Deutsche Milch in China

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Für den chinesischen Markt bestimmte Milchpackungen laufen bei Arla in Pronsfeld (Rheinland-Pfalz) durch eine Abfüllanlage.

Peking - Der Milchverzehr in Deutschland sinkt. Dennoch geht es den meisten Molkereien gut, und die Bauern freuen sich über steigende Erlöse für ihre Milch. Die Ursache liegt im Export begründet.

Eine Kältemaschine bläst pausenlos kalte Luft auf eine Pyramide aus bunten Milchtüten. Daneben steht eine Dame und verteilt freundlich lächelnd kleine Probierbecher mit frischer Milch. Ning Xiaoxiao geht dennoch daran vorbei und weiter zum Gemüsetresen des Supermarktes. „Milch kaufe ich woanders“, sagt sie. Diese hier sei nicht importiert.

Ning steht auf Joghurt, Frischkäse und Butter. Sie trinkt Milch morgens zum Frühstückskaffee. Und manchmal, wenn sie besonders gestresst von der Arbeit zurück kommt, gönnt sie sich auch mal eine heiße Tasse Milch mit Honig. Doch obwohl der Supermarkt nur 300 Meter von ihrer Wohnung entfernt liegt – Milch aus chinesischer Herstellung fasst sie nicht an. Stattdessen nimmt sie einmal die Woche den sehr viel längeren Weg auf sich und fährt zu Schindler, einem deutschen Delikatessenladen im Pekinger Stadtviertel Maizidian. Eigentümer Steffen Schindler war früher Oberst und Militärattaché der Botschaft der DDR. Nach der Wende verlor er seinen Posten, blieb aber in Peking und übernahm einen Metzgereibetrieb. Jetzt betreibt er eine ganze Reihe von deutschen Restaurants, und eben diesen Feinkostladen. 15 Minuten mit dem Fahrrad braucht Ning, zu Fuß oder mit dem Bus sogar über eine halbe Stunde. „Das mache ich schon seit einiger Zeit so“, erklärt die 29-Jährige. Warum? Bei haltbarer Milch aus Deutschland müsse sie nicht damit rechnen, dass in der Packung auch Reinigungslauge mitschwimme.

Der Absatz deutscher Milch boomt in Peking. Und längst sind es nicht mehr nur die Menschen aus Europa und den USA, die in den einst eigens für sie errichteten Supermärkten wie Jenny Lou, BHG oder Olé mit reichhaltigem Angebot von Lebensmitteln aus dem Ausland zu den Milchprodukten aus Deutschland greifen. Obwohl eine Literpackung umgerechnet rund 2,50 Euro kostet – „die Chinesen zählen inzwischen zu den eifrigsten Käufern“, sagt Hu Mei, Verkäuferin bei der in Peking besonders beliebten Supermarktkette Jenny Lou. Und sie würden beim Kauf vor allem darauf achten, dass auf der Tetra-Packung auch ja das deutsche Fähnchen zu sehen ist – ein unter chinesischen Milchkäufern inzwischen wichtiges Qualitätsmerkmal, das für Frische und Hygiene steht. Vor allem enthält Milch deutscher Kühe keine chemischen Zusatzstoffe.

Genau das ist den Chinesen wiederholt unangenehm aufgefallen. Das Unternehmen Bright Dairy & Food musste eine größere Menge Milch zurückzurufen. Verbraucher hatten moniert, dass die in einer Fabrik in Schanghai abgefüllte Milch übel nach verfaulten Eiern rieche und verfärbt sei. Zudem schwamm ein gelblicher Film auf der Oberfläche. Es handelte sich tatsächlich um Reinigungslauge. Zwei Wochen zuvor hatte die Firma Yili, Chinas größter Molkereikonzern, ebenfalls mehrere Chargen Milchpulver zurückrufen müssen. Proben ergaben eine erhöhte Menge Quecksilber. Besonders tief sitzt bei vielen Chinesen der Schrecken von 2008. Um einen höheren Eiweißgehalt vorzutäuschen, hatte ein chinesischer Produzent Babymilch mit der Industriechemikalie Melamin versetzt. Sechs Babys starben daran, über 300 000 Kleinkinder erkrankten.Wie so etwas in die Milch gelangt? Keine Ahnung, sagt Ning. Aber in China werde inzwischen mit allem möglichen herumgepanscht. Niemandem mehr könne man vertrauen, sagt Ning. Das habe sich seit dem Melamin-Skandal kein Stück geändert. Deswegen zahle sie lieber den doppelten Preis. Ihre Lieblingsmarke: Suki. Das klingt nicht gerade deutsch. Tatsächlich aber handelt es sich um deutsche Milch, die unter einem chinesischen Markennamen verkauft wird. Sie stammt von einer Molkerei in Erftstadt in der Nähe von Köln. Haltbare Milch von Kühen aus der Eifel wird dort abgepackt und nach China verschifft. Die Schriftzüge auf den Etiketten des Tetrapaks sind chinesisch. Auch „Hansano“ oder die Milch von „Oldenburger“ kauft Ning. Hauptsache deutsch.

