Neue Landfrauenvorsitzende

Mehr als Torten und Erntekrone

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Schledding

Bad Münder - Barbara Otte-Kinast aus Beber bei Bad Münder (Region Hannover) soll am Dienstag zur neuen Vorsitzenden der niedersächsischen Landfrauen gewählt werden.

Wenn Barbara Otte-Kinast Ruhe braucht, dann geht sie melken. Im Kuhstall kann sie nachdenken oder im Kopf an Reden feilen. Zum Beispiel, wenn mal wieder eine ehrenamtlich besonders engagierte Landfrau ausgezeichnet werden soll. Seit vier Jahren ist die Milchbäuerin aus Beber bei Bad Münder (Kreis Hameln-Pyrmont) stellvertretende Vorsitzende der niedersächsischen Landfrauen. Am Dienstag soll sie an die Spitze des Verbandes aufrücken, denn die langjährige Vorsitzende Brigitte Scherb, die zugleich auch Chefin des Bundesverbandes ist, gibt ihr Amt auf. Als einzige Kandidatin für ihre Nachfolge ist Otte-Kinast nominiert. Ihre Wahl bei der Delegiertenversammlung im Congress Centrum Hannover gilt daher als sicher.

„Das sind große Fußstapfen, in die ich trete“, sagt die 49-Jährige. Scherb habe in ihrer zwölfjährigen Amtszeit ein „Riesennetzwerk aufgebaut und wichtige Türen geöffnet für Frauen und Familien im ländlichen Raum“. Genau diese Gruppe ist es auch, die die Landfrauen vertreten. „Viele denken, Landfrauen backen tolle Torten und binden Erntekronen“, sagt Otte-Kinast. „Das können wir zwar auch, aber Landfrauen sind auch Hebammen, Ärztinnen, IT-Spezialistinnen, Verkäuferinnen oder die Leiterin des Jugendgefängnisses in Hameln.“ Gegen alte Vorurteile vom bäuerlichen Hausmuttchen will die designierte Vorsitzende ankämpfen.

Von den gut 70 000 Mitgliedern des Verbandes arbeitet nur noch ein knappes Drittel tatsächlich in der Landwirtschaft. Der Rest sind Frauen, die auf dem Land leben und die ganz ähnliche Sorgen umtreiben wie ihre Geschlechtsgenossinen in der Stadt: gute Kinderbetreuung, gute Schulen, flexible Arbeitszeiten, aber auch ein gut ausgebautes Internet. „Ohne Breitbandausbau gibt es keine ordentlichen Heimarbeitsplätze“, sagt Otte-Kinast.

Zu den Landfrauen ist sie über die Kommunalpolitik gekommen, für die CDU sitzt sie im Hamelner Kreistag und hat sich auch dort mit Themen wie Jugend und Familie beschäftigt. Die dreifache Mutter steht mit beiden Beinen im Leben. Nicht lange fackeln, sondern unkompliziertes Zupacken ist ihr Motto. Fürs Foto klettert sie flugs auf einen Trecker oder mitten in den Kälberstall. Da wird das Mittagessen mal kurz um eine halbe Stunde nach hinten verlegt und der hungrige Lehrling vertröstet.

Jede ihrer 110 Kühe hat zwar eine Nummer, aber auch einen Namen. Ihre Lieblingskuh heißt Kornblume, ist braun-weiß-gescheckt, fünf Jahre alt und „wahnsinnig neugierig“, wie Otte-Kinast sagt, als sie ihr liebevoll den Kopf tätschelt. Das zweimal tägliche Melken frühmorgens und am späten Nachmittag, aber auch die Büroarbeit sind ihre Aufgaben. Landwirtschaft liegt ihr im Blut, die Eltern hatten einen Bauernhof in Fallersleben bei Wolfsburg. Sie selbst ist aber ausgebildete Hauswirtschaftsleiterin. Täglich kocht sie Mittagessen für „ihre Männer“, neben ihrem Ehemann sind das ihre Söhne (15 und 20 Jahre alt, die 22-jährige Tochter arbeitet derzeit in Bremen), zwei Auszubildende und ein Mitarbeiter. „Wenn ich nach Hannover zum Landfrauenverband muss, gibt es auch mal nur Mettbrötchen, aber das ist in Ordnung.“

Die größten Herausforderungen für die Zukunft seien der demografische Wandel und die Landflucht, meint die Landwirtin, die auf ihrem Hof mit ihrem Mann nicht nur Milchvieh hält, sondern auch noch eine Biogasanlage und 200 Hektar Acker- und Grünland bewirtschaftet. „Wir müssen die Familien in den Dörfern halten, dazu gehört auch eine gute Infrastruktur.“ Ihren eigenen Hofladen hat die Familie vor zehn Jahren aufgegeben. „In Beber kauft niemand ein, hier gibt es ja keine Läden, wer seine Pampers im nächstgelegenen Supermarkt holt, bringt von dort auch gleich Lebensmittel mit.“ Um den eigenen Familienbetrieb muss sich Otte-Kinast keine Sorgen machen. Ihre beiden ältesten Kinder wollen in die Landwirtschaft, „und der Jüngste überlegt auch noch“.

Berührungsängste kennt die 49-Jährige nicht, auch nicht mit Rot-Grün. Mit Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat sie schon mehrmals über die Forderungen der Landfrauen gesprochen, lobt dessen „offenes Ohr“. Und auch für Agrarminister Christian Meyer (Grüne), der wegen seiner Vorliebe für Öko-Landwirtschaft bei einigen als „Bauernschreck“ verschrien ist, findet sie anerkennende Worte: „Der kümmert sich wirklich um unsere Belange.“

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