Margot Käßmann im Interview

„Luther ist kein makelloser Held“

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"Ein internationales Reformationsfest ist das Ziel": Margit Käßmann im Interview mit der HAZ.

Berlin - Zum 500. Jahrestag der Reformation wünscht sich Luther-Botschafterin Margot Käßmann ein internationales, ökumenisches Fest. Und Anstöße für frisches Denken.

Frau Käßmann, wir wollen über den Reformationstag sprechen. Natürlich zuerst über einen besonderen, den am 31.  Oktober 2017. Wo werden Sie da sein? Beim Festakt zum Abschluss des Festjahres zum 500. Reformationsjubiläums. Das beginnt ja ein Jahr zuvor mit verschiedenen Aktivitäten. Wir werden einen „Europäischen Stationenweg“ quer durch Europa zurücklegen und die Stätten der Reformationaufsuchen. Wir werden die Menschen fragen, was sie heute mit der Reformation verbinden, in Budapest, in Genf oder in Rom. Ihre Antworten werden wir sammeln. Der Europäische Stationenweg endet in Wittenberg. Wir werden den ganzen Sommer über eine „Weltausstellung Reformation“ in Wittenberg haben. Damit soll deutlich werden, was das Potenzial von Reformation ist.

Wenn Sie jetzt schon einen Rückblick wagen würden: Worüber würden Sie sich freuen? Wenn es gelänge, ein internationales Reformationsfest im ökumenischen Horizont zu feiern, das ist das Ziel.

Wäre es nicht ein großartiges Signal, wenn die EKD den Papst einladen würde? Ohne den Zustand des Papsttums hätte Luther die Reformation nicht begonnen. Na ja, zunächst hat Luther doch auf den Papst gesetzt. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ schreibt Luther ja an ihn und sagt: „Lieber Papst, wenn du die Missstände wirklich sehen würdest, würdest du mir beipflichten.“ Erst später wurde klar: Es geht nicht nur um den Ablasshandel, es geht auch um das Abendmahls- und Amtsverständnis, Kirchenverständnis, Zölibat. Dem Satz „kein Heil außerhalb der Kirche“ kann Luther nicht zustimmen, das Heil kommt von der Gnade Gottes. Zur Einladung an den Papst sage ich als Evangelische: Alle sind herzlich eingeladen. Wenn der Papst nach Wittenberg kommen möchte, dann freuen wir uns!

Wie würden Sie einem jungen Menschen heute die Bedeutung der Reformation erklären? Was sich im 16. Jahrhundert mit der Reformation völlig verändert hat, ist der Blick auf den einzelnen Menschen. Das Gewissen des Einzelnen gewinnt an Bedeutung mit Luthers Haltung vor dem Reichstag zu Worms. Es geht nicht um den Lebenssinn, den ich mir erwirtschafte, erarbeite durch Leistung, sondern um den Lebenssinn, der mir immer schon zugesagt ist von Gott. Diese Erkenntnis erlebte Luther als eine große Befreiung. Das gilt doch auch für die Menschen heute. Auch wenn ich arbeitslos bin, wenn ich in der Schule nicht so gut mithalten kann, wenn ich nicht so schön bin, so schlank bin, wie es angeblich sein soll, dann hat mein Leben trotzdem einen Sinn.

Welche Bedeutung hat der Reformationstag über das historische Moment hinaus? Für mich geht es am Reformationstag um Selbstvergewisserung: Wo stehen wir? Aber daraus folgt immer auch die Frage: Wo brauchen wir Reformen heute? Heute ist der Reformationstag nicht mehr der Anti-Katholische-Abgrenzungstag, wie er das früher war. Ich kenne viele Gemeinden, in denen gerade am Reformationstag Kanzeltausch stattfindet. Wir werden bei der Weltausstellung Veranstaltungen haben, wo es den ganzen Sommer über um den katholisch-evangelischen Dialog geht. Ich denke, wir können auch feiern, dass wir inzwischen die Ökumene und Erfahrungen in gutem Miteinander kennen.

Um die Ökumene stand es schon einmal besser. Was ist passiert? Dazu möchte ich gern drei Punkte ansprechen. In den Gemeinden ist Ökumene eine Selbstverständlichkeit inzwischen. Da hat sich wirklich nichts zurückentwickelt, eher weiter zu mehr Miteinander. In dogmatischen Fragen gibt es tatsächlich im Augenblick Stillstand was das Kirchenverständnis, das Amtsverständnis, das Abendmahlverständnis betrifft. Aber die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 war ein echter Fortschritt, das sollte nicht unterschätzt werden. Und schließlich gibt es auch die Ökumene des Handelns. Und da, denke ich, sind viele Evangelische mit diesem Papst sehr einverstanden. Seine Reise nach Lampedusa, die Fußwaschung im Gefängnis, die Exkommunikation der Mafia – er setzt Symbole für das, wofür die Kirche steht: Solidarität mit den Armen, den Flüchtlingen. Aber wahr ist auch: Die Ökumene war bislang nicht das Thema von Franziskus. Sein Thema ist die Reform der römisch-katholischen Kirche. Das ist zu respektieren.

In jüngerer Zeit ist Martin Luther sein später Anti-Judaismus angelastet worden. Wird diese Diskussion im Rahmen der Feierlichkeiten eine Rolle spielen? Im 21. Jahrhundert müssen wir den Reformator auch kritisch angehen. Er war kein makelloser Held. Sein Anti-Judaismus hat die Kirche ja auch in die Irre geführt. Der wissenschaftliche Beirat zum Reformationsfest wird demnächst den Stand der wissenschaftlichen Debatte noch einmal zusammengefasst veröffentlichen. Mir ist wichtig, dass wir zeigen: Was Luther über Juden 1543 geschrieben hat, von diesem Anti-Judaismus distanzieren wir uns heute selbstverständlich. Und es gibt Gott sei Dank eine Lerngeschichte des jüdisch-christlichen Dialogs.

Noch einmal zum Reformationstag selbst. Wäre es in Ihrem Sinne, wenn er überall in Deutschland gesetzlicher Feiertag würde? Ich fände das sehr gut. Er wird ja am 31.  Oktober 2017 auf jeden Fall Feiertag sein. Ich fände es schon richtig, wenn das nicht einmalig wäre. Wir haben den Buß- und Bettag als Feiertag aufgegeben, das halten viele nach wie vor für einen Fehler. Der Reformationstag hat aber nicht nur kirchliche Bedeutung. Der Deutsche Bundestag hat sehr klar gesagt, Reformation ist ein Ereignis von Weltrang mit Bedeutung für ganz Deutschland – das sollte einen Feiertag wert sein.

Interview: Reinhard Urschel

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