Deutsche Milchbauern freuen sich über diese Entwicklung in Fernost. Viele Jahre litten sie unter den zu niedrigen Milchpreisen auf dem heimischen Markt. Die Nachfrage in Deutschland stagnierte, Discounter wie Aldi und Lidl drückten die Preise. Doch seitdem Millionen Chinesen importierte Milch zu schätzen wissen, zeigt die Absatzkurve für deutsche Milch wieder nach oben. Einige Produkte, wie etwa Milchpulver, waren in Deutschland zuletzt sogar öfter ausverkauft, weil die Produzenten mit der rasant steigenden Nachfrage aus Fernost nicht Schritt halten konnten.

Rudolf Schmidt, Geschäftsführer der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen, bestätigt die große Nachfrage. Nicht nur die klassischen Exportprodukte Milchpulver, Butter und Käse liefen gut. Einzelne Molkereien verschifften Milch in Tetrapaks containerweise nach China.

Dabei ist es noch gar nicht lange her, da tranken Chinesen gar keine Milch. Ning erinnert sich an ihre Kindheit in ihrem Heimatdorf in der ostchinesischen Provinz Shangdong. „Wir kannten lediglich Suannai“, ein Joghurtgetränk aus der Inneren Mongolei, was übersetzt „Saure Milch“ heißt. Kühe waren ansonsten zum Essen da, nicht zum Melken. Auf den Geschmack von Milcherzeugnissen ist Ning gekommen, als sie zum Studium in die Provinzhauptstadt Jinan ging. In der Nähe ihres Wohnheims hatte eine Filiale von Pizza Hut eröffnet. Wie der Käse auf der heißen Pizza zerfloss und beim Abbeißen lange Fäden hinterließ – „ich war sofort verliebt“, erinnert sich Ning. Später hat sie für ein Jahr in Deutschland gelebt und dann noch einmal in der Schweiz. Seitdem sind Milcherzeugnisse fester Bestandteil ihrer Ernährung. Und bei Millionen anderen Chinesen auch: Erst fanden Pizza, Milchshakes und Cheeseburger Einzug in die chinesische Esskultur. Irgendwann stellten die Gesundheitsbehörden fest, dass viele chinesische Kinder an Kalziummangel litten und starteten große Kampagnen. An vielen Schulen wurden Milchgetränke in der Pause kostenlos verteilt. Eine ganze Generation ist inzwischen mit Milch aufgewachsen.

Und wie sieht es mit der berühmten Laktoseintoleranz aus? Bis vor kurzem hieß es noch: 90 Prozent aller Chinesen würden aus genetischen Gründen den auch als Milchzucker bekannten Stoff nicht verdauen können. Ning gehört nicht dazu – zumindest nicht mehr.Auch sie habe in ihren ersten Tagen in Deutschland keine Milch vertragen, erinnert sie sich. Doch nach einer Woche war das Grummeln im Bauch vorbei. Sie glaubt, dass sich ihr Magen an Milch und Laktose gewöhnt hat. Tatsächlich haben chinesische Wissenschaftler herausgefunden, dass trotz allgemeiner Laktose-intoleranz nur ein Drittel der Bevölkerung wirklich Beschwerden erleidet. Zudem komme es bei vielen auf die Menge an. Und ein Gewöhnungseffekt spiele ebenfalls eine Rolle. Das heißt: Der Körper könne bei regelmäßigem Milchgenuss Laktoseüberempfindlichkeit durchaus abbauen.

Nur bei einem Milchprodukt dreht sich auch für Ning der Magen um: französischer Blauschimmelkäse. „Der ist verfault“, sagt sie. Da könne sie ja auch gleich zu Erzeugnissen aus China greifen.

Felix Lee

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