Tote Küsterin

Mord im Gotteshaus Braunlage

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Die Kirche, in der die zehnfache Mutter erschossen wurde, ist weiterhin abgesperrt.

Braunlage - Die Menschen in Braunlage sind geschockt. Wer erschoss die Küsterin Elke C. in Braunlage zwei Tage vor der Taufe ihres zehnten Kindes? Ihr Mann? Ihr Sohn?

Es ist eine Todesanzeige wie tausende andere. Die gleichen Worte. Als sei auch dieser Tod einer wie tausend andere. „Alles hat seine Zeit“, steht auf der vergrößerten Anzeige, die über den Treppenstufen zur Kirche thront. „Es gibt eine Zeit der Freude, eine Zeit der Stille, eine Zeit des Schmerzes, der Trauer und eine Zeit der dankbaren Erinnerung.“ Neben dem Schild flackern Grablichter.

Elke C., deren Tod die Anzeige verkündet, war Mutter von zehn Kindern und Küsterin sowie Pfarrgemeinderatsvorsitzende der katholischen Kirchengemeinde „Heilige Familie“ in Braunlage. In dieser Kirche ist die 48-Jährige am Freitagabend erschossen worden. Von dem Vater ihrer Kinder, Siegfried C.; der gemeinsame 20-jährige Sohn soll ihm bei der Tat geholfen haben. Die Leiche wurde am nächsten Morgen im Kirchenkeller entdeckt.

„Sie war meine rechte Hand“, sagt Pfarrer Stanislaw Poreba. Im Mitteilungskasten der Gemeinde sind noch die Termine der vergangenen Tage angeschlagen. Auch der Taufgottesdienst für Seraphine, der am vergangenen Sonntagmorgen stattfinden sollte. Zu dieser Taufe ist es nicht mehr gekommen. Denn die Mutter des dreijährigen Mädchens war Elke C.

Wie sich der blutige Schlussakt der Familientragödie abgespielt hat, ist noch unklar. Deutlich aber zeigt sich schon jetzt, dass im Hintergrund wie so oft ein Trennungsdrama steht. Schon vor drei Jahren brach die Ehe auseinander. Der Ehemann, ein frühpensionierter Verwaltungsbeamter, setzte sich nach Griechenland ab, seine Frau reichte die Scheidung ein. Nach der Geburt ihres fünften Kindes habe sich Elke C. sterilisieren lassen, dies aber auf Druck ihres Mannes wieder rückgängig gemacht, wird erzählt. Dabei habe sich der Mann kaum um die Kinder gekümmert.

Erst 2006 war die Familie aus dem Ruhrgebiet nach Braunlage übergesiedelt und hatte sich in dem Harzkurort ein ehemaliges Polizeifortbildungsheim gekauft – ein riesiges Anwesen mit Bettentrakt und Schulungsräumen. Es sieht so aus, als habe das Ehepaar die Folgekosten unterschätzt. „Die haben sich damit überhoben“, meint auch Braunlages Bürgermeister Stefan Grote. Da es der Familie an Geld gefehlt habe, seien schließlich Strom und Wasser abgestellt worden. Auch städtische Abgaben wie Grundsteuern und Straßenreinigungsgebühren habe die Familie nicht mehr bezahlen können und sei deshalb in zwei Sozialwohnungen der Stadt umquartiert worden.

Eine Nachbarin liefert eine etwas andere Version. „Der Mann hat im Winter 2009 die Heizung abgestellt, während seine Frau mit den Kindern verreist war, und ist nach Griechenland gefahren“, sagt die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Kurze Zeit später ist alles eingefroren, und als es taute, sind dann die Rohre geplatzt.“ Das ganze Haus habe voller Wasser gestanden – auch die Kinderzimmer. Spätestens zu diesem Zeitpunkt sei Elke C. entschlossen gewesen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen. „Die wollte endlich ihre Ruhe von dem Kerl haben; der sollte verschwinden aus ihrem Leben, nichts weiter“, sagt die Nachbarin. „Und dann kommt der einfach wieder. Unbegreiflich.“

Schon vor anderthalb Jahren sei der „Verschollene“ plötzlich wieder einige Wochen lang in Braunlage aufgetaucht – und zwar mit seinem ältesten Sohn, der seinen Vater nach Griechenland begleitet hatte. Zuvor hatte der junge Mann offenbar die Hauptschule beendet. Der Rentner Walter Minnich, der auf der anderen Straßenseite wohnt, will beobachtet haben, wie Vater und Sohn einen Tag vor der Tat ums Haus geschlichen sind. „Seine Frau hat ihn nicht reingelassen“, sagt der 73-Jährige. „Das kannten wir ja schon.“

Nein, es hat ihn gar nicht gewundert, als Siegfried C. als mutmaßlicher Täter identifiziert wurde. Der Mann muss seiner Frau in die Kirche gefolgt sein, wo sie am späten Freitagnachmittag mit einem Gottesdienst beschäftigt war.

