Mutmaßlicher Terrorist in Wolfsburg

Letzte Station vor dem Dschihad

Foto: Auch dieser Wolfsburger soll zurzeit für den „Islamischen Staat“ im irakisch-syrischen Grenzgebiet kämpfen und mit Ayoub B. in Kontakt stehen.

Wolfsburg - Der Wolfsburger Ayoub B. ließ sich in einem Trainingslager des „Islamischen Staats“ zum Krieger ausbilden. Am Donnerstagabend wurde der Syrien-Rückkehrer verhaftet. Was lehrt sein Fall?

Doch, ja, sie fielen auf. Die B.s sind in ihrer Straße keine Unbekannten. Aber nicht, weil ihr Sohn, der am Donnerstagabend verhaftete Ayoub B., nach Syrien gegangen war, um für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen. Das wusste hier keiner. Die B.s?, fragt die junge Frau zurück, die in derselben Straße wohnt. Natürlich, sagt sie, die wohnen doch in dem Haus mit der komischen Mauer. „Das Haus mit der komischen Mauer“, so haben sie und ihre Mutter das verklinkerte Eigenheim der Familie B. immer genannt, weil die Mauer um den Vorgarten tatsächlich verwittert und unvollständig war.

Seit den Anschlägen von Paris fragen sich viele in Deutschland, ob es auch hier einen Anschlag geben kann. Welche Gefahr von jenen wohl etwa 180 Männern und wenigen Frauen ausgeht, die von Deutschland aus in den „Heiligen Krieg“ zogen und dann zurückkehrten. Hier, in diesem so bürgerlichen Stadtteil Wolfsburg-Reislingen, ist einer von ihnen aufgewachsen. Einer, den die Behörden für so gefährlich halten, dass sie ihn gestern Abend in Handschellen abführen. „Allahu akbar“ soll Ayoub B., 26 Jahre alt, Deutscher mit tunesischen Wurzeln, dabei geschrien haben, Allah ist groß. Laut „Bild“-Zeitung ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen Ayoub B., weil er einen Anschlag in Deutschland geplant haben soll. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) und das Landeskriminalamt (LKA) dementierten dies gestern Nachmittag jedoch: Laut LKA-Chef Uwe Kolmey beziehen sich die Ermittlungen darauf, dass Ayoub B. im Juni 2014 in ein Ausbildungslager des „Islamischen Staats“ nach Syrien ging. Im Herbst kehrte er zurück. Seitdem wurde er polizeilich überwacht.

Kann man etwas lernen aus dem Fall Ayoub B.?

Etwas, das erklären könnte, wie junge Deutsche auf die Idee kommen, für eine mordende Terrorbande in einem ihnen sehr fremden Land in einen Krieg zu ziehen? Der Modersohn-Becker-Ring in Wolfsburg-Reislingen ist eine sehr ungewöhnliche Heimat für einen deutschen Islamisten. Eine Straße mit lauter gepflegten neueren Einfamilienhäusern, entstanden in den letzten zehn bis 20 Jahren. Das Haus der B.s: ein schmaler Streifen Vorgarten, Garage, Erker verglast, mit Grill auf der Terrasse und Schaukel hinter dem Haus. Ein bürgerlicher deutscher Traum. In der Straße führt eine Frau mit karierten Gummistiefeln ihren Golden Retriever spazieren. Dass der Vater bei VW war, das wissen die Nachbarn. Dass Ayoub noch mehrere jüngere Brüder hat. „Und dass sie hier im Viertel die einzigen waren.“ Die einzigen? „Na, die einzigen Ausländer.“ Der Vater ist vor weit mehr als 30 Jahren nach Deutschland gekommen. Aber so ganz reicht das in den Augen mancher nicht.

Die Ermittlungen in der Wolfsburger Islamistenszene schlagen jetzt hohe Wellen, Niedersachsens Innenminister Pistorius ist um Beschwichtigung bemüht. Es bestehe keine „akute Gefährdungslage“, sagte Pistorius gestern und sprach von einer eher „abstrakten Gefahr“. Wolfsburg - ein Nest von Terroristen? Davon will LKA-Chef Kolmey nichts wissen: „Von einer Terrorzelle in Wolfsburg kann man nicht sprechen.“ Aber die Stadt muss sich jetzt mit diesem Vorwurf auseinandersetzen. Denn Ayoub B. ist nicht der einzige Dschihadist. Ein anderer war im November aus Syrien zurückgekehrt und gleich danach verhaftet worden. Bis zu 40 Personen zählen die Ermittler hier zu den Sympathisanten und Unterstützern des „Islamischen Staates“. Nach Informationen der „Wolfsburger Allgemeinen Zeitung“ sollen 15 Wolfsburger derzeit in Syrien und im Irak kämpfen, die meisten von ihnen sind wie Ayoub B. Deutsch-Tunesier. Wolfsburg ist damit ein weiterer deutscher Islamisten-Schwerpunkt, neben Dinslaken, einer Stadt nördlich von Duisburg. Dinslaken-Lohberg, der Stadtteil, aus dem so auffallend viele deutsche IS-Kämpfer stammen, bietet da weit mehr Ansatzpunkte für Erklärungen. In Lohberg gibt es die stillgelegte Zeche, ein Mahnmal der Hoffnungslosigkeit. In Wolfsburg gibt es VW, einen weltweit erfolgreichen Autobauer. Gewaltbereite Islamisten - warum, bitte, gerade hier?

