Berlin Fashion Week

Der Mode-Zirkus gastiert wieder

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Foto: Designerin Lena Hoschek schickt ihre Models traditionell am ersten Tag der Fashion Week auf den Laufsteg im Fashion-Week-Zelt.

Berlin - In diesen Tagen stolzieren noch ein paar mehr stilsichere Menschen durch Berlin als im restlichen Jahr. Am Brandenburger Tor, dem alten Flughafen Tempelhof und vor den angesagten Klubs der Stadt tummeln sich die Modeexperten und -liebhaber. Es ist wieder Fashion Week in der Hauptstadt.

Früher war zwar nicht alles besser, aber es war auf jeden Fall noch einiges anders. Da war der Mode-Zirkus ein elitärer Kreis, in den nur der aufgenommen wurde, der irgendwie wichtig genug erschien. Chefredakteure bedeutender Modemagazine zum Beispiel, Händler, Einkäufer und natürlich die Designer selbst. Seit mittlerweile elf Jahren, immer dann, wenn in Berlin der Fashion-Zirkus gastiert, bringen sie etwas mehr Farbe in die Hauptstadt.

Gestern war es wieder so weit. Und auf den ersten Blick war alles wie immer: Der aus Laos stammende Berliner Hien Le eröffnete mit seiner Show die elfte Fashion Week. Hien Le gehört zu den Shooting-Stars der jungen deutschen Designer-Szene. Ein Minimalist, der auf elegante Schnitte und Karo-Prints setzt, die, wie er sagt, „von der Architektur beeinflusst sind“. Im vergangenen Sommer hatte sich Hien Le von der Tierwelt inspirieren lassen und Libellenflügel auf Seidenkleider gedruckt.

Viel Tüll, Spitze und weite Röcke gab es im Anschluss bei Lena Hoschek zu sehen, deren Retro-Look sich am mondänen Stil der frühen 50er Jahren orientiert. Hoscheks Mode ist das Gegenteil zu den puristischen Schnitten eines Hien Le. Und doch ist die gebürtige Österreicherin mittlerweile ebenso erfolgreich und gehört wie ihr Kollege zu den Aushängeschildern der Fashion Week.

Auch das weiße Zelt steht wie immer trotzig direkt vor Brandenburger Tor und versperrt den Touristen den Blick aufs historische Berlin. Aber in dieser Woche geht es schließlich um die Trends von Morgen. 50 Designer zeigen ihre Kreationen für die kommende Herbst- Wintersaison. Ein Anlass, der mehr als 250.000 Fachbesucher in die Stadt locken wird. Die Fashion Week im Herzen Berlins ist neben den unzähligen zeitgleich stattfindenden Modemessen weiterhin der Magnet für die Branche - und natürlich für die mehr oder weniger wichtige Prominenz. Man fachsimpelt an der Sektbar, um anschließend in der Dunkelheit des Showroom zu verschwinden. Drin ist nur wer in ist oder erfolgreich bei Designern und PR-Agenturen um Eintrittskarten gebettelt hat.

Doch genau das verändert sich schrittweise. Die modeverrückten jungen Mädchen, die früher noch draußen bleiben mussten und verwackelte Handybilder von sich selbst ins Internet stellten, bekommen mittlerweile Karten für die ersten Reihen am Catwalk. Jessica Weiß, Deutschlands bekannteste Modebloggerin (www.journelles.de) nennt das die „Demokratisierung von Mode“. Weiß gehört zu denen, die dazu beigetragen haben, dass der Kreis derjenigen, die mitreden dürfen, größer geworden ist.

Die Revolution allerdings löste der Macher der Streetwear-Messe Bread & Butter, Karl-Heinz Müller, vor wenigen Tagen aus. Im Vorfeld der Modewoche verkündete Müller, seine Messe im kommenden Sommer erstmals auch fürs Fußvolk zu öffnen. Wenn auch zunächst nur für einen Tag - man will die Branche ja nicht gleich mit Heerscharen von fashionverrückten Teenagern überfordern -, so sorgte die Ankündigung dennoch für Irritationen bis hin zu leichten Schockzuständen. Das Fachmagazin „Textilwirtschaft“ titelte beispielsweise „Er ist verrückt geworden“. Man bleibt eben doch lieber unter sich. Dabei ist für Müller vor allem die Branche „ver-rückt“, wie er sagt. Die maßgeblichen Impulse kämen nämlich schon lange nicht mehr allein von Marken, Händlern oder der Presse. Statt dessen würden Lifestyle-Blogger sowie gut informierte Konsumenten immer stärker das Image von Marken und Labels prägen. Heißt: Jeder kann mitreden und am Ende dazu beitragen, welcher Trend in der nächsten Saison in den Schaufenstern hängt.

Weiß, die mittlerweile eine der gefragtesten Modekritikerinnen im Fashion-Zelt ist, glaubt zwar, dass die Fashion Week ihre Exklusivität nie ganz einbüßen wird - „aber das Internet hat sie verändert“, sagt sie.

Und wer klug ist, der nutzt eben diese Veränderung aus. Peek & Cloppenburg, der hauseigene Online-Ship Fashion ID sowie die Veranstalter IMG Fashion lassen ausgesuchte Marken wie Marc Cain, Napapijri oder Gant auf dem Laufsteg von Topmodel Franziska Knuppe präsentieren. Mode für jedermann, die im Anschluss direkt im Internet erworben werden kann. Noch vor ein paar Jahren wäre so etwas auf einer Fashion Week undenkbar gewesen. Was nicht heißt, dass früher alles besser war.

Von Nora Lysk

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