in die er fährt, kennt er oft nur den Bahnhof, manchmal auch noch den Vorplatz.

An einem sehr heißen Sommertag hat er in einem Intercity von Hamburg nach Hannover bei 31,8 Grad und einer kaputten Klimaanlage geschwitzt, und zu allem Überfluss hatte sein Zug auch noch mehr als 50 Minuten Verspätung. Voß hat bei seinen jüngsten Testfahrten viel erlebt: Weichenstörungen, zweite Zugteile, die lange auf sich warten lassen, technische Störungen, Baustellen, Züge, die immer langsamer werden und plötzlich stehen bleiben, verdreckte Abteile und hoffnungslos überfüllte.

Seit Jahren mahnt der Bahntester eine Fahrgastbegrenzung wie beim TGV an. „Sind alle Plätze besetzt, kann man für diesen Zug dann eben kein Ticket mehr lösen“, sagt Voß. Zu Spitzenzeiten - wie Freitag- oder Sonntagabend - sollten lieber zusätzliche Züge eingesetzt werden, schlägt er vor.

Bei 56 Testfahrten hatte der Pensionär sechsmal etwa eine halbe Stunde Verspätung. In vier Fällen waren es sogar bis zu einer Stunde. Seine Anschluss abends in Göttingen, der ihn in den Harz bringen sollte, oft ein Metronom, hat er mehrmals nicht erreicht. „Wenn meine Frau mich nicht mit dem Auto abgeholt hätte, wäre ich in der Nacht nicht mehr nach Hause gekommen“, berichtet Voß.

Während manche Regionen vom Bahnverkehr abgehängt sind, gibt es auf anderen Strecken irrwitzig viele Verbindungen. So verweist der ehemalige Polizist auf den Abschnitt Frankfurt-Flughafen und Köln-Deutz, „wo täglich 50 Züge eingesetzt sind, zum Teil mit drei Minuten Abstand zueinander“. Voß wirbt seit jeher mehr Flexibilität bei der Bahn - auch bei den Fahrplänen. Die Zahl der eingesetzten Züge müsse sich an der Nachfrage orientieren.

Voß prüft die Sauberkeit von Toiletten und guckt, wie lange eine Bananenschale auf einem Sitz liegt, bis sie jemand wegräumt. Einen anderen Kritikpunkt hat der freiwilliger Tester auch schon seit Jahren: die Wagenstandsanzeiger auf den Bahnsteigen seien viel zu ungenau. Viele Passagiere würden sich mit ihren Koffern Wagen um Wagen durch verstopfte Gänge quälen, bis sie ihren reservierten Platz erreicht hätten. „Viel besser ist, wenn sie gleich richtig einsteigen.“

Vandalismus oder Schmierereien habe er bei seinen jüngsten Testreisen selten bemerkt, um so mehr jedoch eine Unsitte, die sich bei den Fahrgästen eingeschlichen hat: Da wird einfach ein Platz mit einem Koffer belegt, und selbst in vollen Zügen beharrlich nicht weggenommen, wenn andere Reisende ohne Sitzplatz sind. Bei einem festen Reservierungssystem wäre das nicht möglich. Es sei denn der Fahrgast würde auch ein Ticket für sein Gepäck lösen.

Vom Bahnfahren hat Voß auch nach fast 30 Jahren nicht genug: „Das war mein letzter Test, aber ganz sicher nicht meine letzte große Bahnfahrt.“ Dafür ist der 74-Jährige einfach viel zu gern unterwegs.

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