Zeitumstellung

Lockerbleiben,...

+
Foto: In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag wird um 3 Uhr die Uhr eine Stunde zurück gestellt.

- .. dann klappt es auch mit dem Einschlafen.
 Jedenfalls manchmal.
 Oft ist es nicht einfach, abends zur Ruhe
zu kommen. 
Denn Nachtruhe und
 24-Stunden-Gesellschaft
passen nicht gut 
zusammen. 
Eine Geschichte von der Nachtseite des Lebens.

Vor sechs Monaten wurde uns allen etwas sehr Wertvolles gestohlen: eine Stunde Schlaf. Wie jedes Jahr bekommen wir sie an diesem Wochenende zurück. Eine Stunde mehr zum Schlafen oder Feiern und ein ruhigerer Sonntagmorgen – und das etwas verwirrende Gefühl, das einen bei jeder Zeitumstellung beschleicht. Etwas ist aus den Fugen geraten, die fest gefügte Übereinkunft der Zeit wirkt plötzlich verhandelbar. „Die Zeitumstellungen sind die zwei Momente im Jahr, an denen jeder merkt, wie er sich auf den äußeren Taktgeber einstellt, der unser Leben bestimmt.“ So formuliert es die Göttinger Historikerin Hannah Ahlheim. Sie beschäftigt sich mit dem Umgang der Gesellschaft mit Zeit und Schlaf, Moralvorstellungen und Grenzüberschreitung, Kontrollgewinn und Kontrollverlust. Oder eben mit dem flauen Gefühl der zeitlichen Heimatlosigkeit, das die Band „Tocotronic“ besang: „Ich bin heute morgen aufgewacht / es war noch mitten in der Nacht / und ich weiß nicht genau, ob es so etwas gibt/ und ob es an der Zeitumstellung liegt.“

Der Schlaf ist die große Unbekannte in der Gleichung der 24-Stunden-Leistungsgesellschaft. Wir können – und sollen – zu jeder Tageszeit arbeiten und konsumieren. Nur die Müdigkeit kann diese Maschine stoppen. Die einen überschreiten die Grenze der Erschöpfung, weil sie es wollen. Wenn der Bürger gegen Mitternacht ins Bett muss, beginnt für viele erst die Partyzeit, bis die Sonne wieder hoch steht. Andere müssen ihren Tagesrhythmus umstellen, damit die Konsummaschine brummen kann. Der Anteil der Nachtarbeit steigt seit Jahren – nicht wegen der Fließbänder der Produktion, sondern wegen der atemlosen Service-Industrie: Online-Händler werben mit Blitzlieferungen, Nachtarbeiter im Logistikzentrum müssen packen und rackern. Wir leisten, kaufen, überschreiten Grenzen: finanzielle Grenzen, Promillegrenzen, Intimitätsgrenzen. Nur der Schlaf, nicht mehr die Nacht, hält uns vom dauernden Funktionieren ab. „Wir können den Schlaf nicht direkt kontrollieren“, sagt der Tübinger Neurowissenschaftler Jan Born. „Daher sollte man versuchen, ihm gegenüber ein gelassenes Verhältnis zu entwickeln.“

Die Anforderungen an die arbeitende Bevölkerung aber sind relativ klar: Zwischen sechs und sieben Uhr morgens klingelt bei den meisten der Wecker. Der Vorteil der Zeitumstellung: Die nächsten paar Wochen wird es um diese Zeit noch hell sein. Der Acht-Stunden-Nachtschlaf (minus Einschlafphase von 15 Minuten) gilt als eherne Regel – und ist dennoch eine ziemlich junge Entwicklung. „Seit dem 19. Jahrhundert gilt das frühe Aufstehen als das Ideal“, erläutert Ahlheim, „aus dieser Zeit kommen Sinnsprüche wie ‚Morgenstund hat Gold im Mund‘ und ‚Der frühe Vogel fängt den Wurm‘.“ Noch später, in den 1930er und 1940er Jahren, haben Schlafforscher wie Nathaniel Kleitman in den USA den Schlaf erstmals im Detail untersucht – und damit auch die Bedingungen für „richtigen“ Schlaf geprägt: Während Kleitmans Experimenten waren den Probanden Nickerchen nicht erlaubt – allein die eine, ununterbrochene Schlafphase zählte. Wer wach ist, muss leistungsfähig sein. „Dösen war nicht mehr akzeptabel“, sagt Ahlheim.