Job bei Volkswagen

Es ist die Frage, die sich auch Mohamed Ibrahim stellt. Der 42-jährige Deutsch-Ägypter ist Geschäftsführer des Islamischen Zentrums in Wolfsburg, früher war er auch Imam. Das Islamische Zentrum ist eine moderne Moschee mit Kulturzentrum, gebaut 2006, ein lichter offener Bau, nicht weit vom Stadtzentrum. Die Türen hier, sagt Ibrahim, sind stets offen. Ibrahim steht für den offenen, den liberalen Islam, für Toleranz. Deshalb ist er so verzweifelt. „Du versuchst alles Mögliche. Und dann kommen solche Idioten und vermasseln dir alles“, sagt er. „Das ist so bitter.“ Am Morgen, bei den ersten Interviews, hat er ständig geweint. Jetzt, am Nachmittag, kann er zumindest sprechen.

Ayoub B. war in seiner Moschee regelmäßig zu Gast. Er sei freundlich gewesen, höflich, offen, sagt Ibrahim. Tatsächlich findet man in dem, was man über Ayoub B. weiß, wenig, was von Hoffnungslosigkeit handelt. Er war auf der Hauptschule, arbeitete danach bei einer Pizzeria. Das verspricht kein reiches Leben, aber B. spielte auch Fußball, hatte viele Freunde, auch Freundinnen, und zuletzt hatte er sogar den ersehnten Job bei VW, wenn auch bei der Tochter Autovision. Aber, immerhin: ein fester Vertrag. Drei Monate später ging er zum IS in den Irak.

Viele Jugendliche hätten Probleme in den Familien, „sie fühlen sich nirgends richtig zugehörig“, sagt Mohamed Ibrahim. Dann hält er inne, weil er selbst die Grenzen seiner Erklärungen bemerkt. „Das erklärt natürlich nicht, warum das ausgerechnet in Wolfsburg passiert.“

Wahrscheinlich muss man nach Antworten auf die Frage, weshalb junge Wolfsburger in den Dschihad ziehen, woanders suchen. An einem Ort, an dem sich viele der jungen Männer, der Islamisten, getroffen haben. Es ist ein Café in der Nähe des Bahnhofs. Man gerät nicht zufällig hierher, man findet das tunesische Café nicht von allein, erst mit der Hilfe eines jungen Mannes. Außen gibt es kein Schild, man sieht von draußen nur rote Flaggen an den Wänden, Rauch in der Luft. Hinter der Theke steht Riad, ein Mann in den Vierzigern. Er sagt: „Na klar, ich kenne die Jungs alle. Die sind ja alle jeden Tag hier gewesen.“

„Diese Zeichnungen sind Provokationen“

Riad lebt seit 22 Jahren in Deutschland, er hat einen Sohn, ist mit einer Deutschen verheiratet. Ein Gespräch mit ihm ist keine ganz einfache Sache, weil es einen eigenartigen Widerspruch gibt in dem, was er sagt. Da sind auf der einen Seite seine Beteuerungen, er trauere über jeden, der nach Syrien geht, „wir haben hier alle Tränen in denn Augen, glauben Sie mir“.

Aber auf der anderen Seite kann er die Gewalt gegen Karikaturisten auch sehr einfühlsam erklären. „Diese Zeichnungen sind Provokationen, das hat mit Menschenrechten nichts zu tun.“ Die Jüngeren, sagt er, „werden das nicht akzeptieren.“ Es sagt das erstaunlich wütend, jedenfalls für jemanden, der von sich sagt, er bete nicht.

Auf gewisse Art ist sein Café ein trauriger Ort. Zerschlissene, löchrige Teppiche, zusammengewürfelte Möbel. Das Café wird von einem Verein getragen. 25 Mitglieder zahlen mit ihren Spenden den Betrieb. 50 seien arbeitslos und zahlten nichts. So reicht das Geld nicht weit. Ayoub, sagt Riad, sei jeden Tag hier gewesen. Habe Alkohol getrunken, Joints geraucht. Eines Tages war er weg. Es soll sein Vater gewesen sein, der ihn wieder freikaufte, als Ayoub längst genug hatte vom Dschihad.

Ob sie hier eine Erklärung haben? Eher nicht. Nur dass die USA für alles Üble verantwortlich und die Muslime am Ende die Verlierer seien. Hinter der Theke steht jetzt ein hagerer junger Mann mit Beanie-Mütze und Bart. Er will zum Abschied seine weltliche Harmlosigkeit beweisen und sagt lächelnd: „Ich trinke, ich kiffe, ich schwöre bei meiner Mutter.“ Am Ende, das kann man in Wolfsburg lernen, sagt alles das aber wohl sehr wenig.

Von Thorsten Fuchs und Michael B. Berger

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