Ein Jahr danach

Mord an Lena in Emden löst immer noch Entsetzen aus

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Foto: Am 24. März jährt sich der Mord an der elfjährigen Lena.

Emden - Ein Jahr nach dem Mord an der elfjährigen Lena aus Emden sind die Wunden, die die Tat hinterlassen hat, in der Stadt nicht verheilt. Vor allem mit Rücksicht auf die Familie gibt es keine offizielle Gedenkfeier.

Sie wollte Enten füttern in den Wallanlagen, doch sie starb einen grausamen Tod in einem Parkhaus mitten in der kleinen ostfriesischen Stadt. Am 24. März vor einem Jahr erschütterte der Mord an der elfjährigen Lena aus Emden die Menschen. Neben dem Entsetzen über das brutale Verbrechen sorgten Lynchaufrufe gegen Unschuldige für Empörung. Auch wurden Ermittlungspannen bekannt.

Inzwischen ist der 19 Jahre alte Täter wegen Mordes, versuchten sexuellen Missbrauchs und gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Er kam auf unbestimmte Zeit in eine Psychiatrie. Doch am ersten Jahrestag sind die Wunden in der 50.000-Einwohner-Stadt noch nicht verheilt. Äußern will sich niemand mehr zu der Tat. Das grausame Geschehen soll nicht wieder aufgerührt werden.

„Eine Gedenkveranstaltung gibt es nicht, mit Rücksicht auf Lenas Familie soll wieder Ruhe einkehren“, sagt Stadtsprecher Eduard Dinkela. Als ziemlich problematisch sieht er daher ein Filmprojekt an, in dem die Tat noch einmal als Drama auf die Bildschirme kommen soll. „Ich bin skeptisch, ob sich das Verbrechen als Vorlage für einen Spielfilm eignet“, meint er.

Es ist ein sonniger Frühlingstag, als sich Lena im vergangenen Jahr am 24. März auf den Beginn der Osterferien freut. Ihr Ausflug in die Wallanlagen endet jäh. Der damals 18 Jahre alte Täter lockt die Schülerin in ein Parkhaus in Sichtweite der Polizeistation. Ein Video der Überwachungskameras zeigt, wie sie ihrem Mörder ins Gebäude folgt. Der vergreift sich später im Treppenhaus an Lena, sticht mit einem Messer auf sie ein und erwürgt sie schließlich.

In Emden kocht Wut hoch über den Mord. Schnell macht der Bericht über eine erste Festnahme die Runde. Im sozialen Netzwerk Facebook kursieren Lynchaufrufe, darauf belagert ein Mob die Polizeiwache und fordert die Herausgabe des jungen Mannes. Doch der ist unschuldig: Nach seiner Freilassung aus der Untersuchungshaft verlässt er aus Angst die Stadt.

Die Stimmung in Emden bleibt auch nach der Festnahme des später verurteilten Täters angespannt, als Ermittlungspannen durchsickern. Der Jugendliche war bei der Polizei als pädophil bekannt. Er hatte sich schon im November 2011 selbst angezeigt, da er kinderpornografische Fotos besaß. Zudem fotografierte er ein nacktes siebenjähriges Mädchen. Doch frühe Ermittlungen bleiben in der Bürokratie hängen, eine Hausdurchsuchung wird versäumt.

Untersuchungen gegen Polizisten wegen der Pannen wurden inzwischen eingestellt. Ein Nachspiel hat jedoch die Internet-Hetze von Jugendlichen: Ein 18-Jähriger wird wegen der Lynchaufrufe zu zwei Wochen Jugendarrest verurteilt, gegen einen zweiten Jugendlichen ist Anklage erhoben. Der Prozess steht noch aus.

„Diese Tage wird hier niemand vergessen“, sagt Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann (SPD) später im Rückblick auf das Verbrechen. „Diese sinnlose Tat hat uns alle überfordert“, fasst auch Pastor Manfred Meyer das Geschehen zusammen. Der Geistliche versucht, der Familie wieder einen Weg zurück in den Alltag zu ebnen. Lenas Eltern hatten sich nur einmal über ihre Anwälte öffentlich geäußert: Sie wollten „ihrer Tochter im Prozess Gesicht und Stimme verleihen“, als sie im Gerichtssaal die Verhandlung verfolgten.

Der Fall und seine Vorgeschichte

Oktober 2010: Der Jugendliche macht Nacktfotos von einer Siebenjährigen. Seine Mutter erwischt ihn dabei.

26. September 2011: Der Stiefvater erstattet bei der Polizei Anzeige, weil der Jugendliche Kinderpornos aus dem Internet heruntergeladen hat.

23. November 2011: Der inzwischen 18-Jährige zeigt sich bei der Polizei an und berichtet von den Nacktaufnahmen im Jahr zuvor.

24. November 2011: In Emden wird eine Joggerin überfallen. Nach dem Mord an Lena ergibt ein DNA-Test, dass der 18-Jährige der Angreifer war.

20. Dezember 2011: Ein Gericht ordnet eine Hausdurchsuchung bei dem jungen Mann nach kinderpornografischen Bildern an.

30.Dezember 2011: Der Beschluss geht bei der Polizei inAurich ein und bleibt dort monatelang liegen.

24. März 2012: Lena wird in einem Parkhaus inEmden getötet.

27. März 2012: Die Polizei nimmt einen 17 Jahre alten Emder als Tatverdächtigen fest. Im Internet werden Lynchaufrufe verbreitet.

30. März 2012: Der 17-Jährige stellt sich als unschuldig heraus.

31. März 2012: Die Ermittler geben bekannt, dass sie einen neuen Verdächtigen festgenommen haben, der den Mord an Lena gestanden hat.

3. April 2012: Die Polizei räumt öffentlich Pannen wie die versäumte Hausdurchsuchung ein. Disziplinarverfahren gegen acht Polizisten werden eingeleitet.

27. Juli 2012: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den 18-Jährigen wegen des Mordes an Lena.

20. August 2012: Der Prozess am Landgericht Aurich beginnt.

4. Oktober 2012: Das Gericht lässt den Angeklagten von der Untersuchungshaft in die Psychiatrie verlegen.

7. November 2012 :Das Gericht verurteilt den jungen Mann wegen Mordes. Der 19-Jährige bleibt auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie.

lni/dpa

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