Wiederansiedlung in Niedersachsen

Luchse überwinden auch die Autobahn

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Foto: Das Auswilderungsprojekt im Harz war der Ausgangspunkt – jetzt streifen Luchse auch durch die Mittelgebirge an der Weser.

Bad Harzburg/Grünenplan - Erste Hinweise belegen, dass die Wiederansiedlung von Luchsen außerhalb des Harz wieder nachhaltigen Erfolg hat – ihre Spur führt bis zur Weser.

Ole Anders ist es gewohnt, kreuz und quer durch die Wälder des Harzes zu fahren. Seit im Jahr 2000 die ersten Luchse im Harz ausgewildert wurden, ist der Leiter des Luchsprojektes viel unterwegs, um die Aktivitäten und die Ausbreitung der „Pinselohren“ zu erforschen. So viele Kilometer wie in letzter Zeit hat er allerdings zuvor nicht zurückgelegt. Grund: Einige Luchse haben es geschafft, außerhalb des Harzes neue Lebensräume zu erobern und sich bis zur Weser auszubreiten. Auch wenn er den Luchsen kaum noch hinterher kommt, freut sich Ole Anders darüber. „Das sind erste Hinweise, dass die Wiederansiedlung nachhaltigen Erfolg hat.“

Inzwischen zeichnet sich ab, dass die Luchse dabei sind, auch die westlichen Mittelgebirge Niedersachsens zu erobern. Schon seit einigen Jahren hatte es immer wieder Hinweise gegeben, dass Luchse bis in den Solling gewandert sind. „Die Anzahl der Beobachtungen ist allerdings in der vergangenen Saison deutlich gestiegen“, erzählt Anders. Kürzlich fanden sich außerdem Hinweise darauf, dass die Luchse inzwischen bis in den Landkreis Hildesheim vorgestoßen sind und mindestens zwei erwachsene Tiere die Mittelgebirge Ith und Hils durchstreifen. „Im Forstamt Grünenplan haben Jäger wiederholt eine Luchsmutter mit vermutlich vier Jungtieren gesehen“, sagt Anders. Dies sei eine kleine Sensation, denn außerhalb des Harzes konnten bislang nur in Nordhessen in Freiheit geborene Jungluchse nachgewiesen werden.

Weitere Luchs-beobachtungen habe es in der Gegend um Capellenhagen und Scharfoldendorf (Kreis Holzminden) gegeben. Die Ausbreitung der Luchse ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil das vor 13 Jahren gestartete Auswilderungsprojekt zunächst umstritten war. Kritiker warnten vor einem Scheitern, da der Harz als Lebensraum zu klein sei und die nächsten größeren Waldgebiete zu weit entfernt seien. Die Luchse haben diese Schwierigkeiten jedoch offenbar erfolgreich gemeistert. Trotz gefährlicher Hindernisse wie Schnellstraßen und Autobahnen ist es ihnen gelungen, sich in der halboffenen Kulturlandschaft zwischen Harz und Weser auszubreiten.

Dies war nicht unbedingt zu erwarten. Andernorts sieht es für die Luchse weniger günstig aus: „Derzeit ist fast nirgendwo in Mittel- und Westeuropa ein nennenswerter Anstieg der Luchs-population zu verzeichnen. Mehrere Populationen stagnieren oder sind rückläufig“, berichtet Anders. Deshalb sei es wichtig, auch in Zukunft die Ausbreitung der Luchse zwischen Harz und Weser mit wissenschaftlicher Methodik zu verfolgen. „Wir müssen die Luchse im Blick behalten und die weitere Entwicklung gemeinsam mit den zuständigen Förstern und Jägern vor Ort begleiten und dokumentieren“, sagt der Luchsbeauftragte.

Die Luchse, die sich in den Solling aufmachten, mussten allesamt die Autobahn 7 überqueren. Ein Tier hat kürzlich sogar zweimal die A 7 passiert. Dies konnten die Forscher anhand von GPS-Signalen feststellen. Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung hatten den Luchs „M 6“ im vergangenen Frühjahr in einer speziellen Kastenfalle in der Nähe von Bühren (Kreis Göttingen) im Bramwald gefangen. Der männliche Luchs wurde betäubt und anschließend mit einem Senderhalsband ausgestattet, das seitdem regelmäßig Daten über seinen Aufenthaltsort liefert. „M 6“ erwies sich als sehr umtriebig. „Er ist in wenigen Tagen aus dem Solling bis in die Region Kassel gewandert“, berichtet Anders.

Auch im Harz scheinen sich die Luchse weiter wohl zu fühlen. Drei der dort lebenden Tiere sind ebenfalls mit einem Sender ausgestattet, so dass die Forscher deren Streifzüge verfolgen können. Doch auch wenn sich ein Tier mal eher wenig bewegt, kann dies ein wichtiges Signal sein. So verhielt sich zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Luchsin, die sich rund um den Brocken aufhält, plötzlich auffallend ruhig. „Sie hat dort Nachwuchs bekommen“, sagt Anders.

Von Heidi Niemann

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