Marine Vacth

Die Lolita-Manie

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Marine Vacth: „Jung und schön“ lautet das Markenzeichen der Lolita.

Paris - Nicht nur Frankreich ist in Wallung: Mit dem neuen Kinofilm „Jung und Schön“ hat die Lolita-Manie ihren Höhepunkt erreicht.

Sie war erst 14, als sie die halbe Welt um den Verstand brachte. 1987 piepste Vanessa Paradis „Joe le Taxi“ und verzückte die Franzosen mit zartem Stimmchen und Zahnlücke. Dann wurde sie auf der Straße angespuckt, Unbekannte sprühten das Wort „Schlampe“ an ihr Elternhaus. Mehr als 30 Jahre nach Erscheinen von Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ polarisierte das unerhört Laszive, das verlockend Verbotene, das Frühreife und gleichzeitig so Unschuldige noch immer. Und Paradis wusste daraus Kapital zu schlagen: Für einen legendären Parfümwerbespot ließ sie sich von Chanel Anfang der Neunziger in einen Käfig sperrig, wo sie in einem Federkleidchen schmollmündig vor sich hin pfiff. Die Lifestyle-Lolita war geboren, die Schauspielerin, Model und Sängerin in einem verkörperte. Jetzt tritt Marine Vacth, der Star aus François Ozons aktuellem Kinofilm „Jung und Schön“, das Erbe von Vanessa Paradis an.

Und noch immer haftet dem Lolita-Image und seiner „Sie will doch nur spielen“-Masche etwas Schmuddeliges an. Dabei sah selbst Simone de Beauvoir, Urmutter des Feminismus, im Lolita-Syndrom einst etwas Schönes und Starkes: Eine Lolita sei zugleich „Jägerin und Beute“ und stelle jene Tabus infrage, die der Frau eine sexuelle Selbstbestimmung verweigerten. Eine Lolita betone ihre Ähnlichkeit mit dem Mann und symbolisiere mithin die Emanzipation, schrieb de Beauvoir Mitte der fünfziger Jahre in einem Essay, kurz nach Erscheinen von Nabokovs „Lolita“ und Brigitte Bardots Durchbruch in „Und immer lockt das Weib“. Der Lolita-Typ war in de Beauvoirs Augen die „neue Eva“, eine Mischung aus „grünem Früchtchen“ und „Femme fatale“. Und Frankreich war ihre Wiege.

Fräuleinwunder statt Lolita

In den fünfziger Jahren war es Bri­gitte Bardot, in den Sechzigern France Gall, in den Siebzigern Isabelle Adjani, in den Achtzigern waren es Sophie Marceau und Charlotte Gainsbourg, die frühreife Mädchen vor der Kamera spielten oder laszive Liedchen hauchten. So wie die seinerzeit 16-jährige Alizée im Jahr 2000 mit „Moi … Lolita“. Trotz des sinnfreien Textes hielt sich der Song 73 Wochen in den französischen Charts. Ein nie dagewesener und bis heute ungebrochener Rekord. Auch in Deutschland war das Lied ein Hit. Es galt wohl als exotisch. Denn hierzulande kannte man immer nur den braven Backfisch (Conny Froboess) oder das niedliche Fräuleinwunder (Lena Meyer-Landrut), nie jedoch das aufreizend-unschuldige Nymphchen, das wegen seiner Jugend und Schönheit von Männern begehrt und von Frauen bewundert wurde. Einzige Ausnahme: Nastassja Kinski im Skandal-„Tatort“ „Reifezeugnis“.

„Jung und Schön“ lautet das Markenzeichen der Lolita. Doch in dem gleichnamigen Film von Ozon ist die Hauptfigur keine reife „Belle de Jour“ wie einst Catherine Deneuve, sondern eine 17-Jährige, die Altherrenfantasien befriedigt. Marine Vacth, die sie verkörpert, ist immerhin schon 23 und hatte zuvor schon als Model viel nackte Haut gezeigt. Immer wieder zieren denn auch schmollmündige Fotos von der mädchenhaften Vacth nicht nur Frankreichs Hochglanzmagazine. Es geht dabei jedoch weniger um schauspielerische Qualitäten als vielmehr um vom Jugendwahn gespeiste Schauwerte.

Diesen Trend trieb vor zwei Jahren die französische „Vogue“ mit einer Fotostrecke von acht- bis zehnjährigen Mädchen in aufreizenden Kleidern und Posen auf die Spitze. 150 Kinderärzte reagierten mit einer Petition gegen die „Erotisierung und Hypersexualisierung von Kindern in der Werbung“. Öffentlich debattiert wurde daraufhin auch der Boom sogenannter „Miss-Mini“-Wahlen in Frankreich, aber auch den USA, bei denen Grundschülerinnen wie die Protagonistinnen von „Sex and the City“ ausstaffiert werden. Frankreich will dem jetzt einen Riegel vorschieben und Schönheitswettbewerbe für Kandidatinnen unter 16 Jahren verbieten. Im Januar soll ein entsprechender Gesetzesentwurf verabschiedet werden.

„Lolita go home“, trällerte Jane Birkin 1975 und kokettierte mit ihrem eigenen Image. Auch ihre Ahnin Marine Vacth zieht sich vielleicht bald wirklich zurück: Die französische „Gala“ will erfahren haben, dass die Aktrice im Frühjahr Mutter wird.

Von Kerstin Hergst

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