Daten zu spät ausgwertet

„Missbrauch hätte verhindert werden können“

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Der angeklagte ehemalige Krankenpfleger Marc R. betritt vor der Urteilsverkündung den Gerichtssaal im Landgericht in Hildesheim (Niedersachsen). Der 36 Jahre alte Mann ist wegen schweren sexuellen Mißbrauchs, Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt.

Hildesheim - Ein Hildesheimer Krankenpfleger, der betäubte Kinder wiederholt vergewaltigt hat, hätte früher auffliegen können, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft beschlagnahmte Daten eher ausgewertet hätte.

Nach Recherchen des NDR-Magazins "Hallo Niedersachsen" dauerte die Auswertung von Speichersticks und CDs mehr als ein Jahr. In der Zeit verging sich der Pfleger weiter an Kindern. Im Fall des wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Kinderkrankenpflegers aus Hildesheim hätten Staatsanwaltschaft und Polizei Taten verhindern können. Das sagt der Anwalt des Pflegers, Matthias Doehring aus Hannover. Nach Recherchen des NDR-Magazins „Hallo Niedersachsen“ lagerten die sichergestellten Speichersticks, selbst gebrannte CDs und Festplatten rund ein Jahr bei der Polizei, bevor im März 2013 die Bilder ausgewertet wurden. Kurz danach wurde der 35-jährige Pfleger noch am Arbeitsplatz festgenommen.

„Die letzten Straftaten in der Kinderklinik, die zu dem Haftbefehl führten, ereigneten sich noch im Januar 2013“, sagt Anwalt Doehring. Sichergestellt worden war das brisante Material mit den kinderpornografischen Aufnahmen aber bereits im März 2012. Bei einer „zügigen Auswertung“ hätte es gegen Marc R. also schon viel früher Verdachtsgründe geben können. „Aber das Material lag im Keller“, sagt Anwalt Doehring. Oberstaatsanwalt Witold Franke von der Staatsanwaltschaft Celle weist die Vorwürfe zurück. Als Polizei und Staatsanwaltschaft in Celle auf Marc R. aufmerksam wurden, sei es nicht um derart gravierende Straftaten gegangen.„Damals ging es ausschließlich um Titelmissbrauch und Körperverletzung.“

Marc R. hatte sich in einer Celler Disko, in der er nebenberuflich als Fotograf gearbeitet hat, gegenüber mehreren jungen Frauen als Arzt ausgegeben und sie überredet, sich von ihm in einer Privatwohnung für einen angeblichen medizinischen Lehrfilm Blut abnehmen zu lassen. Acht gutgläubige Opfer ließen sich darauf ein. Doch mit der Injektionsnadel, so die spätere Beweisaufnahme vor Gericht, spritzte er den Frauen ein Narkosemittel, anschließend missbrauchte er die wehrlosen Opfer. Nur eine der Frauen, die zwischen Sommer 2010 und Frühjahr 2011 dreimal auf das eigenwillige Angebot eingegangen war, wurde schließlich misstrauisch und ging einige Wochen später zur Polizei.

Im März 2012 folgte dann die Sicherstellung des Beweismaterials. Das Material zu sichten sei nicht einfach gewesen, sagt Franke. Ein Teil der Dateien sei zugangsgeschützt gewesen. Die Polizei in Celle verfüge zwar über eine auf Datenmaterial spezialisierte EDV-Gruppe, dennoch sei eine solche Arbeit schwierig und zeitaufwendig. Zudem sei die Dienststelle damals wegen eines aktuellen Doppelmordes „außerordentlich stark belastet“ gewesen. Im Oktober 2012 übernahm die Staatsanwaltschaft Hannover die Akten, weil der Pfleger in der Landeshauptstadt wohnte. Die maß dem Fall aber offenbar auch nicht die tatsächliche Dramatik bei.

Noch im März 2013 sagte die hannoversche Staatsanwältin Ka thrin Söfker, dass es „keine Hinweise auf Kinder“ gegeben habe. Der Richterbund spricht von einem strukturellen Problem. Der Vorsitzende des Verbandes, Andreas Kreutzer, sagte dem NDR: „Es werden immer mehr Speichermedien beschlagnahmt, die Datenmengen sind gewachsen. Offensichtlich sind in diesem Bereich zu wenig Ressourcen eingesetzt.“ Weder das Innenministerium noch das Justizministerium wollten sich auf Anfrage zu dem Fall äußern.

Von Marita Zimmerhoff

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