Panne beim Bau

Londoner Hochhaus wird zur Strahlenkanone

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Gefährliches Hochhaus: Die Straßenverwaltung der City sperrte drei öffentliche Parkplätze im Zielgebiet der „Strahlenkanone“.

London - Die nach innen gewölbte Fassade eines neuen Londoner Büroblocks wirkt wie eine Strahlenkanone. Selbst Autos fangen an zu schmelzen. Die Londoner sind empört, doch der Bauherr beschwichtig: Alles nicht so schlimm – man sei schließlich in England.

Als Martin Lindsay vor ein paar Tagen Eastcheap, eine Straße im Finanzbezirk der City of London, hinunter spazierte, fiel ihm ein Fotograf auf, der von einem am Rinnstein geparkten Wagen eine Aufnahme machte. „Was ist denn hier los?“ forschte Lindsay nach. Der Fotograf erwiderte: „Schauen Sie sich bloß das Auto mal an. Dessen Besitzer wird nicht besonders glücklich sein.“ „Das ist mein Auto“, sagte Lindsay. Und: „Ach du liebe Güte.“ Sein Jaguar XJ wies schwere Verbrennungen auf. Außenspiegel, Türen und Jaguar-Zeichen hatten zu schmelzen begonnen. „Ich konnte es nicht glauben“, sagt Lindsay. Eine Stunde nur hatte er den Wagen im Schatten eines im Bau befindlichen Wolkenkratzers nahe der U-Bahn-Station Monument geparkt. Der Schatten aber war kein Schatten, sondern erwies sich als eine Strahlenfalle: Die elegante Glasfront des neuen 37-stöckigen City-Wunders 20 Fenchurch Street hatte den Schaden verursacht.

Denn das Gebäude, das im Volksmund „Walkie Talkie“ heißt, besticht durch zwei nach innen gewölbte Fassaden. Es weitet sich am unteren und am oberen Ende. Mit seinen konkaven Kurven sucht es sich aus dem neuen Wolkenkratzer-Gewimmel in der City heraus zu heben. Eben diese Kurven aber verstören nun die Londoner. Nicht nur Martin Lindsays Jaguar hat Verbrennungen ersten Grades erlitten. Auch andere Fahrzeughalter haben ungewöhnliche Schäden gemeldet. Der Fahrer eines Vauxhall-Vivaro-Kleintransporters, Eddie Cannon, fand allerlei Plastik im Wageninnern, einschließlich dem Amaturenbrett, in Auflösung begriffen: „Der Wagen war in entsetzlichem Zustand.“ Selbst eine Flasche Limonade hatte es erwischt: „Die sah wie frisch aus dem Ofen aus.“ Als er in den überhitzten Wagen kletterte, sei es ihm vorgekommen, als finde er sich unter gleißendem Scheinwerferlicht wieder – eher wie in der Wüste Nevadas, bei einer Begegnung der Dritten Art, als im überwiegend grauen Alltag Londons.

Auch ein Radfahrer hatte Grund zum Klagen: Sein schönes, kurz mal abgestelltes Rennrad qualmte buchstäblich. Einem Banker, der sich unwissentlich in die gebündelten Strahlen gestellt hatte, schmolzen an einem besonders sonnigen Tag angeblich die Schuhsohlen unter den Füssen. Autofahrer und Passanten, die in die Strahlenfalle gerieten, mussten die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden. Reporter, die mit Thermometern anrückten, kamen selbst bei einer Spätsommer-Temperatur von 20 Grad an einem der letzten Tage in London auf eine Luft-Temperatur von fast 50 Grad vorm „Walkie-Talkie“-Gebäude. Verschreckt sperrte die Straßenverwaltung der City drei öffentliche Parkplätze im zentralen Zielgebiet der „Strahlenkanone“.

Die Bauherren des 240 Millionen Pfund teuren, 160 Meter hohen Büroblocks, der zum Jahresende fertig gestellt sein soll, baten zerknirscht um Entschuldigung für das „Phänomen“, das bisher niemand bedacht hatte. Es komme ja nur etwa zwei Stunden am Tag vor, dass die Sonne in einem unguten Winkel zum „Walkie Talkie“ stehe, suchten sie die Panik einzudämmen. Und das auch nur zwei bis drei Wochen lang. Schließlich lebe man nicht in Las Vegas oder in Dallas. Aber das war empörten Londonern wenig Trost. Mit solchen Problemen will man sich in der Square Mile nicht plagen müssen. Um in Zukunft nicht wie Hühnchen geröstet zu werden, verlangen Briten, die in der City arbeiten bauliche Veränderungen. Experten haben geraten, den betreffenden Glasfassaden durch Sandstrahlung ihre gefährliche Reflektionskraft zu nehmen. Leider würden die Bürofenster damit aber undurchsichtig .

Martin Lindsay, der Besitzer des beschädigten Jaguar, hat derweil sein „angebranntes“ Auto schnell wieder in Stand setzen lassen. 946 Pfund (umgerechnet 1116 Euro) hat ihn die Reparatur gekostet. Erleichtert vermerkt Lindsay, dass die Bauherren des Gebäudes ihm die Summe anstandslos ersetzen wollen: „Ich weiß wirklich nicht, was meine eigene Versicherung von dieser Sache gehalten hätte.“

Von Peter Nonnenmacher

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