Zentrum für Bildungsintegration

Mehr Migranten sollen Lehrer werden

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Foto: Vourteile abbauen: Bilge Mermertas (r.) ist Lehramtsstudentin in Hildesheim.

Hildesheim - Schüler mit ausländischen Wurzeln sind oft eingeschüchtert. Aus diesem und aus anderen Gründen wurde an der Uni Hildesheim ein Neues Zentrum für Bildungsintegration gegründet.

Sie hat es geschafft. Bilge Mermertas hat Abitur gemacht und studiert jetzt im 3. Semester an der Universität Hildesheim Deutsch, Wirtschaft und Sachunterricht auf Grundschullehramt. Die 20-Jährige will Kindern, die – wie sie – türkische Wurzeln haben, zeigen, wohin Bildungserfolg führen kann.

„Ich habe oft erlebt, dass Schüler aus Migrantenfamilien eingeschüchtert sind“, sagt die Nachwuchspädagogin. Manche Lehrer würden den Kindern, „gar nicht aus böser Absicht“, sagen: „Wollt ihr wirklich aufs Gymnasium? Macht doch lieber eine Lehre.“ Auch schlechtere Benotungen bei gleicher mündlicher Leistung seien für Schüler keine Seltenheit. Bilge Mermertas möchte helfen, Vorurteile im Lehrerzimmer abzubauen. Sie versteht sich als Brücke, auch zu den Eltern.

An der Universität Hildesheim ist jetzt ein neues Zentrum für Bildungsintegration gegründet worden. Für Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) ist es „ein wichtiger Beitrag zum Abbau von Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund“. Das Land unterstützt das Zentrum mit 2,85 Millionen Euro. „Bildungsungleichheit ist für eine Demokratie wie Deutschland nicht hinnehmbar“, findet Prof. Viola Georgi.

Am Wochenende ist in Hildesheim eine dreitägige Bildungskonferenz mit 300 Teilnehmern zum Thema „Schule in der Einwanderungsgesellschaft“ zu Ende gegangen. Während sich Schulen in Ländern wie Kanada und den USA auf die Sozialstruktur ihrer Umgebung einstellen und auch die Ressourcen danach ausrichten, gebe es in Deutschland noch viel Nachholbedarf, sagt Georgi. Auch in der Lehrerausbildung.

„Die schnell wachsende Zahl von Schülern sprachlich und kulturell unterschiedlicher Herkunft findet in der Lehrerschaft bisher keine Entsprechung“, erklärt die Wissenschaftlerin. Obwohl ein Fünftel der Bevölkerung aus Einwandererfamilien stamme, habe noch längst nicht jeder fünfte Lehrer auch einen Migrationshintergrund. Pädagogen mit ausländischen Wurzeln stünden für gelebte sprachliche Vielfalt in der Schule. Georgi kritisiert, dass öffentlich zwischen „guter und schlechter Mehrsprachigkeit“ unterschieden werde. Während Schüler und Lehrer, die auch noch Englisch oder Französisch sprächen, Teil der „Elite-Bilingualität“ seien, gelte Arabisch oder Türkisch als Muttersprache eher als Hemmschuh denn als Vorteil.

Adam Juszczak konnte kein Wort Deutsch, als er als Achtjähriger mit seinen Eltern aus Polen nach Nienburg kam. Heute – mit 34 Jahren – leitet er eine kleine Grundschule in Hüpede bei Hannover. Sein „Reich“ ist übersichtlich: 64 Schüler und fünf Lehrerinnen gehören dazu. „Man kann sehr gut lernen in so einem kleinen System“, meint Juszczak, und die Nachteile, die die Leitung einer Minigrundschule (hohe Unterrichtsverpflichtung, kein Stellvertreter, nur stundenweise Unterstützung durch eine Sekretärin und einen Hausmeister) mit sich bringt, nimmt er gern in Kauf. „Meine Aufgabe ist sehr reizvoll.“

Auch Adam Juszczak hat nach dem Abitur und dem Praktikum in einem Kindergarten in Hildesheim Grundschullehramt studiert und danach mehrere Jahren in unterschiedlichen Schulen im Landkreis Hildesheim und in der Region Hannover unterrichtet. Ob seine Karriere ein Vorbild für andere Einwanderer sein kann? Juszczak zuckt ein wenig unentschlossen die Schultern. Sicher sei, dass man mit Zielstrebigkeit – und entsprechender Unterstützung – Erfolg haben könne, egal ob man ausländische Wurzeln habe oder nicht.

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