Wieder Unruhen in Brasilien

Wir lieben den Fußball und hassen die WM

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Foto: Die Botschaft ist deutlich: Die selbe liebe wie die zum Fußball können die Protestler der FIFA nicht entgegenbringen.

Salvador da Bahia - Brasilien hoffte auf gute Geschäfte und beste Stimmung – doch mittlerweile ist für viele Menschen im Land die FIFA das Feindbild Nummer eins.

Und plötzlich war alle Sorglosigkeit dahin. Verschreckte Touristen sind am Freitag im brasilianischen Recife von ihren Liegen gesprungen, als plötzlich die Armee röhrend und dröhnend ihre Panzerfahrzeuge kolonnenweise auffahren ließ – mitten hindurch zwischen Strand, Hotels und Cocktailbars.

Es war eine der vielen Machtdemonstrationen, mit denen die Regierung Brasiliens verzweifelt versucht, das Chaos vor der Fußball-Weltmeisterschaft im ganzen Land einzudämmen. Doch mit dem Näherrücken der WM ist Brasilien nicht etwa von Woche zu Woche fröhlicher geworden, wie der Fußball-Weltverband FIFA hoffte, sondern immer unruhiger.

  1. In Recife patrouillieren derzeit Soldaten auf den Straßen, weil die Polizei seit Tagen für mehr Lohn streikt. Nachts traut sich niemand mehr aus dem Haus.
  2. In Salvador de Bahia hatte bereits im April ein Polizeistreik tödliche Folgen: Binnen 48 Stunden wurden 40 Morde registriert – in der Stadt, in der die DFB-Elf um Jogi Löw am 16. Juni zu ihrem ersten Spiel antritt, gegen Portugal.
  3. In der Millionenmetropole São Paulo blockierten am Freitag Vermummte mit brennenden Barrikaden wichtige Autobahnen, Beamte feuerten Gummigeschosse und Tränengas ab.

Dem langjährigen deutschen Trainer und Spieler Christoph Daum schwant Böses: „Ich glaube, dass das Turnier in Brasilien das erste sein wird, das durch Unruhen unterbrochen wird.“ Genau dies will die FIFA durch strenge Sicherheitsregeln und hohe Standards verhindern – und ist deshalb inzwischen selbst zum Feindbild vieler Brasilianer geworden.

Die 20-jährige Maria zum Beispiel will beim Spiel Deutschland gegen Portugal vor dem neu erbauten Fonte Nova Stadion in Salvador da Bahia demonstrieren. So nah wie möglich will sie an das von der Militärpolizei gesicherte Stadion gelangen. Vielleicht wird sie Tränengas einatmen, vielleicht wird sie von einem Polizeiknüppel oder einem Gummigeschoss getroffen werden, vielleicht wird sie Steine auf die Polizei werfen. Maria liebt Fußball, aber sie hasst, was die brasilianische Regierung und der Fußball-Weltverband FIFA aus der WM machen wollen. Maria ist kein Einzelfall.

Als Brasilien im Oktober 2007 den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2014 bekam, schwappte noch eine Welle der Euphorie durch das Land. Die Fans hofften, dass ihr Team zu Hause wieder den Titel holen würde; die Bürger hofften, dass sich durch Investitionen die Lebensbedingungen für die rund 200 Millionen Einwohner verbessern würden. Doch jetzt herrscht fast im ganzen Land Katerstimmung – schon vor der Party.

Um Platz für WM-Bauten zu schaffen, wurden Tausende Menschen umgesiedelt. Oft gegen ihren Willen. Dennoch werden viele der angekündigten Bauvorhaben nicht oder erst in letzter Sekunde fertig. Nie zuvor ist ein WM-Land so in Verzug geraten. Die durch Spezialeinheiten der Militärpolizei angekündigte „Befriedung“ der gefährlichen Armenviertel, in denen Drogengangster das Regiment übernommen hatten, gelang nur teilweise und unter Einsatz heftiger Gewalt. Die Situation in vielen staatlichen Krankenhäusern ist katastrophal. „FIFA-Standards für die Hospitäler“, stand auf einem Spruchband, das am Freitag in São Paulo zu sehen war.

In der internationalen Pisa-Studie belegt Brasilien den 58. von 65 Plätzen. Immer wieder kommt es zu Stromausfällen, viele Arbeiter verbringen jeden Tag Stunden in überfüllten Bussen und Bahnen, um zur Arbeit zu kommen. Trotzdem wurden Verbesserungen im Gesundheits-, Bildungs- und Infrastrukturbereich gar nicht, verspätet oder nur halbherzig angegangen.

„Die Regierung will auch die fried­lichen Proteste gegen die WM schon im Keim ersticken. Wir unterstützen deshalb jene bei der Einforderung ihrer verfassungsmäßigen Rechte, die am stärksten darunter leiden, dass die versprochenen Verbesserungen im Gesundheits-, Bildungs-, Infrastruktur- und Sicherheitsbereich nicht eingehalten wurden“, sagt Fátima Nascimento, Koordinatorin einer brasilianischen Partnerorganisation von „Brot für die Welt“.

Anfangs war den Brasilianern versprochen worden, dass die Kosten für die von der FIFA geforderten Stadien von privaten Sponsoren getragen würden. Tatsächlich bleibt ein großer Teil nun an den brasilianischen Steuerzahlern hängen. Wie teuer die WM das Land wirklich zu stehen kommt, sagt die Regierung nicht. Die Wut über die ausufernden Kosten führte schon beim Confed-Cup vor einem Jahr mehr als eine Million Menschen auf die Straßen.

Auch in diesen Tagen zieht die FIFA den Zorn der Massen auf sich. Viele empfinden die Funktionäre mit ihren teuren Anzügen und ihren rigorosen Vorschriften als moderne Kolonialherren, die gekommen sind, um erstens gewaltige Gewinne abzuschöpfen und zweitens sogar mal eben ein eigenes Rechtssystem einzuführen: Während der WM gelten in Brasilien die sogenannten FIFA­-Gesetze, die dem Fußballverband und seinen Sponsoren unter anderem exklusive Verkaufszonen und die Befreiung von jeglichen Abgaben einräumen.

„Es wird keine Weltmeisterschaft in Brasilien geben“, rufen zornige Demonstranten in diesen Tagen – und es klingt mittlerweile wie eine tatsächlich ernst zu nehmende Drohung. Anfangs hatte die politische Führung im Land gehofft, den Fußball als sozialen Kitt einzusetzen, der die Gesellschaft trotz gewaltiger Ungleichheit zusammenhält. Die WM sollte die Konflikte überdecken – nun scheint sie aber viele Konflikte erst richtig anzuheizen.

Interessenvertreter aller Art, von den Gewerkschaften über kleine Händler bis zu den Landarbeitern, sehen den geeigneten Zeitpunkt gekommen, jetzt mit aller Wucht für ihre Anliegen einzutreten. Am Freitag warnte der Chef der Polizeigewerkschaft, es könne durchaus sein, dass man auch in den WM-Wochen die Arbeit niederlege. Was dann? Droht eine Stimmung wie in einer Militärdiktatur? Eine WM im Schatten von Panzern?

„Es wird die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“, sagt Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff. Doch es klingt mittlerweile ein bisschen wie das Mantra einer Mentaltrainerin, die den Glauben an sich selbst verloren hat.

Von Philipp Hedemann

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