Formel-1-Chef Bernie Ecclestone vor Gericht

Die Lügen der anderen

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Foto: Manche halten Bernie Ecclestone für exzentrisch und skrupellos. Andere wiederum loben ihn als humorvollen Familienmenschen. Doch beim Prozessauftakt in München wirkte er nur wie ein alter Mann.

München - Bernie Ecclestone, der Chef im Formel-1-Geschäft, steht wegen Bestechung vor Gericht. Doch für den Milliardär scheint eines klar: Das Opfer ist er.

Bernie Ecclestone lässt auf sich warten. Um 9.30 Uhr soll der Korruptionsprozess gegen den Formel-1-Chef vor dem Landgericht München I beginnen, erst um 9.35 Uhr betritt der Meister des Rennzirkusses den Saal A 101. Der große Mann des Rennsports ist von kleiner Gestalt, keine 1,60 Meter misst er. Ecclestone hat die Formel 1 zu dem gemacht, was sie heute ist. Ecclestone ist die Formel 1. Er trägt schwarzen Anzug, schwarze Weste, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Sein Haar ist weiß, die eigentümliche Ponyfrisur fast ein Markenzeichen. Er nimmt auf der Anklagebank Platz, auf dem Stuhl, auf dem sonst Beate Zschäpe sitzt. In dem Saal, in dem dreimal die Woche gegen die mutmaßliche NSU-Terroristin verhandelt wird, muss sich nun Bernard Charles Ecclestone vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautet auf Bestechung und Anstiftung zur Untreue, jeweils in einem besonders schweren Fall. Der kleine Brite aber sagt: Ich bin Opfer einer Erpressung.

„Herr Ecclestone, wie ich Ihren Namen aussprechen soll, habe ich schon beim letzten Mal gefragt“, begrüßt ihn der Vorsitzende Richter der fünften Strafkammer, Peter Noll. „Ecclestone is fine“, sagt Ecclestone und klingt sehr britisch. Es folgen die Personalien. „Geschieden?“, hakt Noll nach. „Yes“, sagt Ecclestone. „Ich dachte, Sie sind verheiratet?“ Noll guckt irritiert. „Both“, hilft Ecclestones Verteidiger Sven Thomas weiter, beides. Heiterkeit im Saal. Ecclestone ist zweimal geschieden und zum dritten Mal verheiratet. Es folgen Fragen zu seinem Beruf („Formel-1-Manager“) und zu den Namen der Eltern des 83-Jährigen. „Das waren noch die einfacheren Fragen dieses Verfahrens“, sagt Richter Noll mit einem Lächeln. Dann wird es weniger freundlich.

Die Anklageschrift zeichnet von Ecclestone das Bild eines Mannes, der stets bemüht war, seine Geschäfte im Dunkeln zu lassen. Ecclestones Verteidiger werden in einer langen Erklärung ein ganz anderes Bild zeichnen.

Da geht es um den kleinen Bernie, der am 28. Oktober 1930 in Suffolk geboren wird – in der kleinen Hafenstadt Ipswich, mit einem Vater, der seinen Lebensunterhalt erst als Fischer, dann als Kranführer verdient. Die Mutter, das wird auch erwähnt, war Hausfrau. Es herrschte Krieg. Die Deutschen warfen Bomben auf Ecclestones Kindheit. Der tapfere kleine Kerl aber war schon als Elfjähriger geschäftstüchtig, trug Zeitungen aus und kaufte von dem Geld Kekse und Brötchen, die er wiederum auf dem Schulhof verkaufte. Später handelte er mit gebrauchten Autos und Motorrädern, entdeckte seine Liebe zum Rennsport und wurde schließlich zum milliardenschweren Weltherrscher über die Formel 1.

Ein kompliziertes Imperium mit einer Unzahl an Unter- und Nebenfirmen hat Ecclestone nach Ansicht der Staatsanwaltschaft geschaffen, das nur einer überblickte: Bernie Ecclestone. „Sämtliche wichtigen operativen Strukturen und Abläufe waren auf seine Person zugeschnitten und wurden de facto von ihm allein kontrolliert“, heißt es in der Anklage.

Dem 83-Jährigen werden von Dritten allerlei Eigenschaften zugeschrieben, zumeist im Schutz der Anonymität. Demnach ist er einerseits exzentrisch, skrupellos, kalt, berechnend, macht- und kontrollversessen, andrerseits charmant, humorvoll, unterhaltsam und zugewandt. Seine Anwälte stellen ihn als treusorgenden Ehemann dar. Als ihrem Mandanten 1998 eine Bypassoperation bevorstand, bemühte er sich, seiner damaligen Frau Slavia und den beiden Töchtern sein Vermögen im Fall des Falles ohne große Verluste zu hinterlassen. Das Ergebnis war die „Bambino-Stiftung“. Bernie, der Familienmensch. Fast treuherzig lässt er seine Anwälte erklären: „Sie hätte es sonst versteuern müssen, und zwar mehr als zwei Milliarden Pfund.“

An diesem Tag im Gericht wirkt Ecclestone in erster Linie wie ein alter Mann. Er liest die Anklageschrift sowie die Einlassung, die seine Anwälte in seinem Namen abgeben, auf Englisch mit, zugleich wird sie ihm synchron übersetzt. Immer wieder reibt er sich ein Auge. Er hat von Geburt an einen Sehfehler. Die Bypassoperation hat er damals gut überstanden.