Wie eine Bombe schlug jetzt die Nachricht in Braunlage ein, dass gegen den Sohn nun ebenfalls Haftbefehl erlassen wurde – wegen Beihilfe zum Mord an seiner eigenen Mutter. Noch unfassbarer ist für die Nachbarin, dass sich auch Tabea, die zwölfjährige Tochter der Küsterin, ihrem Vater und Bruder angeschlossen hat, als die nach der Tat ins Ausland flüchteten. „Das ist mir völlig unverständlich“, sagt die Frau. „Die hat doch so an ihrer Mutter gehangen.“ Als Ministrantin sei Tabea auch mit ihrer Mutter zur Kirche gegangen.

Bürgermeister Grote indessen weiß zu berichten, dass die Kinder durchaus auch ihren Vater liebten. „Die haben ihn sehr vermisst, der hat ihnen gefehlt.“ Einmal habe er sie beim Sternsingen begleitet und auch im Rathaus Geld für kirchliche Projekte gesammelt.

„Bestürzung, Trauer, Schock“

Die Sympathien der Braunlager allerdings gelten eindeutig der getöteten Küsterin. „Sie war der Mittelpunkt der Familie, fleißig, freundlich und sozial engagiert“, sagt der Bürgermeister. „Die liebste Frau, die man sich denken kann“, sagt auch die Nachbarin. „Da kann man nichts Schlechtes sagen.“ Neben ihrer Tätigkeit als Küsterin habe Elke C. auch geputzt, um über die Runden zu kommen. „Der Mann hat ja die Konten für sie gesperrt. Sie hatte doch nichts.“

Dies bestätigt auch Bürgermeister Grote. „Der Vater hatte die Kontrolle über die Finanzen.“ Da sich ihr Mann zumeist in Griechenland aufhielt, stand Elke C. mit ihren Kindern weitgehend allein. Zwei erwachsene Töchter waren zwar bereits ausgezogen, ein Kind lebte in einem Behindertenheim und der älteste Sohn bei seinem Vater, doch die übrigen Kinder waren auf die Mutter angewiesen. Und wenn die zur Arbeit war, mussten sich die Älteren um die Jüngeren kümmern. Nach dem Tod ihrer Mutter wurden nun alle Kinder in Pflegefamilien untergebracht. Die untere Etage des Mehrfamilienhauses in der Blankenburger Straße ist verwaist – offenkundig so plötzlich, dass niemand dazu kam, die Wäsche abzunehmen, die auf dem Balkon zum Trocknen aufgehängt worden war. Dass hier einmal Kinder gewohnt haben, deuten nur noch die bunten Papierblumen und Stofftiere in den Fenstern an.

„Bestürzung, Trauer, Schock“ – mit diesen Worten beschreibt Kirchenvorsteher Christian Klamt seine Reaktion auf den gewaltsamen Tod der Küsterin, die viel für die Ökumene getan und auch eine evangelische Kirchengemeinde unterstützt habe. Da die Kirche der „Heiligen Familie“ als Tatort gesperrt war, hielt die Gemeinde am Sonntagmorgen zu Ehren der Getöteten eine Andacht vor dem Portal unter freiem Himmel ab. Es werde nicht leicht sein, die Gläubigen in die Kirche zurückzuführen, sagt Klamt, der sein Geld als Geschäftsführer der Braunlage Tourismus GmbH verdient. Der „Raum des Glaubens“ sei schließlich zum Tatort geworden. „Das sind zwei Pole, die unterschiedlicher nicht sein können.“

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig bestätigte unterdessen, dass Elke C. tatsächlich in den Räumlichkeiten der Kirche erschossen wurde. Vater und Sohn hatten sich am Sonntag in München der Polizei gestellt. Sie sollen nun nach Braunschweig überführt und unter anderem zu den Motiven befragt werden.

Gerüchten zufolge soll es bei dem Ehedrama auch um Geld und Grundbesitz gegangen sein. Für die Nachbarin der Getöteten aber ist dies ziemlich abwegig. „Frau C. war doch die ärmste Frau, die man sich vorstellen kann. Da gab es nichts mehr zu holen.“ Zündender Funke für die Tat könne hingegen die bevorstehende Taufe der kleinen Seraphine gewesen sein. „Vielleicht war er einfach wütend, dass er dazu nicht eingeladen war.“

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