Brutaler Angriff

Messerstecher muss erneut vor Gericht

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Foto: Muss sich ein zweites Mal verantworten: Der Angeklagte mit seiner Dolmetscherin.

Göttingen - Vor dem Landgericht Göttingen hat am Donnerstag die Neuauflage eines Prozesses um eine brutale Messerattacke gegen einen kleinen Jungen und dessen Mutter begonnen. Der 23-jährige Angeklagte war im Juni 2012 wegen versuchten Mordes und versuchten Totschlages zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden.

Er hatte im Juni 2009 seine 24-jährige Freundin und ihren damals fünf Jahre alten Jungen durch Stiche mit einem Küchenmesser lebensgefährlich verletzt. Der Angeklagte hatte gegen das Urteil Revision eingelegt.

Der Bundesgerichtshof hat daraufhin das Urteil aufgehoben, weil bei der Attacke gegen das Kind das Mordmerkmal der Heimtücke nicht nachgewiesen sei. Die Straftat sei daher als versuchter Totschlag und nicht als Mord zu werten. Als Folge dieser BGH-Entscheidung muss jetzt eine andere Kammer neu über den Fall befinden.

Zu Beginn des Prozesses kam es zu einer demonstrativen Geste: Nachdem der Angeklagte den Verhandlungssaal betreten hatte, standen im Zuschauerraum die Familienangehörigen der Opfer auf und hielten ein Foto des gesundheitlich schwer geschädigten Kindes in die Höhe. Als später der Vorsitzende Richter Auszüge aus dem erstinstanzlichen Urteil verlas, in dem die Verletzungen der Opfer geschildert werden, brachen sie in lautes Schluchzen aus.

Sowohl der Junge als auch seine Mutter waren durch die Messerstiche so schwer verletzt worden, dass sie nur durch eine Notoperation gerettet werden konnten. Ein Stich hatte das Rückenmark des Kindes durchtrennt, so dass der Junge seitdem querschnittsgelähmt ist. Infolge der lebensbedrohlichen Verletzungen erlitt er unter anderem einen Hirninfarkt. Außerdem leidet er an einer Blasen- und Mastdarmstörung, seine Lebenserwartung ist verkürzt.

Der Angeklagte hatte außerdem sieben Mal auf die Mutter eingestochen, drei dieser Stiche trafen die Lunge. Zum Zeitpunkt des ersten Urteils litt sie aufgrund der Ereignisse unter einer chronischen posttraumatischen Belastungsstörung und war suizidgefährdet.

Der Angeklagte hatte seit mehreren Jahren eine intime Beziehung mit der Frau gehabt. Auf Drängen seiner Familie hatte er sich jedoch nach Roma-Sitte mit einer anderen Frau verloben müssen. Trotzdem hatte er die Beziehung mit der 24-Jährigen fortgesetzt.

In der Nacht vor der Tat hatte diese ihm in einer SMS geschrieben „Ich liebe Dich, aber lass’ mich jetzt in Ruhe.“ Daraufhin war der Angeklagte frühmorgens zu ihrer Wohnung gekommen, hatte die Tür eingetreten und später mit einem Küchenmesser auf sie und ihren Sohn eingestochen.

Unmittelbar nach der Tat ließ er sich von einem Bekannten in den Kosovo bringen, weil er Racheakte von der Familie des Opfers befürchtete. Einige Monate später spürten ihn Zielfahnder in Mazedonien auf. Dort saß er mehrere Monate in Haft, ehe er nach Deutschland ausgeliefert wurde.

In dem neuen Prozess muss die Kammer die Strafhöhe neu festlegen. Die Richter müssen dabei prüfen, ob das Jugendstrafrecht anzuwenden ist und ob der Angeklagte schuldfähig war. Dieser war zur Tatzeit 20 Jahre alt, juristisch gilt er damit als Heranwachsender.

In dem ersten Verfahren hatte sich das Landgericht auf die Ergebnisse eines psychologischen Gutachtens gestützt und den Angeklagten nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt. Auch eine verminderte Schuldfähigkeit hatte das Gericht verneint.

Heidi Niemann

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