Prozessauftakt gegen Wolfsburger

Muslimverbände warnen vor Hasspredigern

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Foto: Gläubige beten in einer Moschee im Nordirak. An der Moschee hängt eine Flagge des Islamischen Staates.

Hannover/Celle - Zu Beginn des Prozesses gegen zwei Wolfsburger, die für die Terrororganisation IS in den Dschihad gezogen sind, warnen die muslimischen Gemeinden in Niedersachsen vor den Aktivitäten von Hasspredigern. Einer der Angeklagten war von einem „falschen Prediger“ in Wolfsburg angeworben worden.

„Staat und Gesellschaft müssen klarmachen: Wir stellen uns gegen radikale Prediger. Wir stellen uns gegen jede Form von Extremismus“, sagte der Vorsitzende des Landesverbandes der Muslime, Avni Altiner, der HAZ.„Ein solches Problem ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns alle herausfordert.“

Vor dem Oberlandesgericht Celle müssen sich ab Montag zwei Deutsch-Tunesier verantworten, die sich im vergangenen Jahr der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) angeschlossen haben sollen. Beide Männer sind weitgehend geständig. Einer von ihnen, der 26-jährige Ebrahim H. B., hat in einem NDR-Interview ausführlich über seine Rekrutierung als Kämpfer für den IS berichtet.

Vom „falschen Prediger“ angeworben

Demzufolge wurden er sowie weitere junge Männer von einem „falschen Prediger“ in Wolfsburg angeworben. Der Werber des IS hat nach Angaben von Ebrahim H. B. Druck aufgebaut: „Wie kannst du in Ruhe schlafen, also in der Wärme mit Heizung, wo junge Muslime gerade verhungern oder Frauen vergewaltigt werden?“, soll er gefragt haben. Der IS-Mann malte aber auch das Bild einer rosigen Zukunft. „In Syrien kannst du das teuerste Auto fahren, das du dir in Deutschland gar nicht leisten kannst“, lockte er laut Ebrahim H. B. Man könne dort bauen und vier Frauen heiraten.

In dem Interview, das Ebrahim H. B. einem Journalistenteam von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ gab, erzählte er zudem von seiner Waffenausbildung in Syrien und von grausamen Szenen, die sich abgespielt hätten. So sei ein junger Mann unter Spionageverdacht geraten und umgebracht worden. Die Leiche habe man ihm, Ebrahim H. B., ins Zimmer gebracht und den Kopf daraufgelegt. „Zum Abschrecken.“ Die Schlussfolgerung des 26-Jährigen: „Wenn du da hingehst, bist du entweder tot oder tot.“ Der Angeklagte, der sich als Selbstmordattentäter für einen Anschlag in Bagdad zur Verfügung gestellt haben soll, entkam dem IS nach eigenenen Angaben und kehrte über die Türkei nach Wolfsburg zurück.

60 Menschen aus Niedersachsen offenbar beim IS

Das Landeskriminalamt in Niedersachsen geht davon aus, dass sich bislang rund 60 Menschen aus Niedersachsen dem IS in Syrien beziehungsweise im Irak angeschlossen haben, darunter auch zwölf Frauen. In Hannover gibt es seit April dieses Jahres eine Beratungsstelle, an die sich Menschen wenden können, wenn sie Sorge haben, dass Angehörige oder Freunde in das Lager militanter Islamisten abzudriften drohen. Das Präventionsprojek Herutt sei „bislang gut angelaufen“, sagte ein Sprecher des Sozialministeriums der HAZ. Es gebe viele Kontaktaufnahmen, meistens von Familienmitgliedern oder Freunden, aber auch aus dem Schulumfeld der Jugendlichen, die ins Radikale abzurutschen drohen. „Es hat sich bereits bewährt, dass wir die Stelle eingerichtet haben.“

Verhandlungen hinter Panzerglas

Einlasskontrollen im Gericht: Für den Prozess gegen die beiden mutmaßlichen IS-Mitglieder aus Wolfsburg hat das Oberlandesgericht Celle besondere Sicherheitsmaßnahmen angeordnet. Die Verhandlung wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung soll am Montag um 10 Uhr beginnen. Die Straße vor dem Gerichtsgebäude wird abgesperrt. Zuschauer und Journalisten werden vor dem Betreten des Gerichtssaals durchsucht, sie dürfen keine Handys, Laptops, Taschen und Feuerzeuge mit in die Verhandlung nehmen. Der Zuschauerbereich im Gerichtssaal ist durch Panzerglas vom Verhandlungsraum getrennt, auch die Angeklagten sitzen hinter schusssicheren Scheiben.

Schon der erste Prozesstag könnte spannend werden, weil die Angeklagten offenbar bereit sind, vor Gericht auszusagen. Den beiden Angeklagten drohen mehrere Jahre Haft. Polizei und Justiz hoffen wohl auch, dass die Aussagen der Angeklagten junge Muslime davon abhalten können, sich der Terrororganisation IS anzuschließen. So ist es wohl zu erklären, dass einer der Angeklagten ein langes Interview geben durfte, das der NDR im Fernsehen sendete.

Von Heiko Randermann und Valentin Frimmer

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