Big Brother für die Bettkante

Das Ideal des „konsolidierten Nachtschlafs“ ist relativ neu. Entstanden ist es durch Industrialisierung und Elektrifizierung, propagiert wurde es durch Forscher wie Kleitman und unzählige Schlafratgeber. Der „vorindustrielle Schlaf“ kann anders ausgesehen haben, möglicherweise so, wie ihn sich der US-Historiker Roger Ekirch vorstellt: Als zweigeteilte, flexible Ruhezeit. Nach der Arbeit fielen die Menschen todmüde auf ihr Lager. Nach ein paar Stunden erwachten sie, fütterten vielleicht die Tiere, oder entzündeten eine Kerze, redeten, tranken, hatten Sex. Wie wirr und kreativ wirkt das gegenüber dem simplen, heutigen Ideal: Zwei Drittel wach, ein Drittel weg.

„Was passiert wirklich in dem fehlenden Drittel deines Lebens?“ fragt heutzutage der „Sleep Bot“, eine kostenlose Software, die zum „perfekten Schlaf“ verhelfen soll. Mit solch einem Programm kann sich jeder Schläfer mit seinem Smartphone selbst überwachen. Das Gerät muss dafür nur angeschaltet neben dem Kopfkissen liegen – so intim gehen wohl ohnehin schon viele Nutzer mit ihrem Telefon um. Am Morgen findet der „Sleep Bot“-Nutzer dann ein komplettes Protokoll der Nacht vor: Wälzgeräusche, Reden im Schlaf, motorsägenähnliches Schnarchen – alles ist aufgezeichnet und kann, wenn man mag, direkt ins Befindlichkeits-Blog im Internet gestellt werden. Im Gegensatz zum medizinischen Schlaflabor (siehe nebenstehender Text) lässt das Programm den Schläfer allerdings ohne Interpretationen zurück. Was das plötzliche „Humpf!“ in der Tiefschlafphase kurz vor eins bedeuten sollte, kann der Sleep Bot nicht erklären. Das macht die aufgezeichneten Botschaften aus der überwachten Bewusstlosigkeit dann doch eher beunruhigend.

Nichtsdestotrotz jubeln Nutzer auf der Firmen-Homepage: „Ja, diese App kann dein Leben verändern!“. Entwickelt wurde der Big Brother für die Bettkante von der New Yorker Studentin Jane Zhu und ihrem Partner mitten in einer besonders stressigen Examensphase. Mehr als eine Million Menschen haben das Programm bisher heruntergeladen. „Wir wollten eigentlich nur protokollieren, wie wenig Schlaf wir gerade bekommen“, erzählt Gründerin Zhu. „Sleep debt“ heißt eine der Anzeigen der App: Schlafschulden. Nicht nur amerikanische Studenten verwenden viel Ehrgeiz darauf, den Schlaf-Dispo bis zum Anschlag auszureizen. Irgendwann aber hat der Körper jeden Kredit verspielt.

Wie lange das System im roten Bereich funktioniert, ist ein immer wieder gerne aufgelegter Selbstversuch – die ultimative Grenzüberschreitung, der Ausbruch aus den bürgerlichen Rhythmen von Tagarbeit und Nachtschlaf. „Drei Tage wach“ hieß vor einigen Jahren mal der Soundtrack zum Party-Absturz. Doch was der Techno-DJ Tobias Lützenkirchen damals mit Brachial-Ironie zusammenbastelte („Flasche leer, Feuerwehr – drei Tage wach“), hätte bei seinem Kollegen Peter Tripp nur ein müdes Lächeln erzeugt. Tripp, ein 32-jähriger Radio-DJ eines New Yorker Senders, setzte sich 1959 in ein Ladenlokal am Times Square zum öffentlich zelebrierten „wake-a-thon“ – einem Marathon des Schlafentzugs.

201 Stunden am Stück, also mehr als acht Tage, blieb Tripp auf Sendung, legte Platten auf und moderierte. Es gibt Fotos von diesem öffentlich zelebrierten Kontrollverlust. Nach zwei Tagen wirkt Tripp blass und nervös, nach fünf Tagen ausgezehrt, mit flackerndem Blick und wie ein Besessener. Tripp bekommt Wachmacher und schafft es, seine Moderationen einigermaßen flüssig über den Sender zu schicken. Wenn aber die Musik läuft, übermannen ihn die Halluzinationen. Aus der Schreibtischschublade züngeln Flammen, in den Schuhen wohnen Spinnen, Katzen jagen weiße Mäuse durch das Schaufenster-Studio. Probanden anderer Schlafentzug-Experimente sehen Nebel durch Türen und Fenster wabern – oder es tut sich mitten ihm Wohnzimmer eine idyllische, grüne Allee auf.Die Wachmacher, die Peter Tripp von den Ärzten bekam, die seinen Selbstversuch begleiteten, scheinen nicht der Grund für die Halluzinationen gewesen zu sein. Schlafmangel, der in seiner milden Form zu Konzentrationsmangel, Langsamkeit und Aggressivität führt, kann im Extrem ausgewachsene Wahrnehmungsstörungen hervorrufen. Aufputschmittel verstärken diese noch.