Es ist die Bayerische Landesbank (kurz: BayernLB), die 2002 seine Welt ins Wanken brachte. Die Landesbank war nach der Pleite ihres Kreditkunden Leo Kirch Hauptaktionär der Vermarktungsgesellschaft für die Formel 1 geworden. Zuständig bei der BayernLB war Gerhard Gribkowsky, damals Vorstandsmitglied, zuständig für Risikomanagement. Seiner Funktion entsprechend soll Gribkowsky laut Staatsanwalt zunächst versucht haben, Transparenz in das Geflecht zu bringen, und zugleich mehr Mitbestimmung für die Bank gefordert haben. Ecclestone muss das ziemlich lästig gewesen sein.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat er darauf hingewirkt, die BayernLB loszuwerden. Sie sollte ihre Anteile verkaufen – an einen Käufer, den Ecclestone selbst bestimmt. Doch dazu, so die Ankläger, brauchte er Gribkowsky. Im März 2006 soll er den Banker gefragt haben, wie viel es koste, damit er die Seite wechselt: „Tell me a number.“ „50“, will Gribkowsky geantwortet und Millionen gemeint haben. Es wurden knapp 44 Millionen.

Für die Staatsanwaltschaft ist der Fall klar: Ecclestone hat sich der Bestechung schuldig gemacht. Die BayernLB hat ihre Anteile tatsächlich an Ecclestones Wunschkäufer, den britischen Investor CVC, verkauft. Ecclestone blieb damit Chef der Formel 1, und Landesbanker Gribkowsky wurde um 35,5 Millionen Euro reicher. Deklariert als Beratungshonorar floss das Geld aus der Stiftung von Ecclestones Exfrau und aus Ecclestones Privatvermögen über Briefkastenfirmen.Den größten Teil hat er sich nach Ansicht der Staatsanwälte übrigens zurückgeholt. Gribkowsky soll bei der BayernLB eine Provision von rund 41 Millionen Dollar für Ecclestone durchgesetzt haben.

Dass die Millionen an Gribkowsky geflossen sind, bestreitet weder Ecclestone noch der Banker. Die Einigkeit endet bei dem Anlass. Ecclestone behauptet, Gribkowsky habe ihn bedroht, ja erpresst.

In dieser Frage hat schon einmal ein Richter geurteilt, derselbe, der nun über Ecclestones Schuld zu entscheiden hat: Peter Noll. Im Juni 2012 verurteilte er Gribkowsky unter anderem wegen Bestechlichkeit zu achteinhalb Jahren Haft. Ecclestone habe Gribkowsky „ins Verbrechen geführt“, urteilte Noll damals.

Ecclestone aber sieht sich nicht als Täter, sondern als Opfer. Rund vier Stunden lang verlesen seine Anwälte die Erklärung in seinem Namen. Gribkowsky sage „in entscheidenden Punkten die Unwahrheit“. Seine Angaben seien „unzutreffend, irreführend und unschlüssig“. „Die behauptete Bestechung gab es nicht.“ Nicht er habe Gribkowsky bestochen, sondern dieser habe ihn erpresst. „Er wollte Geld.“ Gribkowsky habe gedroht, Ecclestone bei den Steuerbehörden anzuschwärzen. „Ich sah mein Lebenswerk in Gefahr.“

Gerhard Gribkowsky soll am 9., 13. und 14. Mai seine Version der Geschichte erzählen. Erst danach ist Ecclestone bereit, Fragen zu beantworten.

Zur Person

Bernie Ecclestones Weg vom Sohn eines englischen Fischers zum Multimilliardär und Jetsetter im Rennzirkus:

  1. 1930–1950: Bernard Charles „Bernie“ Ecclestone wird als Sohn eines Fischers in Südostengland geboren. Schnell bleibt er der Schule fern, erkennt sein kaufmännisches Geschick. Sein erstes Autorennen sieht er 1950 – die Leidenschaft beginnt.
  2. 1950–1960: Er kauft sich den britischen Rennstall Connaught, versucht sich 1958 selbst als Rennfahrer. Er scheitert an miesen Rennzeiten – und wird lieber Manager von Stuart Lewis-Evans. Als der verunglückt, zieht sich Ecclestone bewusst zurück.
  3. 1960–1980: Ecclestone kehrt zurück und wird Manager von Jochen Rindt, einem österreichischen Freund. Rindt verunglückt 1970 bei einem Rennen – ein harter Schlag. Ecclestone gründet die Formula One Constructors Association, kauft den britischen Brabham-Rennstall. Er verpflichtet Niki Lauda. 1977 erwirbt Ecclestone die Werberechte an den Rennstrecken, 1978 die weltweiten Fernsehrechte.
  4. 1980–2000: Die Vermarktung der PS-Bolliden und Rennen wird immer professioneller. 1993 hilft Ecclestone seinem alten Freund aus Rennzeiten, Max Mosley, Präsident des Welt-Automobilverbands FIA zu werden. Ein cleverer Schritt: Mosley funkt Ecclestone bei seinen Entscheidungen nicht dazwischen.
  5. Seit 2000: Ecclestone gilt mit mehreren Milliarden Pfund als reichster Brite. Der Reichtum ist an der Strecke nicht zu übersehen. Prominente gehen bei ihm ein und aus. Er investiert weiter, kauft ein Skigebiet in der Schweiz und die Anteile am englischen Fußballklub Queens Park Rangers, die er mit Gewinn verkauft. 2009 zerbricht seine zweite Ehe mit Slavica nach 23 Jahren. Den Ritterschlag der Queen lehnt er ab.

Von Wiebke Ramm

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