Selfie wider Willen

Mehr Raser in Niedersachsen geblitzt

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Hannover - Der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Tempokontrollen in Niedersachsen verringert sich von Jahr zu Jahr. Weil sich viele Autofahrer nicht an die Regeln halten, wird der Druck erhöht: Es wird mehr geblitzt.

Wer mit dem Auto durch Niedersachsen rast, nimmt neben der hohen Unfallgefahr ein weiteres Risiko in Kauf. Allein in den ersten sechs Monaten diesen Jahres lösten Hunderttausende Fahrer unfreiwillige und oft teure Selfies aus. In vielen Landkreisen und Städten wurde die Geschwindigkeitsüberwachung mit stationären oder mobilen Blitzgeräten ausgeweitet, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab. In die Kassen der Verwaltungen flossen Millionenbeträge.

Dabei geht es den Behörden nach eigenen Angaben nicht ums Geld: „Blitzer sind kein Geschäftsmodell, sondern sollen zur Verkehrssicherheit beitragen“, sagte Thorsten Bullerdiek vom Niedersächsischen Städte und Gemeindebund in Hannover. Auch wenn mancher Raser angesichts der Höhe des Bußgelds wahrscheinlich anders denkt - bei der Sanierung der kommunalen Kassen helfen die Blitzer nicht. „Dafür sind die Einnahmen viel zu gering.“ Nach Angaben von Bullerdiek fließen diese außerdem überwiegend in den Straßenbau und andere Projekt zur Verkehrssicherheit.

Das niedersächsische Innenministerium will die Zahl der getöteten und schwer verletzten Verkehrsteilnehmer bis 2020 um ein Drittel im Vergleich zu 2010 senken. Radarfallen stehen vor allem dort, wo es oft zu Unfällen kommt. An diesen Stellen sollen die Geschwindigkeiten sinken. Jahrelang ging die Zahl der Unfalltoten in Niedersachsen nach unten, in diesem Jahr sieht es schlechter aus. 200 Verkehrstote im ersten Halbjahr bedeuten einen Anstieg um 23 Prozent.

Die Stadt Hannover hat bis Ende Juni mehr Raser zur Kasse gebeten als im Vorjahreszeitraum. 38.600 eilige Autofahrer gingen den stationären Radarfallen ins Netz, im Gesamtjahr 2013 waren es 65000, wie Stadtsprecher Udo Möller sagte. Bei der mobilen Überwachung wurden in den ersten sechs Monaten 11 200 Raser gemessen - nach 21.500 im Gesamtjahr 2013. Der Anstieg hängt auch mit der von 7 auf 10 erhöhten Zahl von Starenkästen zusammen.

Im Landkreis Goslar sank die Zahl der ertappten Raser im ersten Halbjahr leicht: Gut 63000 Verstöße waren es, nach gut 64 000 im Vorjahreszeitraum, wie Sprecherin Kristin Riedel sagte. Zwischen Goslar und Wernigerode wurde ein besonders eiliger Autofahrer erwischt - mit Tempo 174 statt erlaubter 80 Stundenkilometer. Ein neuer Rekord am Harzburger Dreieck. Die Folge: 600 Euro Bußgeld, zwei Punkte in Flensburg und drei Monate Fahrverbot.

Im Landkreis Lüneburg waren es in den ersten sechs Monaten 2013 mehr als 11 000 Verstöße, 2014 knapp 10 000. Der Landkreis Lüchow-Dannenberg erhöhte die Zahl der stationären Blitzer von 11 auf 24. Im ersten Halbjahr 2013 ergab das mehr als 17.000 Verstöße. Bis Ende Juni 2014 waren es nach Angaben von Kreissprecherin Julia Schulz mehr als 24 000. „An den Stellen mit den stationären Anlagen haben wir einen Rückgang der Unfallzahlen feststellen können“, sagte sie.

Auch im Landkreis Aurich blitzte es in diesem Jahr häufiger als im ersten Halbjahr 2013. Die Zahl stieg von knapp 23.300 auf fast 28.700. Die Verwarn- und Bußgeldsumme erhöhte sich dabei aber nur leicht von 837 000 auf 895 000 Euro. Im Landkreis Oldenburg war die Entwicklung ähnlich. Deutlich öfter geblitzt (13.400 statt 8700 Mal) aber im Durchschnitt etwas weniger Geld pro Fall als im Vorjahr. Eine Sprecherin vermutete, dass viele Autofahrer wegen der häufigen Kontrolle die erlaubte Geschwindigkeit nur kalkuliert überschreiten.

Knapp 15 000 Mal blitzte es im ersten Halbjahr im Landkreis Friesland. Das könnte auf eine geringere Zahl der Raser schließen lassen, denn die Gesamtzahl 2013 lag bei rund 36 300. „Die Zahlen schwanken aber jedes Jahr sehr stark“, sagte Landkreis-Sprecher Sönke Klug. So habe die Gesamtzahl 2012 bei knapp 28.000 Rasern gelegen. Danach habe der Landkreis drei neue stationäre Radarfallen angelegt. „Und da sind 2013 erstmal viele Autofahrer rein gerauscht.“

Im Landkreis Osnabrück seien im ersten Halbjahr von stationären und mobilen Radarfallen mehr als 12 800 Temposünder erfasst worden. Der Landkreis nahm knapp 411.000 Euro Bußgelder ein, sagte Henning Müller-Detert aus der Kreispressestelle.

In Bremen werden Autofahrer schon seit Jahren mit Nachdruck kostenpflichtig an die Geschwindigkeitsgrenzen erinnert. Aber auch im kleinsten Bundesland ließen sich in diesem Jahr mehr Autos blitzen als 2013. Knapp 109 000 Fälle stehen gut 104.000 Buß- und Verwarngelder aus dem ersten Halbjahr 2013 gegenüber.

dpa

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