Sieben Tipps zum Einschlafen

■  Entspannung ist der beste Weg in den Schlaf. Verschieben Sie aufregende Dinge auf den nächsten Tag. Auch das E-Paper Ihrer Tageszeitung ist noch zum Frühstück frisch. ■  Erst ins Bett gehen, wenn man wirklich müde ist. ■  Schlummertrunk oder Schlafbier sind gefährlich – oft bleibt es dann doch nicht nur bei einem. ■  Heiße Milch mit Honig hingegen hilft. ■  Tryptophan – klingt wie ein Schlafmittel, ist aber natürlich und wirkt sehr entspannend. Diese Aminosäure kommt zum Beispiel in Kirschen, Bananen, Walnüssen und Hartkäse vor. ■  Hörbücher sind die neuen Schäfchen! Zum Beispiel 250 Stunden „Krieg und Frieden“ von Tolstoi – da wird Sprecher Ulrich Noethen ein Bettgefährte für mehrere Monate. ■  Autogenes Trainig, für den der’s kann. Oder auch: Den kommenden Tag mit einem positiven Grundton schon einmal vorfühlen.

„Möchten Sie Milch oder Zucker in den Kaffee?“ fragt die reizende Lilo Pulver in Billy Wilders Berlin-Komödie „Eins, zwei, drei“ ihren Chef Mr MacNamara. „Nein, nur zwei Pervitin, es wird ein harter Tag“, antwortet der Boss. Kaum jemand kennt noch den Markenname Pervitin. 1961 aber, als der Film gedreht wurde, waren die Pillen überall erhältlich. Heute ist das Zeug nur noch vom lokalen Dealer im grenznahen Sachsen und Bayern zu beziehen – als Crystal Meth. Denn Pervitin, vor 75 Jahren erstmals von den Berliner Temmler-Werken auf den Markt gebracht, war nichts anderes als Methamphetamin. Heute gilt Crystal als die perfekte „Drei-Tage-Wach“-Partydroge – mit schlimmen Spätfolgen. Im Zweiten Weltkrieg war Pervitin die Pille für den deutschen Blitzkrieger. „Panzerschokolade“ oder „Stuka-Tabletten“ hieß das Mittel, 35 Millionen Pillen wurden allein für den Frankreichfeldzug 1940 von der Wehrmacht geordert. An der Heimatfront gab es Pervitin-Pralinen als „mother‘s litte helper“. Der Slogan dazu: „Pervitin macht die Hausfrau glücklich“. Die Alliierten experimentieren mit ihrem eigenen Kriegs-Speed: Die US Air Force gab ihren Piloten Benzedrin als Wachmacher und setzte die Versuche noch lange nach Kriegsende fort.

Der Schlaf aber bleibt für Armeen auf Dauer ein unbesiegbarer Gegner. Pervitin macht nicht nur abhängig, sondern zehrt den Körper auch aus. Wenn das Hochgefühl nachließ, brauchte der müde Krieger um so mehr Schlaf. Zum Feind erklärt wurde der Schlaf indes schon vor Kriegsbeginn: Der harte Leistungsmensch, den sich Nazi-Ideologen erträumten, könne auch den Schlaf unter seinen Willen zwingen und sich die benötigte Ruhe „zusammenraffen und mit dem erreichbaren Quantum auskommen“. Der überflüssige „Luxusschlaf“ wurde in den späten 1930er-Jahren als „Schlafmast“ angeprangert, hat Schlaf-Historikerin Ahlheim herausgefunden.

35 Prozent der Deutschen finden, dass sie zu wenig Schlaf bekommen. Wer schlecht einschläft, denkt mit wachsender Panik an den Wecker, der schon in fünf Stunden schrillt – von Luxusschlaf keine Spur. Und auch nicht von Schlafluxus. Wer nachts aufwacht, tut das oft in einem Zustand zwischen Schlaftrunkenheit und Depression. Schuld seien nachtarbeitende Botenstoffe und Hormone, sagt Neurowissenschaftler Born. Der moderne Schläfer will möglichst wenig davon mitbekommen, weder von den Träumen noch von den Schlafphasen nahe der Oberfläche. Für den Historiker Ekirch ist das ein Verlust. Früher seien in der Pause zwischen erstem und zweitem Schlaf „uralte Wege“ im Dämmerzustand zu unserer Psyche gangbar gewesen, die der Mensch in späteren Jahrhunderten verloren hat.

Da hilft auch ein vom „Sleep Bot“ aufgezeichnetes nächtliches „Humpf!“ nicht wirklich weiter.

Von Jan Sternberg

Kommentare