Tschechien

17 Menschen sterben an gepanschtem Alkohol

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Foto: Immer mehr gifter Alkohol gelangt in Tschenien in den Handel und verursacht gesundheitliche Schäden.

Prag - Ein Pansch-Skandal in Tschechien nimmt immer größere Ausmaße an. Mindestens 17 Menschen sind an hochgiftigem Wodka oder Rum gestorben. Auch Gelegenheitstrinker sind betroffen.

Mit Freunden feierte Tomas zünftig seinen 34. Geburtstag. Eine kleine Flasche Wodka gehörte dazu. Seit Dienstag liegt der Tscheche auf der Intensivstation des Krankenhauses in Opava, er ist teilweise erblindet. „Es ist wie ein Nebel“, sagte Tomas örtlichen Medien. Seine Kollegen hatten die Flasche in einem kleinen Tante-Emma-Laden gekauft. Doch die vermeintliche Markenware war ein extrem giftiger Methanol-Cocktail.

Und das ist längst kein Einzelfall mehr. Als Gegengift geben die Ärzte Dutzenden Patienten in Tschechien reines Ethanol. Es soll den Stoffwechsel im Körper blockieren und die gefährliche Umwandlung des Methanols zu ätzender Ameisensäure verhindern. Viele Opfer des Pansch-Skandals halten Schwindel, Kopfschmerzen, Sehstörungen und Übelkeit noch für Zeichen eines gewöhnlichen Katers. Sie kommen zu spät in die Klinik, erblinden oder sterben an Atemlähmung. Die Zahl der Toten ist in einer Woche auf mindestens 17 gestiegen.

Der Schwarzmarkt mit Hochprozentigem brummt in Tschechien, warnen Experten seit langem. Am Kiosk, an mobilen Verkaufsständen, auf Asienmärkten und in Tausenden 24-Stunden-Läden ist der Billig-Fusel zu haben. Etwa ein Fünftel allen Alkohols wird unter der Ladentheke verkauft, wie der Prager Biotechnologie-Professor Karel Melzoch sagte. In den verarmten Industrie-Regionen im Nordosten Tschechiens dürfte es die Hälfte sein.

Das Schockierende: Der Schwarzmarkt-Fusel wird nicht mehr gebrannt, sondern wie im Chemielabor gemischt. Nun müsse es bei der illegalen Produktion zu einem fatalen Fehler gekommen sein, sagte Melzoch der Nachrichtenagentur dpa: „Jemand hat ein Fass vertauscht.“ Statt Trinkalkohols landete das gefährliche Methanol im selbstgemischten Pseudo-Wodka. Nur so sei die enorme Gift-Dosis in den Getränken überhaupt zu erklären. Bei einem Patienten wurden nach Angaben von Ärzten im Blut 7 Promille reinen Methanols gemessen.

Der Pansch-Skandal könnte weit größere Ausmaße haben als bekannt. „Wenn man früher auf der Straße einen Toten mit einer Alkoholfahne gefunden hat, dann wurde nicht lange nachgeforscht, ob er zu viel Methanol im Blut hatte“, sagte Melzoch. Die Menschen seien nun durch die zahlreichen Medienberichte stärker sensibilisiert. „Wenn jemand Sehstörungen bekommt, dann hält er es nicht mehr für einen Kater und geht ins Krankenhaus.“ Der Zustrom an Verdachtsfällen komme inzwischen einer Lawine gleich, erläuterte ein Chefarzt aus Ostrava.

Tschechien liegt weltweit im Alkoholkonsum auf dem zweiten Platz hinter der Ex-Sowjetrepublik Moldau, wie aus einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation hervorgeht. Hinter der Gift-Pfuscherei könnte daher pure Gewinn-Sucht stehen. Reiner Alkohol kostet in Tschechien einschließlich Branntweinsteuer umgerechnet 12,50 Euro pro Liter. Methanol ist mit einem Einkaufspreis von 24 bis 40 Cent deutlich billiger. Mit der Chemikalie könnten Spirituosen nach Meinung von Experten gestreckt worden sein. Seit 1999 hat sich der Import von Methanol jedenfalls verdreifacht.

dpa

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